Herbert Grönemeyer - Mensch - Cover
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Herbert Grönemeyer Mensch


  • Label: Capitol/EMI
  • Laufzeit: 66 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5.9/10 Leserwertung Stimme ab!

Ein in Saft und Kraft stehender Kosmos, in dem sich melodische Sinnlichkeit und melodramatische Spannungen so leuchtend entladen wie Blitze am Firmament.

Die Befürchtungen lagen nahe, dass das neue Werk von Herbert Grönemeyer ein Moll-geschwängerter Trauermarsch werden würde. Es hätte wohl auch niemanden wirklich überrascht, wenn der Künstler nach den Schicksalsschlägen, die ihn in kürzester Zeit ereilten, für lange Jahre nicht mehr in der Lage gewesen wäre, Musik zu schreiben. Doch Grönemeyer wäre nicht der, der er ist, wenn er den Schmerz über den Tod seiner Frau und seines Bruders nicht in künstlerischer Form therapiert hätte.

Gab es auf dem Vorgänger „Bleibt alles anders“ (1998) bereits erste zarte Andeutungen zu den Themen Abschied, Trauer und Schmerz, erhält der Hörer mit dem just veröffentlichtem Album „Mensch“ die Vollbedienung. Die gleichnamige Single hat im deutschsprachigen Europa eine Welle der Begeisterung ausgelöst. Herbert Grönemeyer rührt uns mit diesem Lied über das Wesen des Menschen. Ein Lied, das mit der wehenden Leichtigkeit eines tagträumerischen Tangos eine lichte Aura verbreitet, mit wenigen Worten unsere Natur umreißt – und uns so mitreißt. Kaum zu glauben, aber es ist die erste Single, mit der Grönemeyer in seiner Karriere - seit seiner ersten Plattenveröffentlichung im Jahr 1979 - eine Nummer eins in Deutschland erreicht hat. Das Album „Mensch“ wird, da muss man kein Prophet sein, denselben Weg gehen und ein überwältigendes Publikumsecho auslösen. Bereits in der ersten Verkaufswoche wurde in Deutschland Doppelplatin für mehr als 600.000 verkaufte Einheiten erreicht, was schlicht als sensationell bezeichnet werden muss.

War „Bleibt alles anders“ stark geprägt von einer postmodern kühlen Klangästhetik, hat Herbert Grönemeyer mit seinem englischen Co-Produzenten Alex Silva nun einen in Saft und Kraft stehenden Kosmos kreiert, in dem sich melodische Sinnlichkeit und melodramatische Spannungen so leuchtend entladen wie Blitze am Firmament. Ein Jahr lang konnte Herbert Grönemeyer nur Balladen schreiben, kein fröhlicher Ton wollte seiner Feder entweichen. Zu stark war die Entwurzelung, zu schwer wog das Schicksal, das ihm Geliebtes geraubt hatte. Dieses Gefühl der inneren Leere spiegelt sich besonders in „Unbewohnt“ wider. Über eine Melodie wie ein Film noir breitet sich eine bedrohliche Stimmung aus. Selten nur hat ein Künstler die innere Geographie von Depressionen so klar gezeichnet. Ein stummer Schrei, der erschüttert. Das ist die düstere Seite eines Albums, das in keinem Moment weinerlich ist, selbst wenn es mehr als einmal zu Tränen rührt. Irgendwann hat es einen Wendepunkt in der Genesis des Albums gegeben, den Grönemeyer selbst an „Kein Pokal“ festmacht, einem kraftvollen Lied über die Unvereinbarkeit zweier Seelen, über den gescheiterten Versuch einer Liebe. Hier hat er die explosiven, die ekstatischen Momente eingefangen, die ihn als Rockmusiker definieren.

Das bringt uns zu „Neuland“. Das Stück strahlt jene musikalische Trotzigkeit aus, die in der Tradition der wichtigsten Kapitel Berliner Rockmusik steht, wie sie von Nina Hagen, Rio Reiser oder Ideal konstituiert wurden. Und dieser mit trocken rebellischen Gitarrenriffs zündende Song, an den gleich vier Gitarristen, darunter auch Henning Rümenapp von den Guano Apes, Hand angelegt haben, ist wie ein offener Brief ans deutsche Volk. Auch 13 Jahre nach der Wiedervereinigung versprüht Grönemeyer noch immer eine Aufbruchstimmung, die durchdrungen ist von einer tiefen Sympathie für Land und Leute – weniger für den Staat. Sofortiges Handeln, Spontaneität fordert auch „Viertel vor“, eine Sturmfahrt auf Gitarren, eine Kampfansage an jede Lethargie. Das gilt ebenso für das spritzige „Lache, wenn es nicht zum Weinen reicht“, das wohl ausgelassenste Stück des Albums. Hier gibt mal wieder in der Plattenkarriere des Herrn Grönemeyer der Mambo mit extravaganter Percussion und flotten Bläsersätzen den Ton an. Wie dramatisch geschickt viele Stücke aufgebaut sind, lässt sich auch an „Blick zurück“ ermessen. Dieser hypnotische Track zieht einen mit seiner magischen Basslinie und den perlenden Pianotropfen direkt in den Bann und lässt einen nicht mehr los. „Blick zurück“ ist das in warmen Ölfarben gemalte Porträt des Vaters, eingerahmt in einen hybriden Delta-Blues.

„Der Weg“ ist eine der wohl intensivsten Pianoballaden, die Herbert Grönemeyer jemals geschrieben hat. Entwurzelung, Einsamkeit und Trauer - ein tief berührender Nachruf auf einen geliebten Menschen, eine wunderschöne Liebeserklärung und zugleich eine Elegie auf die Flüchtigkeit des irdischen Glücks. Eines dieser Lieder, bei denen die Welt für Momente stehen zu bleiben scheint, das einen wie ein Malstrom unwiderstehlich ins Innere zieht, verharren lässt, traurig macht, Tränen löst. Der große Gegenentwurf zu diesem Seelendrama ist das zuversichtliche „Zum Meer“. Ein monumentaler Song mit einem stoischen Rhythmus, dessen Streicher-Parts mit symphonischer Wucht von Nick Ingman arrangiert wurde. Hier werden die nach Erkenntnis strebenden Fragen gestellt, woher wir kommen, wohin wir gehen. Das eigentliche Finale hat aber noch ein, bzw. zwei Nachspiele: „Demo“ heißt der Track, der hier auf einem seichten Gospelbett in sprichwörtlich letzter Minute aufgenommen wurde und als Bonus-Track angehängt wurde. Aufgekratzt klingt der Gesang, ein Rohdiamant, der ins Ungewisse der Zukunft zu funkeln scheint. Wenn man danach eine Viertelstunde der Stille über sich ergehen lässt, wird man noch mit einem auf Englisch gesungenen, experimentellen Trance-Pop-Stück überrascht.

„Mensch“ ist ein Album, das wie ein Felsen im Gesamtwerk aufragt, ohne dass es die Größe von „Bochum“ oder „Bleibt alles anders“ schmälern wird. Vielen Menschen wird es als das privateste, persönlichste Album von Herbert Grönemeyer erscheinen, aber es ist auch dasjenige, in dem die humanistischen Überzeugungen des Künstlers am deutlichsten zutage treten. Es wird Momente geben, in denen wir so empfindlich sind, dass wir nach dem Genuss des Albums völlig aufgelöst und weichgekocht sind, aber es wird uns auch immer wieder Mut machen und Kraft und Hoffnung geben. „Mensch“ ist der beste Beweis, dass man sich in ein Kunstwerk verlieben kann.

Anspieltipps:

  • Mensch
  • Der Weg
  • Zum Meer
  • Unbewohnt
  • Wenn es nicht zum Weinen reicht
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