Aimee Mann - Lost In Space - Cover
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Aimee Mann Lost In Space


  • Label: V2/ZOMBA
  • Laufzeit: 43 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
4.9/10 Leserwertung Stimme ab!

Beim Namen Aimee Mann zuckt auch heute noch so mancher Plattenboss erschrocken zusammen, da die Künstlerin als besonders streitbar und dickköpfig gilt. Ende der 90er Jahre lieferte sie sich einen beispiellosen Kampf mit dem Majorlabel Universal Records, das ihre künstlerischen Freiheiten mit dem zarten Wunsch nach Hitsingles beschneiden wollte. So was kann man mit Frau Mann nicht machen. Sie kaufte ihre Masterbänder zurück, gründete ein eigenes Label mit dem passenden Namen SuperEgo Records und vermarktet ihre Alben seitdem in Eigenregie. Das war 1999.

Angefangen hat Aimee Manns Karriere in den 80er Jahren in der erfolglosen Punkband Young Snakes. Danach gründete sie die New-Wave-Gruppe Til Tuesday, die in Szenekreisen hohes Ansehen genoss und akzeptable Plattenverkäufe aufzuweisen hatte. Seit 1993 ist sie als Solokünstlerin unterwegs und veröffentlichte die von Fans und Presse gefeierten Alben „Whatever“ (1993), „I’m with stupid“ (1995), „Bachelor no. 2“ (1999) und den Soundtrack zum Film „Magnolia“ (ebenfalls 1999). Dieser erhielt für den Song „Save me“ eine Oscar-Nominierung und wurde für drei Grammys vorgeschlagen. Mit dem Ruhm zog auch der kommerzielle Erfolg in das Schaffen der 42-Jährigen ein, die seit vier Jahren mit dem überaus talentierten Songschreiber Michael Penn („March“, „Free for all“) verheiratet ist. Und obwohl Mann für den Vertrieb ihrer Platten außerhalb Nordamerikas auf die Geschicke des aufstrebenden Labels V2 Records setzt, verdient ansonsten keine Plattenfirma mehr in dem üblichen Umfang an den Verkäufen ihrer CDs mit. Ein absolut Branchen-untypischer Fall, der den Herren, die Aimee Mann damals bei Interscope/Universal herausekelten, einige schlaflose Nächte eingebracht haben dürfte.

Seit Anfang September steht nun das neue Album „Lost in space“ mit 11 Singer-/ Songwriter-Popsongs in den Regalen. An den Reglern half wie schon auf den Vorgängern Mike Denneen (The Mighty Mighty Bosstones, Fountains Of Wayne) aus. Und auch diesmal unterlegt Miss Mann ihre wehmütigen Kurzgeschichten mit der vertrauten Mischung aus Pop, Folk und einer leichten Priese Country und zelebriert eine knappe Dreiviertelstunde unaufgeregte, erwachsenen-orientierte Popmusik. Textlich nimmt die Bardin wie gewohnt kein Blatt vor den Mund und gibt bereits beim zweiten Song („High on sunday 51“) mit Zeilen wie „Baby, please – Let me begin. Let me be your heroin. Hate the sinner but love the sin“ einen aufsehenerregenden Seelenstriptease zum besten.

Allerdings muss auch eine Aimee Mann mit den genre-kennzeichnenden Gefahren einer Singer-/ Songwriter-Platte kämpfen. Häufig sind sich die Songs einfach zu ähnlich und bieten bei einer standardisierten Instrumentierung mit Akustikgitarre, Bass und Schlagzeug wenig Unterscheidungsmerkmale. Das versucht Aimee Mann so gut es geht im Bereich ihres, zugegeben engen Rahmens, zu verhindern und streut hier und da ein paar Streicher, Drum-Loops oder Gitarren-Feedbacks ein. Gekoppelt mit Melodien, die sich langfristig entwickeln und deshalb auch nicht so schnell verbraucht klingen, entfaltet sich „Lost in space“ zu einem Rohdiamanten tiefsinniger Songschreiberkunst.

Zu den herausragenden Stücken zählen „Pavlov’s bell“, ein für Mann’sche Verhältnisse richtig rockiger Song mit abgefahrenem Gitarrensolo, „Humpty dumpty“, ein Lied über die eigenen kleinen Schwächen und Unzulänglichkeiten, „This is how it goes“, eine schönen Ballade, gespielt auf einer 12-saitigen Akustikgitarre (Textauszug: „It’s all about drugs, it’s all about shame. And whatever they want – don’t tell ’em your name“) und „The moth“ einem durch den Einsatz eines Omnichord (eine Art elektronische Harfe, die durch Hautwiderstände verschiedene Punkte und Bereiche miteinander verbindet und so alle möglichen Geräusche erzeugt) und von einem Minimoog (eine besondere Synthesizer-Art) sehr atmosphärisch geratenen Song mit einer wunderbaren Hookline.

Im Prinzip ist es wie immer mit einem Album von Aimee Mann. Die Musik ist durchweg klasse, wird aber den gemeinen Mainstream-Liebhaber nicht vom Hocker reißen können. Dazu wirkt das Ganze etwas zu versponnen, was aber gerade den Reiz der Platten aus dem Hause Mann ausmacht.

Anspieltipps:

  • Pavlov’s bell
  • Humpty dumpty
  • This is how it goes
  • The moth
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