The Music - The Music - Cover
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The Music The Music


  • Label: Virgin/EMI
  • Laufzeit: 61 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5.1/10 Leserwertung Stimme ab!

Das Spiel der britischen Presse mit dem „Next Big Thing“ ist so bekannt wie alt. Nun also „The Music“: Allein schon der Bandname hat wenig mit Understatement zu tun. Diese Einstellung soll ein steter Begleiter auf der Reise in die Musik von The Music werden. Aufgeschreckt durch die Four-Track-EP mit dem charmanten Titel “You Might As Well Try To Fuck Me”, die neben dem Titelsong noch die Stücke “Karma”, “Treat Me Right On“ und „Too High“ enthielt, galten die vier, gerade einmal dem Schulalter entrückten Rotzlöffel Robert Harvey (Gesang), Adam Nutter (Gitarre), Stuart Coleman (Bass) und Phil Jordan (Drums) als große neue Indie-Hoffnung der britschen Szene. Beheimatet in Leeds schicken sich die Jungs nur scheinbar an, die lange Tradition britischer Gitarren-Popmusik weiterzuführen. The Verve, Oasis, The Stone Roses, aber auch The Cult, sogar U2 oder eine große Portion Led Zeppelin kommen einem zwar in den Sinn. Jedenfalls sind Einflüsse dieser Bands unüberhörbar. Trotzdem entfalten The Music ihr ganz eigenes Klanguniversum und entfernen sich weiter von Mainstreamfaden als ihre potenziellen Ideengeber. The Music schalten gleich einen Gang höher, mischen die nicht zu leugnenden Elemente des BritPop mit einer gehörigen Portion Psychedelic und lassen vor allem ausufernde, wüst-wilde Gitarren sprechen. Produziert wurde das Ganze von Jim Abbiss, der bisher eher in anderen Gefilden (Björk, All Saints, Massive Attack, DJ Shadow) beheimatet war.

Der Opener „The Dance“ zeigt dem geneigten Hörer gleich, wo der Wind herweht. Ein daherwirbelnder Soundteppich breitet sich genüsslich aus, Drums treiben den Song weiter nach vorn, dann steigt Shouter Harvey mit seiner über die gesamten 56 Minuten Spielzeit nicht enden wollenden Nöligkeit ein. Das Stück mündet in einem wilden, heftigst lärmenden, chaotischen Psychedelic-Wirbel, der den Standpunkt der Vier klarmacht hat. Mit Track 2 nähert sich ein erstes von mehreren Glanzstücken des Albums. Die erste Single-Auskopplung „Take The Long Road And Walk It“ überzeugt durch das begeisternde Zusammenwirken von Harveys trotzigem Organ und Adam Nutters nicht minder nöliger Gitarre, die hier klingt als habe sie Jimi Hendrix einst zu Omas Zeiten schon gequält. Bei „Human“ nehmen die Jungs zunächst den Dampf raus. Kurz bevor der Song endgültig in eine „Kula Shaker“-inspirierte Sing-Sang-Melodik verfällt, donnern auf einmal Gitarren heran und führen den Song in einem wahren Soundgewitter ins Nirvana. Bei „The Truth Is No Words“ darf sich Bass-Man Stuart Coleman einmal zu Wort melden und dem Song zu einem treibenden Start verhelfen, um letztlich im Zusammenspiel mit den Vocals das Stück zu dominieren. Erst im späteren Verlauf meldet sich Nutters Gitarre fast schon dezent zurück. „Float“ ist wieder so ein Stück, an dem sich Kritiker der Band reiben werden. Zu nölig kommt der Track daher, steigert sich aber nach der Hälfte in stampfende, fast überkippende Vocals und Gitarren, die das Teil auf ein orgiastisches Finale hintreiben, das in einem chaotischen Noise-Orkan mündet.

Waren die Vocals bisher nur steter Begleiter, aber nie dominant, darf Robert Harvey „Turn Out The Light“ wimmenderweise tragen, flankiert von einer zurückhaltenden, aber stimmigen Instrumentalisierung. „The People“ markiert einen weiteren Höhepunkt der CD. Bass, Drums und Vocals heizen zunächst ein, bevor Adam Nutters Gitarre erst kurz vor Toreschluss das Kommando übernimmt und das Gerät auf die nächste Ebene peitscht. Die beste Nummer des Albums verbirgt sich hinter „The Getaway“. Dieses Brett kann auch stellvertretend für den Sound der Band stehen. Leise schleicht sich das Monster an, Bass und Vocals führen in den Song, die Gitarre erhöht den Druck nur langsam, doch dann wimmern alle Beteiligten um die Wette, die Geschwindigkeit wird weiter forciert. Kurz bevor sich alles entlädt, darf der Hörer noch mal Luft holen, dann mündet „The Getaway“ in hymnischen Gefilden. Eine ähnliche Struktur weist „Disco“ auf, pirscht sich langsam heran, drückt nach der Mitte des Songs auf’s Tempo. Stakkato-artig hämmert der Bass, die Gitarre fängt an, wüste Haken zu schlagen, Harveys Stimme droht am Rad zu drehen und nähert sich der Ekstase. In „Too High“ findet „The Music“ einen würdigen Abschluss. Fast schon bedächtig-zurückhaltend baut sich der Song auf. Harveys Organ klingt jetzt sehr verdächtig nach Verve-Mastermind Richard Ashcroft, die Grundstimmung wirkt immer bedrohlicher, das Tempo wird forciert und artet in einem für dieses Album typischen Psychedelic-Wirbel, der die letzten Reserven der Protagonisten mobilisiert.

Eines muss jedem klar sein, der sich mit The Music beschäftigt. Diese Band wird gnadenlos polarisieren. Entweder man liebt oder hasst sie. Zu gewöhnungsbedürftig ist Robert Harveys Organ, zu experimentierfreudig, wild und ungeschliffen sind die Gitarrenwälle, zu anstrengend das Gesamtwerk, um nur mit einem halben Ohr hinzuhören. Mit durchschnittlich sechs Minuten Dauer präsentieren die Jungs zehn Songmonster, die bewältigt werden wollen. Wer sich keine Mühe gibt, die Klangteppiche zu erknüpfen und es nicht über’s Herz bringt, die Regler der Anlage so weit wie möglich nach rechts zu drehen, wird an The Music keine Freude haben. Aber das wäre doch ein Jammer, denn das Entdecken lohnt sich garantiert.

Anspieltipps:

  • The Getaway
  • Take The Long Road And Walk It
  • The People
  • The Dance
  • Float
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