Chris Rea - Stony Road - Cover
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Chris Rea Stony Road


  • Label: Edel Records
  • Laufzeit: 88 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5.1/10 Leserwertung Stimme ab!

„Stony Road“ ist das Ergebnis eines Wandlungsprozesses.

Die letzten Veröffentlichungen aus dem Hause Chris Rea haben den Hörer vor schwere Aufgaben gestellt und waren kurz davor, den guten Ruf des Engländers ein für alle Mal zu ruinieren.

Der vor 51 Jahren in Middlesborough geborene Barde irisch-italienischer Abstammung mit der rauchigen Stimme driftete mehr und mehr in die Ecke seichter Kitsch-Musik ab, die, im Vergleich zu seinem wohl besten Werk „The road to hell“ aus dem Jahr 1989, total belanglos und uninspiriert aus den Radioweckern dieser Welt plätscherte. Negative Höhepunkte waren die Selbstplagiate „King of the beach“ (2000), das anscheinend an das 86er Werk „On the beach“ angelehnt ist und der extrem tumbe Versuch mit „The road to hell part II“ (1999) den großen Erfolg des zehn Jahre zuvor erschienenen Meilensteins zu wiederholen. Vermutlich wäre diese künstlerische Talfahrt, geblendet von mehr als 22 Millionen an den Mann und die (Haus-)Frau gebrachter Longplayer, immer weitergegangen, wenn den Künstler nicht ein Schicksalsschlag aus seiner Lethargie gerissen hätte.

Vor knapp zwei Jahren erkrankte Rea an der Bauchspeicheldrüse und musste sich mehreren schweren Operationen unterziehen. In einer 14-stündigen Notoperation musste ihm die Bauchspeicheldrüse entfernt werden, was ihm das Leben rettete. Zuvor hatten ihm die Ärzte noch erklärt, dass seine Chance, im Lotto zu gewinnen größer sei, als zu überleben. Nach 16 Wochen Rehabilitation, 32 Kilo Gewichtsverlust, eiserner Diät und täglichem Sport wurde er „zurück in die Welt entlassen“, wie Rea nachdenklich erzählt. In den Tagen im Krankenhaus kam Rea auf die Idee, musikalisch zu seinen Blues-Wurzeln zurückzukehren und einen radikalen Schnitt zu machen. „Ich schwor mir, nie mehr in meinem Leben einen Synthesizer anzufassen und dem kommerziellen Druck großer Plattenfirmen zu beugen." Er lehnte lukrative Angebote seines bisherigen Labels WEA (Warner Bros.) und von Universal ab und unterschrieb stattdessen beim Sub-Label Tru-Note der Hamburger Plattenfirma EDEL. Ohne diesen Druck konnte er sich auf die Suche nach dem verlorengegangenen Blues machen und erzählt in diesem Zusammenhang von den glücklichsten Tagen seines Lebens: „Mein Tag bestand aus ein bisschen Slide-Gitarre-Spielen, Malen, Songs schreiben und einem Nickerchen. Ich schätze so viele Dinge im Leben jetzt viel mehr und kann mir überhaupt nicht mehr vorstellen, wie es hätte anders sein können. Ich frage mich jetzt viel häufiger brauche ich das eigentlich? Und oft ist die Antwort ‚Nein’“. Also verkaufte er seine sieben Ferrari und genießt nun sein neues Leben in vorsichtigen Zügen.

Das Ergebnis dieses Wandlungsprozesses liegt in Form des Albums „Stony road“ vor. Eine Songsammlung, von der Chris Rea sagt, dass er etwas schaffen wollte, was von ihm übrig bleibt, wenn er aus der Narkose nicht mehr aufgewacht wäre. Ein nachvollziehbarer Gedanke, wenn man sich die noch immer arg mitgenommenen Gesichtszüge des Meisters im Booklet anschaut. Doch Rea wäre nicht so erfolgreich geworden, wenn er nicht auch an seine Fans denken würde. Vielleicht wollte er den Anhängen seiner Schmuse-Musik nicht gleich zuviel vom neuen Bluesman zumuten und bringt das Werk deshalb in zwei Versionen auf den Markt. Einmal als Einfach-CD mit 13 Songs und für den Sammler als limitiertes Doppelalbum mit 20 Stücken und Video-Bonusmaterial. Man darf allerdings nicht vergessen, dass auch die alten Kompositionen Reas im Ansatz die Akkorde und Töne enthalten, die für den Blues wichtig sind und für „Stony road“ in unverfälschter Reinheit auf CD gebannt wurden.

„Es ist besser, wenn du deine Augen offen hältst“ („You better look out, look out for these changing times“), ist Reas erste Botschaft, verpackt im Slide-Guitar dominierten Country-Shuffle „Changing times“, der den Auftakt zum fast anderthalbstündigen Blues-Reigen macht. Das bittere Klagelied „Easy rider“ wird vom Knistern einer alten Schallplatte eingeleitet und macht schon nach wenigen Takten deutlich, dass hier ein äußerst ungewöhnliches Album zu bestaunen ist. Der Song beschreibt keine Motorradromantik wie der gleichnamige Film, sondern ist vor allem eine Widmung an seine Krankenschwester, die ihm die starken Schmerzen täglich mit einer hohen Dosis Morphium linderte „Come on easy rider, give me something for my pain“. Dazu schleppen sich die Beats schneckenartig voran und werden, wie man es in fast jedem Song auf „Stony road“ zu hören bekommt, von einer wimmernden Slide-Gitarre zerschnitten. Das hat absolut nichts mehr mit der gradlinigen Chartmusik vergangener Zeiten zu tun, sondern ist experimenteller Blues in ungeschliffener Vollendung.

Mit voller Konsequenz fährt Chris Rea auf den beiden CDs die gesamte Palette der Bluesmusik auf. Ob meditativ („Burning feet“), verunsichert („Heading for the city“), klagend („So lonely“), sakral („When the good lord talked to Jesus”, „Someday my peace will come“) oder etwas rockiger wie bei „Dancing the blues away“ und „The hustler“. Kompromisse macht der Mann keine mehr! Etwas aus der Rolle fällt jedoch der Schluss-Song der ersten CD „Give that girl a diamond", der vom Stil her nicht unbedingt auf dieses Album passt, da er eher an die CDs aus den frühen 90er Jahren erinnert. Ansonsten findet Rea zielgenau die prägnanten Akkorde, welche die Bühne für seine düsteren Lebenserfahrungen bieten. Mit geschickter Dramaturgie werden die Stücke zu einem großen Ganzen verwoben und lassen wunderbar die Zeit zwischen absoluter Hoffnungslosigkeit („Someday my peace will come“) und der Phase der Genesung Revue passieren. Stellvertretend dafür stehen das optimistische „Sun is rising“ und das hoffnungsvolle „Got to be moving on”. Verkürzt dargestellt, ist die erste CD sehr düster gehalten und steht ganz im Zeichen der schweren Leidenszeit des Künstlers. Das limitierte Bonus-Mini-Album kommt dagegen deutlich zuversichtlicher daher und verdeutlicht den körperlichen und geistigen Befreiungsschlag, weg vom sterilen Schmuse-Pop hin zu anspruchsvoller, handgemachter Musik. Man hört Rea die Spielfreude richtig an und freut sich, wenn man ihn zwischen den einzelnen Tracks mit den Mitmusikern lachen hört. Bleibt nur zu hoffen, dass Chris Rea seinem neuen/alten Stil in Zukunft treu bleibt und wir es nicht das erste und letzte Mal mit einer melancholischen und tiefgehenden CD des Mannes zu tun hatten, dem die Ärzte bereits gesagt haben, dass er an seiner Krankheit sterben würde.

Anspieltipps:

  • Slow dance
  • The hustler
  • Burning feet
  • Dancing the blues away
  • Ain’t going down this way
  • When the good lord talked to Jesus
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