Me And Cassity - Hope With A Pain Chaser - Cover
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Me And Cassity Hope With A Pain Chaser


  • Label: Tapete/INDIGO
  • Laufzeit: 55 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
4.9/10 Leserwertung Stimme ab!

Im Spätsommer des Jahres 1988 erschien das Debütalbum einer Kapelle aus Hamburg, die einem den Glauben an deutsche Musik zurückgab. Das Quintett hörte auf den Namen The Jeremy Days und lieferte gleich mit seiner ersten Single „Brand new toy“ einen Hit für die Ewigkeit ab. Der Song kam bis auf Platz 11 der Charts und zog das Album auf über 150.000 verkaufte Einheiten. Dann passierte gar Schreckliches. Das Nachfolgewerk „Circushead“ (1990) wurde vom Publikum verschmäht, obwohl es sich bei der Platte um eine der besten deutschen Produktionen der 90er Jahre handelte! Von diesem Schock erholte sich die Band nie mehr richtig. Es erschienen zwar noch drei sehr gute Studioalben und die üblichen Kommerzattacken der Plattenfirma (Live-Album, Best Of, B-Seiten-Sammlung etc.), aber 1995 war endgültig Schluss mit den Jeremy Days.

Dirk Darmstaedter, seines Zeichens Sänger und Songwriter der Jeremy Days, veröffentliche zwei Jahre nach dem Band-Split sein erstes Soloalbum „Cassity“, das Singer-/Songerwriter-Pop aller erster Güte enthielt. Der kommerzielle Erfolg hielt sich leider in Grenzen und Darmstaedter verschwand wieder aus der breiten Öffentlichkeit. Im Untergrund werkelte er aber weiterhin an neuer Musik und spielte fleißig kleine Konzerte im Hamburger Club „Knust“. In diesem Jahr wurde das „Cassity“-Album unter dem Projektnamen Me And Cassity um neun (!) Bonus-Tracks angereichert wiederveröffentlicht. Jetzt liegt endlich das zweite Werk „Hope, with a pain chaser“ vor, das 13 Stücke hochanspruchsvoller Pop-Musik aufbietet. Zum Glück hat der gebürtige Hamburger nichts von seinem Talent verlernt, beatle-eske Melodien zu schreiben, die alleine von seiner grandiosen Stimme und einer einsamen Akustik-Gitarre leben könnten. Zur Unterstützung des in fast allen Songs latent vorhandenen Pathos, werden aber noch Keyboards, Streicher und die üblichen Bass- und Drum-Parts beigemischt. Daraus entsteht eine homogene Mischung intelligenter Pop-Musik, die den gemeinen No-Angels-Fan total überfordern dürfte.

Am besten ist Darmstaedter immer dann, wenn er den deutschen Bob Dylan gibt und voller Inbrunst in die Mundharmonika bläst („She’s in my head“, „Can’t stop the rain). Ein Paradebeispiel ist der Opener „I’d do it again“. Hier kommt er dem Meister auch ohne die Mundharmonika zu benutzen so unglaublich nahe (man achte nur auf die Betonungen), dass man ganz ehrfürchtig lauscht. „How does it feel to cry?“ ist eine wunderbare Halbballade mit einer zu Tränen rührenden Melodie und einigen geschickt verpackten Tempowechseln. Dazu singt Dirk Darmstaedter mit verzweifelter Stimme, dass es eine wahre Freude ist, an seinen Leiden teilzuhaben. „Number one single“ ist (natürlich) die erste Singleauskopplung. Ein fröhlicher Sing-Along mit stampfendem Beat, der mit einem augenzwinkernden Text vom Leben eines Singles daherkommt („I’m not the type to moan and whine. I haven’t got the time. You see I’m doing fine. And all the games I thought I’d have to play. Well at the end of the day. They don’t work anyway. I knew a girl back in gradeschool. She said I was her fool. She left for another. Turns out the other was my little brother. However much I go out tonight. In the end, I’m still the number one single. Parts of my body never see the light. And as much as I try I’m still the number one single. However much I mix and mingle out on the floor. I know it for sure you’ll think I’m a bore ‘cause in the end I’m still the number one single. I got my wallabees at Saville Row. I’m living on the go. I’m ready for the show! I got my hair cut in the classic style ‘cause I’m a classic guy. I’m mister I-spy, I’ll take you out to the partys, be so Saatchi and Saatchi. I feel like a lover but when it gets down to it here comes another!“).

„Slip & slide“ birgt eine weitere Variante dieser grandiosen Darmstaedter-Melodien. In klassischer Besetzung aus Gitarre, Bass, Drums wird ein Gerüst geschaffen, das ganz leicht um Streicher-Klänge ergänzt wird und sogar noch Platz für eine Trompete im Stile von Element Of Crime hat. Ganz großes Kino! Ein anderes Kleinod ist „The queen of 32nd street”, das durch ein leises Glockenspiel-Intro eröffnet wird, das die Athmosphäre für einen Song schafft, um sich den Refrain-Text „The queen of 32nd street is standing barefoot in the rain. How do you think it feels when everything goes crazy once again” bildlich vorstellen zu können. Hier wird Musik gelebt. Kleine Momente, die man schätzen muss. Auf „My life without you“ und „Won’t die for you“ bekommt der Barde den Blues, der im Duett mit einer gewissen Katie Freudenschuß (kann jemand wirklich so heißen?) dargeboten wird. Natürlich stehen auch hier die großen Gefühle im Vordergrund („Should I feel sad for what we had. It makes me mad to tell you this you could find better things to do than break my heart, my heart in two. This here’s my life my life without you.“ aus „My life without you“).

„We are there“ ist eine annähernd sieben Minuten lange Hymne und der krönende Abschluss eines rundum gelungenem Albums. Der Song steckt voller Dramatik und fährt für das Album ungewöhnliche Breitwand-Klänge auf. Trotzdem ist genau das der perfekte Abschluss für ein Werk, das der Pressetext des Labels ausnahmsweise mal sehr richtig beschreibt: „Die Biographie deines Lebens ist verbunden mit dem Songbook deines Lebens. Wenn du Musik liebst. Jedes Lied eine Geschichte. Jede Geschichte eine Lied. Jedes Lied ein emotionales Monster, das dich in die Knie zwingt, wenn du am wenigsten damit rechnest. So funktioniert er, der Pop. Rock natürlich auch. Ganz egal. Du musst dich ja gar nicht entscheiden. Aber: Es geht aber auch andersrum. Schaff dir das Lied zum Augenblick. Sie geht nicht ans Telefon, wenn er anruft. Sie ist mit einem anderen Kerl unterwegs. Schick sie zur Hölle. Zieh die Bettdecke über den Kopf und bemitleide dich selbst. Geh sie suchen und schlag den Typen zusammen. Oder sing es dir von der Seele."

Bleibt nur zu hoffen, dass Dirk Darmstaedter nicht wieder fünf lange Jahre mit der nächsten Plattenveröffentlichung auf sich warten lässt. Was man dagegen tun kann? Kauft diese Platte!

Anspieltipps:

  • I’d do it again
  • Can’t stop the rain
  • How does it feel to cry?
  • My life without you
  • We are there
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