Toploader - Magic Hotel - Cover
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Toploader Magic Hotel


  • Label: Epic/SONY
  • Laufzeit: 43 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5.1/10 Leserwertung Stimme ab!

Für die einen überflüssig, für die anderen ein fast perfektes Popalbum.

Deutschland im Herbst 2002. Die allgemeine Volkslaune ist bereits im Keller und nun naht auch noch der Winter. Die Tage werden kürzer und dunkler und das Stimmungsbarometer sinkt weiter in den Depressionsbereich. Gut, dass uns von der britischen Insel ein Gegenmittel verabreicht wird, denn das südenglische Quintett Toploader fährt mit seinem zweiten Werk „Magic hotel“ eine amtliche Gute-Laune-Platte auf, dessen Charme sich kaum einer entziehen kann. Allein das Plattencover ist ein absoluter Hingucker. Auf einer Waldlichtung posieren fünf Jünglinge in bester 60er-Jahre Hippieästhetik vor einem alten, von Bäumen und Sträuchern zugewachsenen Schulbus, und freuen sich um die Wette. Mehr Coolness geht kaum.

Die Herren Joseph Washbourn (Vocals, Keyboards), Julian Deane (Gitarre), Dan Hipgrave (Gitarre), Matt Knight (Bass) und Rob Green (Drums) aus dem verschlafenen Küstenort Eastbourne tauchten 1997 zum ersten Mal in der Szene auf, als sie sich durch exzessives Touren in ihrer Heimat einen Namen als exzellente Live-Band machten. Im März 1998 unterschrieben die Fünf einen Deal bei Sony Music, verbrachten aber weiterhin die meiste Zeit mit dem Spielen von Live-Konzerten. Den Durchbruch feierten Toploader (benannt nach einer besonderen Technik sich einen Joint zu bauen) im Februar 2000 mit ihrer dritten Single „Dancing in the moonlight“. Und das, obwohl der Song vom britischen Radiogiganten BBC 1 boykottiert wurde. Weshalb sich der Sender weigerte, das Lied zu spielen, ist bis heute nicht klar. Trotzdem starteten Toploader in den Charts durch und konnten Ende 2001 auf über 1,5 Millionen verkaufte Platten zurückschauen.

Für den Nachfolger ließen sich die Briten viel Zeit. Lediglich drei der elf neuen Songs entstanden in der Heimat unter Mithilfe des Musikerkollegen Dave Endriga von den Manic-Street-Preachers. Für die restlichen Aufnahmen siedelte man nach Los Angeles über, um mit Produzent George Drakoulias (Black Crowes, Tom Petty, Beastie Boys, Primal Scream) in den Cello-Studios, wo die Beach Boys ihr legendäres „Pet sounds“-Album aufnahmen, zu arbeiten. Eine Arbeitsweise, die den Engländern großen Spaß gemacht hat: „Täglich den Sunset Strip herunter zur Arbeit zu fahren war einfach die Erfüllung eines Lebenstraumes“, gibt Leadgitarrist Julian Deane zu. „Ganz besonders wenn man sich erinnert, wie wir drei Jahre zuvor noch in einer Garage in Eastborne spielten und die Nachbarn ständig vorbei kamen und uns baten, doch bitte den Krach leiser zu machen“. Benannt hat man das Album nach dem Hotel, in dem die Band während der Aufnahmen wohnte.

Eröffnet wird das Werk durch den furiosen Rhythm-´N´-Blues-Stampfer „Time of my life”, der vom TV-Sender Premiere World als Erkennungsmelodie für die Übertragung der diesjährigen Fußball-Bundesligasaison genutzt wird. Es folgt mit „Cloud 9“ ein ebenso traditioneller wie stürmischer BritPop-Rocker, ehe „Never forgotten“ das Tempo wieder drosselt. Der Track ist eine groovende Hymne mit fetten Drum-Beats, die verdächtig nach Computer klingen und sanften Streichern, die erstmals durchschimmern lassen, dass wir es bei „Magic hotel“ mit einer richtig teuren Hightechproduktion zutun haben. Der sonnige Song „Let me be“ wiederum kann seinen Entstehungsort West Coast nicht verbergen und bietet verträumten kalifornischen Country-Pop, dessen optimistischer Vibe selbst den finstersten Tag des muffigsten Miesepeters mühelos zu erhellen vermag. „Lady let me shine“ wird mit satten Sixties-Orgelklängen ausgestattet, dass weiland Ray Manzarek Tränen der Freude in den Augen habe dürfte. Dazu gibt es einen gospelartigen Refrain, der sämtliche Ohrwurmqualitäten mitbringt. Erst mal auf den Geschmack gekommen, wird sogleich der nächste Hit nachgelegt. „Stupid games“ ist ein luftig-atmosphärischer Popsong, der selbst in die kälteste Stube ein Sommer-Sonne-Cabrio-Feeling zaubert. Inspiriert wurde der Song von „Einstein‘s Monsters“, einer Sammlung von Kurzgeschichten des Autors Martin Amis. Die Band läuft jetzt langsam aber sicher zu Hochform auf und lässt einen Ohrwurm auf den anderen folgen. Nachdem der Hörer eine Priese Sonne getankt hat, kann der nächste Titel natürlich nur „Following the sun“ heißen. Das Stück ist ein glasklar produzierter Sixties-Pop-Song, für den sich die Black Crowes überschwänglich bedanken würden. Mit Kompositionen dieser Qualität hätten sich die Südstaaten-Rocker gewiss nicht vorerst aufgelöst.

„Promised tide“ ist noch mal ein melodisches Meisterwerk, das ruhig dahinschwebt und erst beim Refrain etwas aus sich herausgeht. So agil kann BritPop anno 2002 klingen! Wer hätte das nach den mehr oder weniger künstlerischen Flops aus dem Hause Oasis, Suede und wie sie alle heißen, gedacht? „The midas touch“ ist ein sechsminütiges Epos, das eine der berühmtesten Geschichten der griechischen Mythologie aufgreift und wie der Score zu einem nie gezeigten Bondfilm klingt. Meint man zuerst, Sir Elton John hat sich kurz vor Schluss eingeschlichen, so bekannt kommt einem das Piano-Thema zum Einstieg vor. Doch ein Blick in das Booklet bestätigt, dass Joseph Washbourn persönlich am Flügel sitzt und eine Ballade im dramatischen Bombast-Stil von Robbie Williams „Angels“ vom Stapel lässt. Für den gemeinen BritPop-Anhänger dürfte allein dieser Song den Kauf der CD wert sein. „The midas touch“ ist ganz großes Kino und fährt von Streichern bis hin zu Bläsern alles auf. Zum Schluss gibt es noch eine locker flockig abrockende Coverversion von „Some kind of wonderful“. Für die einen überflüssig, für die anderen der herausragende Abschluss eines fast perfekten Popalbums.

Anspieltipps:

  • Lady let me shine
  • Time of my life
  • Stupid games
  • Let me be
  • The midas touch
  • Some kind of wonderful
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