Joseph Arthur - Redemptions Son - Cover
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Joseph Arthur Redemptions Son


  • Label: Virgin/EMI
  • Laufzeit: 73 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
5.1/10 Leserwertung Stimme ab!

Wer sich vom religiösen Titel nicht abschrecken lässt, dem werden spannende 73 Minuten feinster Songwriter-Kunst dargeboten.

Wenn es Neues aus dem Hause RealWord zu berichten gibt, heißt es in der Branche aufgemerkt. Denn auf dem ehrwürdigen RealWorld Label von Ex-Genesis-Sänger Peter Gabriel geben ausschließlich vom Meister persönlich rund um den Globus ausgesuchte Künstler ihr Stelldichein. Das birgt für Qualität. Und zudem bekommen die Musiker mit einem Vertrag bei Gabriels Label neben familiärer Betreuung und einem professionellen Vertriebsweg über Virgin Records auch Arbeitsbedingungen anheim gelegt, die ihres Gleichen suchen.

Der zum Label gehörende Studiokomplex in Wiltshire, einige Autostunden vor den Toren Londons, beherbergt das modernste Equipment, was die Technik heutzutage aufzubieten hat. Die Gebäude sind wunderschön in die Natur eingebettet und schaffen eine unvergleichliche Atmosphäre für die Künstler. So fließt zum Beispiel ein unterirdischer Bach mitten durch das Haupthaus, was man durch großflächige Glasscheiben im Fußboden (!) beobachten kann. Ein absoluter Traum für jeden Musiker, den man sich unter http://realworld.co.uk/studios einmal anschauen sollte.

Seit 1996 befindet sich auch ein gewisser Joseph Arthur unter den Fittichen Peter Gabriels. Der aus Akron, Ohio (USA), stammende Singer-/Songwriter legt dieser Tage sein drittes volles Album „Redemption’s son“ vor. Die vorangegangenen Werke „Big city secrets“ (1996), „Vacancy E.P.“ (1999) und „Come to where I’m from“ (2000) wurden von der Kritik stürmisch gefeiert und brachten ihm sogar Grammy-Nominierungen für seine selbstentworfenen Plattencover ein. Das aktuelle Werk wurde über einen Zeitraum von zwei Jahren an verschiedenen Orten geschrieben und aufgenommen, darunter natürlich auch die RealWord Studios. Arthur spielte fast alle Instrumente selbst ein und produzierte die CD in Eigenarbeit. Lediglich das Abmischen übernahm Koryphäe Tchad Blake (Pearl Jam, Sheryl Crow, Bonnie Raitt).

Obwohl der Künstler im Nachhinein keine großen Erklärungen zu seinen Texten abgeben mag, lässt er den Hörer wissen, dass diese allesamt direkte Bezüge zu seinem eigenen Leben darstellen und selbstredend die bedeutenden Songwriter-Themen wie Selbstzweifel, der Kampf gegen die eigenen Dämonen, seelisches Durcheinander und die verlorene Unschuld verarbeiten. Die Kunst ist es nun, daraus Songs zu fabrizieren, die dem Verfasser eine Art Selbsttherapie angedeihen lassen und gleichzeitig das Interesse anderer wecken. Dazu hat sich der Barde auf „Redemption’s son“ stattliche 73 Minuten eingeräumt, in denen er 16 Songs zwischen Folk-Musik („Buy a bag“, „You are the dark“), amtlich produziertem Pop („Honey and the moon“), Alternative-Rock („Nation of“) und experimentellen Lo-Fi-Abenteuern („Slaves) abliefert. Diese musikalische Vielseitigkeit ist einer der großen Vorzüge dieser Platte. Dadurch hat der Hörer eine Menge zu entdecken und läuft nicht Gefahr, sich mit dem in Hülle und Fülle vorhandenen Songmaterial zu langweilen. Dazu kommt eine extrem wandlungsfähige Stimme, die mal locker und optimistisch klingt und dann wieder verletzlich und gequält.

Einige bemerkenswerte Beispiele sind Songs wie „Nation of“, der mit grungigen Gitarrenklängen und leicht verzerrten Stimmen aufwartet, die das Stück in direkte Nähe zu Bands wie Soundgarden rücken. Bei „Slaves“ kommt der Meister mit polternden Lo-Fi-Drums und einer schrammeligen Gitarre daher. Dazu singt Arthur wie Kollege Beck Hansen. Mit „Evidence“ steigert er den auf „Slaves“ eingeschlagenen Weg nochmals und fährt Disco-Beats gekoppelt mit funky Gitarren-Licks auf. Mit kieksig hoher Stimme fräst er sich durch die Lyrics und mutiert auf diese Weise von Beck zu Prince (bzw. TAFKAP). Damit ist der Ausflug in die Musikgeschichte erst mal beendet und Athur kehrt auf „Buy a bag“ in angestammte Gefilde zurück. Atmosphärisch dichter Folk-Pop mit der entsprechenden Priese Pathos. Aber Achtung. Zu früh sollte man sich nicht in Sicherheit wiegen. Bereits auf dem nächsten Song („Termite“) regieren plötzlich psychedelische Loops und sphärische Samplesounds im Pink-Floyd-Stil, dass es einem eiskalt den Rücken herunter läuft.

Fehlen eigentlich nur noch ein paar gescheite Pop-Hymnen zum vollkommen Glück, die vorzutragen der Künstler sich natürlich nicht lange bitten lässt. Mit „Favorite girl“ und „In the night“ zaubert er entsprechendes Material aus dem Hut. Dabei ist erstgenanntes Lied eine ruhige Variante, die mit Unterstützung von Violinistin Nadia Lanman eine bittersüße Traurigkeit auslöst. „In the night“ rockt dagegen richtig los. Es darf fröhlich in die Hände geklatscht werden, während das Elektro-Piano vor sich hin klimpert. „Blue lips“ streift kurz vor Schluss noch mal kongenial die Country-Musik mit sehnsuchtsvoller Steel-Gitarre und verhalten aufspielendem E-Piano. Wenn die Musik im grandiosen Schlussstück „You’ve been loved“ langsam ausklingt, kann man sicher sein, eines der herausragenden Werke des Jahres gehört zu haben, auf dem der 29-jährige Gabriel-Schützling einen wahrhaft verrückten Cocktail aus verschiedenen Musikstilarten, den es in seiner vollen Pracht zu entdecken gilt, präsentiert. Wer sich also vom religiösen Titel „Redemption’s son“ („Sohn des Erlösers“) nicht abschrecken lässt, dem werden spannende 73 Minuten feinster Songwriter-Kunst dargeboten.

Anspieltipps:

  • Blue lips
  • You’ve been loved
  • September baby
  • Buy a bag
  • Favorite girl
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