Incubus - Morning View - Cover
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Incubus Morning View


  • Label: Epic/SONY
  • Laufzeit: 58 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
6.7/10 Leserwertung Stimme ab!

Gut eine Dekade ist es her, dass sich eine junge Band aus Kalifornien ein Haus mietete, um zusammen mit einem angesagten Produzenten ein Album aufzunehmen, das später den großen Durchbruch bedeutete. Die Rede ist von den Red Hot Chili Peppers, die mit Rick Rubin an den Reglern eines der Meisterwerke der 90er Jahre aus dem Hut gezaubert haben: „Blood, sugar, sex, magik“.

Das gleiche Schauspiel trug sich im Frühjahr 2001 in einer Villa in Malibu erneut zu, als sich die aufstrebende Band Incubus (Brandon Boyd , Mike Einziger , Chris Kilmore , Dirk Lance , Jose Antonio Pasillas ) mit Starproduzent Scott Litt (R.E.M., Days Of The New) für die Aufnahmen des vierten Longplayers „Morning view“ für zwei Monate zurückzog.

Wer das Glück hat, die limitierte Auflage der CD zu ergattern, kommt in den Genuss eines „Making of morning view“. Man wird Zeuge, unter welch traumhaften Bedingungen das Album eingespielt wurde (das Cover der CD zeigt übrigens den Strand vor dem Haus) und spürt dadurch regelrecht, wie diese entspannte Atmosphäre auf das Songwriting abgefärbt hat. Aus dem ehemals wilden Funk-Rock-Crossover der ersten Alben „Fungus amongus“ , „S.c.i.e.n.c.e.“ und „Make yourself“ , einer Art Mixtour aus Primus, den Chili Peppers und Faith No More, ist ein angenehm entspannter Rock-Sound geworden, der klischeefreie Lyrics in tiefsinnige Kompositionen einbettet. Grundlage dieser als „warm“ empfundenen Töne ist die Tatsache, dass das Album bis auf die Backgroundvocals komplett live eingespielt wurde, was ja im digitalem Zeitalter als überholt gilt.

Dies soll aber nicht heißen, dass die vorliegende Langrille nicht rockt und sich einem Weichspülersound hingibt. Das nun wirklich nicht! Schon die Anfangs-Troika aus „Nice to know you“, „Circles“ und „Wish you were here“ ist ein wahres Riff-Feuerwerk mit ohrwurmartigen Refrains. Der Unterschied zu anderen Bands des Genres ist nur, dass Incubus ihre Energie nicht für billige Effekthaschereien verschwenden, sondern direkt auf den Punkt kommen. Nach diesem energiegeladenen Auftakt beginnt eine ruhigere Phase, bei der dann auch ein wenig experimentiert werden darf. So ist „Just a phase“ eine Akustik-Ballade mit Streichern und zart eingestreuten Scratches, die von satten Bass-Sounds veredelt wird. Gerade der Bass übt auf dem Album eine entscheidende Funktion aus. Bei entsprechender Lautstärke graben sich die extrem tiefen Töne in die Magengrube des Hörers und lassen in der Nähe der Boxen abgestellte Gläser oder Tassen erzittern.

„Blood on the ground“ ist ein starker Song aus der ersten Liga des Groove-Rock. „Mexico“ erzählt dagegen von gewissen Personen aus dem Umfeld von Sänger und Texter Brandon Boyd, die in bestimmten Situationen ein äußerst egoistisches Handeln an den Tag gelegt haben und jetzt die Quittung von Herrn Boyd bekommen („You only think about yourself. You better bend before I go on the first train to Mexico. You could see me breathing. And you still kept your hand over my mouth. You could feel me seething. But you just turned your nose up in the air“). Dazu zirpt die Akustikgitarre und säuseln die Streicher. Einfach schön.

Einer der vielen Höhepunkte ist der Song „Echo“, der schlicht und ergreifend eine perfekt ausgearbeitete Pop-Rock-Symphonie darstellt, in die sich jeder Musikfreund verlieben muss. Man kann in den schwebenden Arrangements förmlich die Räucherstäbchen im Bandproberaum riechen und sich vorstellen, wie die Band in der Villa am Meer zwischen Verstärkern, Instrumenten, Kerzen und Lichterketten in den Sonnenuntergang hineinspielt. Das sind Emotionen galore.

Die aktuelle Singleauskopplung „Are you in“ unterstreicht mit dem gnadenlos coolen Video-Clip im Schlepptau nochmals die ausgelassene Stimmung, die während der Aufnahmen geherrscht haben muss. Als Rausschmeißer gibt es dann noch das knapp acht Minuten lange „Aqueous transmission“, das sich mit Gitarren, Flöten und von Suzie Katayama arrangierten Streichern an asiatischen Klängen orientiert und in einem 60-sekündigen Froschgequake mündet. Diese Tierchen leben im Garten der Villa und störten durch ihr lautes Quaken die Nachtruhe empfindlich. „Zum Dank“ wurde es nun auf CD verewigt.

Mit „Morning view“ ist dem Fünfer aus Kalifornien ein unglaublich stimmungsvolles, annähernd perfektes, Album gelungen, das im Prinzip ohne Hitsingles auskommt, aber mit unten aufgeführten Anspieltipps absolute Highlights des abgelaufenen Musikjahres abliefert.

Anspieltipps:

  • Wish you were here
  • Nice to know you
  • Are you in?
  • Warning
  • Echo
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