Def Leppard - X - Cover
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Def Leppard X


  • Label: Mercury/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 52 Minuten
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3/10 Unsere Wertung Legende
5.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Nach der Maxime, „zu viele Köche verderben den Brei“, servieren uns die fünf Herren 14 Songs, die letztendlich nicht an ihre Großtaten anknüpfen können.

Auf der Hassliste gewisser Kritiker stehen Def Leppard, die Giganten des 80er-Jahre Hardrock, noch vor Bon Jovi, an oberster Stelle. Mag es purer Neid sein, oder einfach die Verärgerung darüber, dass die Herren Joe Elliott (Vocals), Rick Savage (Bass), Rick Allen (Drums), Phil Collen (Gitarre) und Vivian Campbell (Gitarre) ihren seichten Mainstream-Hard-Rock nach 25 Jahren Karriere noch immer in regelmäßigen Abständen in Form von CDs unter das Volk bringen.

Ihren Zenit hatte die 1975 in Sheffield gegründete Band mit dem ´87er-Album „Hysteria“ erreicht. Das Werk fand weltweit ca. 15 Millionen Abnehmer und ging zeitweise täglich rund 100.000 Mal über die Ladentische. Mit insgesamt sieben Singleauskopplungen stieß es in Michael Jackson´s „Thriller“-Dimensionen vor und machte die Band in der Phase des „New Wave Of British Heavy Metal“ nahezu unantastbar. Zurecht gehören Platten wie „Pyromania“ und „Hysteria“ in jede gut sortierte Plattensammlung. Dabei besteht die Bandgeschichte nicht nur aus eitel Sonnenschein. Schon in der Frühphase wurde Gitarrist Pete Willis wegen seiner Alkoholsucht gefeuert und durch Phil Collen ersetzt. Dann verlor Schlagzeuger Rick Allen in der Neujahrsnacht des Jahres 1984 bei einem Verkehrsunfall seinen linken Arm, was ihn trotzdem nicht davon abhielt, mittels eines Spezialschlagzeugs weiterhin als Drummer für die Band tätig zu sein. Und schließlich verstarb Gitarrist Steve Clark während der Aufnahmen zum ´92er-Album „Adrenalize“ an einer Überdosis Drogen. „Adrenalize“ war auch das Album, das noch am ehesten an die Qualität der Werke aus den 80er-Jahren anknüpfen konnte. Selbst wenn die Verkaufszahlen vergleichsweise mager ausfielen. Danach verzettelten sich die Engländer mit trendanbiedernden Alben wie dem ´86er-Werk „Slang“, das etwas verspätet die Einflüsse des Grunge aufnahm, oder verkrampften Versuchen, zum Pop-Metal vergangener Zeiten zurückzukehren („Euphoria“, 1999). Zwischen diesen Veröffentlichungen wurden die Fans noch mit der Greatest-Hits-CD „Vault“ (1995) und der Outtakes-Sammlung „Retro active“ (1993) beglückt, sodass die neueste Veröffentlichung aus dem Hause Def Leppard das insgesamt zehnte Album ist und deshalb auf den simplen Titel „X“ („10“) lautet.

Obwohl die Musiker als Perfektionisten bekannt sind, die gerne mal fünf Jahre zwischen zwei Alben verstreichen lassen, ist die Veröffentlichung von „X“ drei Jahre nach dem letzten Oeuvre als rekordverdächtig zu bezeichnen. Und diesmal will man offensichtlich mit Gewalt auf die vorderen Chartränge zurück. Im Dubliner Heimstudio von Sänger Joe Elliott, sowie in Klangwerkstätten in Los Angeles und Stockholm, Schweden, durften neben Stammproduzent Pete Woodroofe nämlich auch die Hitschmiede Marti Frederiksen (Bon Jovi, Aerosmith, Mich Jagger) und das Team um Max Martin (N*Sync, Britney Spears, Backstreet Boys) an den Reglern und den Songs herumschrauben, sodass eigentlich nichts mehr schief gehen kann, oder? Tja, ganz so ist es leider nicht. Nach der Maxime, „zu viele Köche verderben den Brei“, servieren uns die fünf Herren 14 Songs, die letztendlich nicht an ihre Großtaten anknüpfen können. Das fängt bereits beim Opener „Now“ an. Hier ein paar Samples, dort ein Synthesizer, eine Akustikgitarre gepaart mit E-Gitarren-Riffs und den typischen Leppard-Harmonien: Fertig ist die völlig missratene erste Singleauskopplung. Und weil es gerade so viel Spass macht, beschert uns „Unbelievable“, unglaublich aber wahr, das selbe Grauen gleich noch mal. Zwar blitzt hier und da ein Gitarren-Lick auf, das zu gefallen weiß und auch der Chorgesang ist nicht schlecht, aber gerettet werden kann die schwache Komposition nicht! „You’re so beautiful“ versucht tatsächlich ein wenig zu rocken. Der Bass pumpt und Joe Elliott packt seine Reibeisenstimme aus. Dazu serviert uns Phil Collen ein original 80er-Jahre Gitarrensolo. Um Gottes Willen! Wenn das so weiter geht, ist die Katastrophe perfekt. Doch was soll man sagen? „Everyday“ klingt wie aus dem Abfalleimer von Bryan Adams und sorgt langsam aber sicher für entgleisende Gesichtszüge beim Rezensenten.

Zum Glück (sic!) gibt es da noch die Balladen, die seit jeher zu den Stärken der Band zählen. „Long long way to go“ gehört in diese Sparte und gibt sich alle Mühe, an Geniestreiche á la „Miss you in a heartbeat“ anzuknöpfen. Leider ist der Versuch nicht von Erfolg gekrönt. Also lassen wir es wieder „rocken“! Und siehe da, „Four letter word“ besitzt tatsächlich so etwas wie den alten Def-Leppard-Esprit und ist der erste kleine Lichtblick des Albums. „Torn to shreds“ und „Love don’t lie“ stoßen ins gleiche Horn und läuten anscheinend die Hochphase von „X“ ein, was nicht bedeuten soll, dass es sich bei den genannten Songs um Meisterwerke der Kompositionskunst handelt. Deshalb holen „Gravity“ mit seinen funky Grooves und das bemüht aggressive „Cry" den Zuhörer auch umgehend auf den Boden der traurigen Tatsachen zurück. Denn als traurig ist es wirklich zu bezeichnen, was aus dieser Band geworden ist. Fast eine Stunde lang quälen Def Leppard den Hörer mit der übelsten Leistung ihrer 25-jährigen Karriere. „X“ besitzt nichts von den Stärken, die die Band einst auszeichneten. Zwar stellte Sänger Joe Elliott im Vorfeld gleich mal fest, dass es sich bei „X“ um die kommerziellste Def-Lep-Produktion seit „Hysteria“ handelt („Wir haben darauf hingearbeitet, weil wir eine Sammlung starker Songs einspielen wollten. Trotzdem klingt es wie eine Einheit, selbst wenn kein Konzept die Lieder verbindet“). Aber wie wir wissen, ist Kommerzialität nicht gleichbedeutend mit Qualität, was Mister Elliott im Bezug auf die ebenfalls wieder zahlreich vorhandenen Balladen und Midtempo-Songs folgendermaßen rechtfertigt: „Wir waren nie eine Metal-Band, es gab von Anfang an Balladen. Wir haben gleich zu Beginn eingängige Stücke herausgebracht, die von AC/DC oder Motörhead nie und nimmer zu hören gewesen wären. Wir sehen daher auch mehr Ähnlichkeiten zu Oasis als zu Iron Maiden“.

Damit mag der Gute ja Recht haben. Trotzdem konnte die Band durch niemanden zurückgehalten werden, ein Album auf den Markt zu schmeißen, das in der Sparte der vermeintlichen Top-Acts zu den schlimmsten Totalausfällen des Jahres gehört. In Bezug auf „X“ gilt nur eines: Finger weg !!

Anspieltipps:

  • Four letter word
  • Torn to shreds
  • Love don’t lie
  • Let me be the one
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