J Mascis - Free So Free - Cover
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J Mascis Free So Free


  • Label: Virgin/EMI
  • Laufzeit: 43 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
4.8/10 Leserwertung Stimme ab!

„Free So Free“ ist eine absolute Old-School-Platte geworden, die in amtlicher Lautstärke konsumiert werden muss.

Wäre Foo Fighter Dave Grohl nicht Schlagzeuger bei der vermutlich innovativsten Band der 90er-Jahre gewesen, kein Hahn würde heute nach ihm krähen. Glück gehabt lieber Dave, denn ursprünglich sollte ein gewisser Joseph Donald Mascis die Stöcke in Kurt Cobains Band Nirvana schwingen. Doch dieser lehnte den Posten dankend ab und widmete sich lieber seinem Projekt Dinosaur Jr., bei dem er das alleinige Sagen hatte und lediglich bei Tourneen auf die Hilfe fremder Musiker zurückgreifen musste. Typisches Alleinherrschersyndrom also, das wohl auch am Scheitern von Dinosaur Jr., Ende der 90er Jahre, Schuld war.

Doch wo ist eigentlich der Unterschied zwischen einer Band, die als Einmann-Projekt firmiert und einem Solo-Act? Das wird sich wohl auch Herr Mascis gefragt haben und gründete schnurstracks die nächste „Phantomband“ namens The Fog. Dazu der Meister selbst: „Die neue Band ist momentan ein Solo-Projekt. Früher oder später werde ich nach Musikern suchen, aber ich habe noch nicht damit angefangen. Die Band hat einen Namen, aber keine Musiker. Der Name klang einfach gut. Wenn du schon eine Band ohne Musiker hast, soll wenigstens der Name gut klingen. Ich finde, ihm haftet etwas Mysteriöses an. Es kommt aus dem Dunkel und verwandelt sich in Materie. Am Ende ist es vielleicht die selbe Band wie Dinosaur Jr.“. Ein echter Medienprofi, der 37-jährige Multiinstrumentalist aus Amherst, Massachusetts, der weiß, wie man Musik „verkauft“.

Und so dürfen wir uns kurz vor Jahresfrist über das dritte Solowerk von J Mascis, wie er sich in Kurzform nennt, freuen. Es hört auf den Titel „Free so free“ und behandelt mehr oder weniger die Erfahrungen von Mascis neuem Hobby, dem Fallschirmspringen, wenn man der Presseinfo Glauben schenken darf, was kein guter Journalist tut.... Wie schon beim genialen Vorgänger „More light“ (2000) dominieren auch auf „Free so free“ wieder schrammelnde Rhythmusgitarren, kreischende E-Gitarren-Soli, ein polterndes Schlagzeug und des Meisters konsequent lakonischer Gesangsstil. Eine wahrlich mitreißende Mischung, die die komplette Retro-Fraktion vom Schlage der Strokes, Black Rebel Motorcycle Club, Interpol, The Vines und wie sie alle heißen im Staub versinken lässt. Der Hohn ist nur, dass Mascis Musik vor zehn Jahren unter ferner liefen stattgefunden hätte und heutzutage etwas ganz besonderes darstellt. Doch so ist der Lauf der Zeit.

Gleich zu Beginn des Albums stampfen die Drums und rumpelt der Bass, dass man sich in die seligen Tage des Indie-Rock zurückversetzt fühlt („Freedom“). Doch Mascis wäre nicht Mascis, würde er seine Songs nicht mit einer gehörigen Priese Pop garnieren. Und so erinnert die Gitarre auf „Freedom“ phasenweise an keinen geringeren als The Edge von U2, als der „Joshua Tree“ noch nicht in „Zooropa“ stand. Ein starker Einstieg. Doch anstatt das Tempo noch mehr anzuziehen, kommt Titel Nummer zwei („If that’s how its gotta be“) als Akustikballade daher, die nur im Schlussteil auf elektrisch verstärkte Instrumente setzt. Dafür gehen „Set us free“ und „Bobbin“ zielstrebiger zur Sache. Hier erfährt der Hörer was es heißt, wenn J Mascis Lust auf seine aberwitzigen Gitarrensoli verspürt. Da sägt die Fender wie eine Kreissäge, dass die Bäume freiwillig umfallen. Absoluter Kult. Dabei galten Gitarrensoli in den 80er-Jahren noch als abschreckendes Beispiel für altbackende Rockmusik. Der Grunge-Veteran beweist aber, dass der gezielte Feedback-Einsatz nicht nur auf dem Mist eines Neil Young wächst und auch heute noch seine Daseinsberechtigung hat. Großes Gefühlskino präsentiert uns Mascis mit der Alternative-Ballade „Someone said“, die man vor zehn Jahren ohne weiteres auf dem „Singles“-Soundtrack kompiliert hätte. „Everybody lets me down“ klingt ein wenig nach Soul Asylum, als diese noch richtig gute Musik machten, was, ohne Wunder, auch schon zehn Jahre her ist. Und so ertappt man sich Song für Song auf der Suche nach guten alten Parallelen aus Zeiten, in denen Dave Grohl noch Angestellter von Kurt Cobain war und flanellene Karohemden total en vogue waren.

„Free so free“ ist eine absolute Oldschool-Platte geworden, die selbstverständlich in amtlicher Lautstärke konsumiert werden muss. Die zehn Songs gestatten einen sehnsüchtigen Blick zurück in die Vergangenheit, als Bands wie Mudhoney, Dinosaur Jr. oder Soundgarden noch in ihren Kinderschuhen steckten und das achte Weltwunder namens Grunge noch nicht ausgebrochen war. Wem solch eine Reminiszenz Spaß macht und der Meinung ist, dass es eigentlich nichts besseres als Alternative-Rock gibt, der darf hier gerne zugreifen. Der Rest wartet lieber auf die nächste Scheibe von „3 Staind Linkin Bizkits“.

Anspieltipps:

  • Bobbin
  • Freedom
  • Tell the truth
  • Someone said
  • Everybody lets me down
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