In Extremo - Sünder Ohne Zügel - Cover
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In Extremo Sünder Ohne Zügel


  • Label: Island/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 44 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Nein, mit Rammstein sind sie wirklich nicht zu vergleichen, obwohl man von der Kategorie darauf schließen könnte: Metal aus Deutschland. Da ist nur ein Problem: der Dudelsack. Die Jungs von In Extremo fabrizieren keinen gewöhnliches Metall deutscher Wertarbeit, sondern Mittelalter-Metal. Zu harten Gitarren und trockenem Schlagzeug gesellen sich auf äußerst harmonische und melodische Weise Harfe, Cyster, Dudelsack, Schalmey, Flöte, Nyckelharpa, Kettledrum und Trumscheid. Seltsam? Nicht genug. Sie nennen sich Das letzte Einhorn (Gesang, Harp, Cyster), Der Lange (Gitarre), Die Lutter (Bass, Trumscheid), Der Morgenstern (Schlagzeug, Percussion, Pauke, Das Pferd), Dr. Pymonte (Dudelsack, Schalmey, Flöte, Harfe), Flex der Biegsame (Dudelsack, D-Sack, Schalmey, Flöte) und Yellow Pfeiffer (Dudelsack, C-Sack, Schalmey, Flöte, Nyckelharpa).

Gegründet im Jahr 1996 bringen die eigenwilligen Brachial-Barden mit „Sünder ohne Zügel“ nach „Weckt die Toten“ (1998) und „Verehrt und angespien“ (1999) zwar erst ihr drittes offizielles Album an den Start, allerdings sollen die teilweise in Eigenvertrieb erschienenen Werke „In Extremo Gold“ (1997), „Hameln“ (1998) und „Die Verrückten sind in der Stadt“ (1999) nicht unerwähnt bleiben.

„Sünder ohne Zügel“ ist ein weiterer logischer Schritt in der Entwicklung der Sieben. Oder wie es Sänger Das letzte Einhorn formulierte: Nachdem das Haus mit „Weckt die Toten“ gebaut und mit „Verehrt und angespien“ das Dach gedeckt wurde, kann endlich eingezogen werden und die Hütte mit vollem Glanz ausgeschmückt werden. Die Band hat sich bewiesen, ist in sich gefestigt und sucht nach neuen Wegen und Möglichkeiten. Und genau das ist unüberhörbar. Offenheit für Innovationen, Experimente und Ideen, die Verbindung von Ursprünglichkeit und Bodenständigkeit soll „Sünder ohne Zügel“ symbolisieren. Bezeichnend für die Originalität der Combo ist ein Instrument, das sie „Das Pferd“ nennen: eine selbstgebaute, fast anderthalb Meter breite Rahmentrommel, die das gesamte Fell eines Pferdes verschlingt.

So gehoben der Anspruch, so vielfältig der Gesang. Nicht nur auf Deutsch, sondern auch auf Latein, Gälisch, in altertümlichem Französisch und mittelalterlichem Wirrwarr wird intoniert, wobei sich der Stil sehr von Rammsteins nur scheinbar artverwandtem Till Lindemann unterscheidet.

Die CD beginnt mit einem antreibenden und im Refrain mit Dudelsack verziertem „Wind", unterstützt vom Synthesizer. Die „Merseburger Zaubersprüche" werden von einer wunderbaren Harfe begleitet und entwickeln sich zu einem langsam dahinstampfenden Song voller Harmonie und Härte. Mit „Stetit Puella" folgt eines der schönsten Lieder des Albums - auf Latein. Aber keine Angst: Der Text wird im Laufe des Liedes übersetzt. Und wieder mal so ein schöner Refrain, untermalt von diesem wunderbaren Dudelsack. Inhaltlich dominiert die Sünde und die Hemmungslosigkeit - jahrhundertealte Themen, die auch heute noch aktuell sind. Mit „Vollmond" und „Die Gier" folgen zwei Liebeslieder voller Leidenschaft und sanfter Härte. „Omnia Sol Temperat" (Die Sonne wärmt alles) ist eine lateinische Ode an die Sonne, „Unter dem Meer" ein langsames Stück voller Trauer und Leid.

Nicht alle Texte sind aus eigener Feder, teilweise bedienen sich In Extremo im Fundus von Carl Orffs „Carmina Burana" („Lebensbeichte", „Stetit Puella", „Omnia Sol Temperat") oder bei Johann Wolfgang von Goethe („Der Rattenfänger"). Daneben sind aber auch eigene Texte wie in „Wind“ und „Die Gier“ auf dem Album zu finden.

Alles in allem hat In Extremo ein hervorragendes Metal-Album herausgebracht, das durch die äußerst innovative Kombination aus hartem Rock und sanften mittelalterlichen Instrumenten überzeugt. Dass es für diese kuriose Art von Musik tatsächlich einen Markt gibt, bewies das Vorgängeralbum. „Verehrt und angespien“ schaffte es immerhin bis auf Rang 11 der deutschen CD-Charts.

Anspieltipps:

  • Wind
  • Stetit Puella
  • Vollmond
  • Die Gier
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