Linkin Park - Reanimation - Cover
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Linkin Park Reanimation


  • Label: Warner Bros.
  • Laufzeit: 61 Minuten
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3/10 Unsere Wertung Legende
5.6/10 Leserwertung Stimme ab!

Das Grauen nimmt unaufhaltsam seinen Lauf.

Im Prinzip war sich die Fachwelt einig, dass die Newcomer von Linkin Park mit ihrem Ende des Jahres 2000 erschienenen Major-Debüt einen ganz großen Wurf gelandet haben. Die im Laufe der folgenden Monate ausgekoppelten Singles „Points of authority“, „In the end“, „One step closer“, „Papercut“ und „Crawling“ stürmten weltweit die Charts und sorgten für stetige Abverkäufe des Albums. Allein in den USA wurden bisher über acht Millionen Einheiten abgesetzt. Mit etwas Glück wird sogar ein Diamond Award für über 10 Millionen verkaufte Einheiten eingestrichen werden können.

Aus Business-Sicht ist es da nur zu verständlich, dass man versucht, die goldene Kuh eiligst zu melken und schnell ein weiteres Album nachschiebt. Doch was tun, wenn die Herren Künstler in Person von Mike Shinoda (Vocals), Joseph Hahn (Samples), Brad Delson (Gitarre), Rob Bourdon (Drums), David Farrell (Bass) und Chester Bennington (Vocals) noch kein neues Material am Start haben? Die Antwort liefern Label und Band mit einem Remix-Album der Debüt-CD, das auf den Namen „Reanimation“ lautet. Gewiss nicht die Krönung der Innovation, aber so kann die Zeit bis Studioalbum Nr. 2, das mit aller Gewalt noch ins Weihnachtsgeschäft 2002 gedrückt werden soll, gewinnbringend überbrückt werden.

Was an „Reanimation“ sofort ins Auge sticht, ist das mächtig hippe futuristische Cover mit irgendwelchen komischen Roboterfiguren, die entfernt an die Ära eines Captain Future erinnern. Dazu haben die Songs komplett neue kryptische Titel erhalten, die mit Verlaub, total dämlich sind. Aus „In the end“ wird „Enth e nd“. „Papercut“ mutiert zu „PPR:KUT“. „Crawling“ erfreut sich am neuen Kürzel „KRWLNG“ und „One step closer“ wird logischerweise zu „1STP KLOSR“ und so weiter. Das ist wirklich großartig. Darauf hat die Welt gewartet! Aber gemach. Lassen wir lieber die Musik sprechen. Oder besser gesagt die Remixer. Die Kunst des Remixen stammt ursprünglich aus der Hip-Hop-Szene. Was lag also näher, als eine ganze Armada so genannter Fachleute zu verpflichten und das Ganze mit ein Paar Kollegen aus der Rock-Szene zu garnieren. Es ist zwar davon auszugehen, dass der gemeine Nu-Metal-Fan mit kaum einem der Namen, die im Booklet als Remixer aufgeführt sind, etwas anfangen kann. Dafür erhellen sich die Mienen bei Leuten wie Aaron Lewis (Staind), Jonathan Davis (Korn), Stephen Richards (Taproot) oder Stephen Carpenter (Deftones). Doch was stellen die Protagonisten mit an und für sich perfekten Songs an? Etwas unsicher ist man vor dem ersten Hördurchgang schon, hat man doch noch das katastrophale Ergebnis von Limp Bizkits Remix-Schmonzette „New old songs“ aus dem letzten Jahr im Ohr, für die selbst Bandleader und Großmaul Fred Durst keine Kaufempfehlung aussprechen wollte.

Die CD wird durch ein symphonisches Intro eingeleitet, das direkt in den ersten Song „Pts.Of.Athrty“ unter der Egide von Jay Gordon übergeht. Obwohl hier schon die ersten Remix-Spielereien in Form von Break-Beats dargeboten werden, hält sich die Re-Animation noch in Grenzen. „In the end“ („Enth e nd“) ist kaum wiederzuerkennen. Vom genialen Refrain blieben lediglich Fragmente erhalten. Ansonsten haben wir es hier mit einem reinrassigen Hip Hop bzw. R&B-Track zu tun. Es folgt „Forgotten“ („FRGT/10“). Hier gibt einmal mehr Sprechgesang den Ton an, wobei versucht wurde, mit Synthesizern eine atmosphärische Stimmung zu erzeugen, was nur bedingt funktioniert. „P5shng me a*wy“ bietet zur Abwechslung wieder ein wenig Gitarren-Sounds und so etwas wie eine Hookline auf, schlägt aber in die gleiche Kerbe wie die Vorgänger. „Place for my head“ („Plc.4 mie haed“) kopiert im Grundsatz das vorherige Stück und ist demnach überflüssig. Damit liegt ein Drittel der CD hinter einem und man fragt sich verstört, was das soll und vor allem, was da noch kommen mag.

Leider nichts Gutes! Das Grauen nimmt unaufhaltsam seinen Lauf. Man ist zwar geneigt, den ein oder anderen Song wohlwollend zur Kenntnis zu nehmen („WTH>YOU“, „PPR:KUT“), doch langsam aber sicher reißt einem der Geduldsfaden. Unweigerlich greift man zur Fernbedienung und möchte sich zum Ende durchskippen. Einzig die noch ausstehenden Auftritte von Jonathan Davis und Aaron Lewis halten einem davon ab. Und tatsächlich bieten der Korn-Sänger auf „1stp klosr“ und Aaron Lewis von Staind bei „KRWLNG“ einigermaßen akzeptable Leistungen, die die düsteren Grundstimmungen der Vorlagen reproduzieren. Das täuscht aber nicht darüber hinweg, dass man am Ende froh ist, eine Stunde musikalischen Totalausfalls bewältigt zu haben und das Album in der hintersten Ecke des CD-Regals verschwinden zu lassen.

Mir ist ehrlich gesagt nicht ganz klar, was Linkin Park mit dieser CD bezwecken wollen. Künstlerische Freiheit hin oder her. Das Ansinnen, Nu-Metal Fans für andere Musikstilarten zu begeistern in Ehren. Aber wenn das das Ergebnis ist, möchte ich damit nichts zu tun haben.

Anspieltipps:
(zum Abgewöhnen)

  • KRWLNG
  • WTH>YOU
  • PPR:KUT
  • RNW@Y
  • 1STP KLOSR
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