Savoy Grand - Burn The Furniture - Cover
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Savoy Grand Burn The Furniture


  • Label: Glitterhouse Records/INDIGO
  • Laufzeit: 57 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
5.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Das Musikjahr 2002 neigt sich langsam dem Ende entgegen. Äußerliches Kennzeichen dafür ist die im September eines Jahres für gewöhnlich letztmalig stattfindende Veröffentlichungswelle halbwegs relevanter Alben. Danach nehmen die Top-Seller der Branche das Ruder in die Hand und läuten das Weihnachtsgeschäft mit unsäglich nutzlosen Zusammenstellungen ihrer Greatest Hits, Live-Alben, B-Seiten-Sammlungen und sehr gerne mit Wiederveröffentlichungen alter Studioalben mit „unverzichtbaren“ Bonus-CDs ein. Genau die richtige Zeit also, um sich mit den wenigen Perlen eines höhepunktarmen Jahres zu beschäftigen.

Zu den Meisterwerken der Saison zählt definitiv das Album des englischen Quartetts Savoy Grand, das den Hörer im Titel dazu auffordert, das Mobiliar zu verbrennen („Burn the furniture“). Dabei hat die Musik der Herren Graham Langley (Vocals), Oliver Mayne (Bass, Vibraphon), Kieran O’Riordan (Drums, Percussion) und Ian Sutton (Klavier, Trompete), die alle noch bürgerlichen Berufen nachgehen, keinerlei aggressives Potenzial, sondern definiert die Speerspitze der neuen „Quiet is the new Loud“-Bewegung.

Die Band wurde 1997 gegründet und 1999 von der britischen Hype-Mafia des New Musical Express zusammen mit Coldplay zu den hoffnungsvollsten Newcomern gekürt. Damit hat das Revolverblatt ausnahmsweise mal Recht behalten. Jetzt liegt das erste richtige Studioalbum vor, denn der Vorgänger „Dirty pillows“ war lediglich eine Sammlung von Single- und EP-Tracks, die trotzdem hymnische Besprechungen in der Fachpresse erhielt. Da man Musik zugegeben gerne in Sparten kategorisiert, bekommt der gemeine, in Schubladen denkende Musikliebhaber beim Namen Savoy Grand Schweißperlen auf der Stirn. Die Musiker zementieren auf ihren CDs episch romantische Kleinode in einer Mischung aus Pop, Folk, Jazz, Klassik und Ambient. Das sprengt jeden Rahmen und sorgt beim ersten Hörgenuss für eine gewisse Fassungslosigkeit. Die Fachwelt überschlug sich mit neuartigen Begriffsfindungen und zitierte immer wieder die schier unglaubliche Langsamkeit und Stille mit der Savoy Grand ihre Songwriter-Katharsis betreiben.

Tatsächlich ist es sensationell wie die Lieder richtiggehend zu atmen scheinen und den Raum mit einer Wolke aus Schwermütigkeit belegen. So eine Musik im Ruhezustand kennt man eventuell von Gruppen wie Low oder Songs: Ohia, doch die Konsequenz der Nottighamer ist unübertrefflich. Graham Langleys sanfte Stimme steht wie ein Monolith in der Weite des Raumes, während eine leise Trompete erklingt und ganz sachte Bass, Gitarre, Streicher und Schlagwerkzeuge aufspielen. Dieses Gebilde aus zeitlupenartigen Moll-Klängen wird von Zeit zu Zeit durch dissonante E-Gitarren- oder Bläser-Riffs aufgerissen, die so für dezente Eruptionen sorgen. Dazu Sänger Graham Langley: „Ich bin kein trauriger Mensch. Ich glaube, dass ich deswegen überlebe, weil ich traurige Dinge in meinen Songs verarbeite. Ich kann meine Gefühle durch die Musik ausdrücken. Das klingt wie ein Klischee, aber Klischees tendieren dazu, wahr zu sein. Ich denke nicht, dass ich einsamer und ängstlicher bin als die anderen Menschen da draußen. Aber im Gegensatz zu denen, die sich das nicht eingestehen, thematisiere ich es in meinen Songs."

Es bringt sicher nicht sonderlich viel, einzelne Stücke aus der einstündigen Klanglandschaft herauszuheben. Dieses Album ist als eine Einheit wahrzunehmen und funktioniert vermutlich auch nur also solche. Ein Abenteuer, auf das man sich durchaus einlassen sollte! Wer trotz allem einen Anspieltipp benötigt, der soll sich das kongeniale „Glen A Larson“ anhören. Eine Hommage an den amerikanischen Serien-Produzenten, der die Kindheit von (nicht nur) Graham Langley mit grandiosem Unsinn wie „Knight Rider“ oder „The A-Team“ geprägt hat.

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