Audioslave - Audioslave - Cover
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Audioslave Audioslave


  • Label: Epic/SONY
  • Laufzeit: 63 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
6/10 Leserwertung Stimme ab!

Alle Jahre wieder schließen sich bis dato erfolgreiche Band- oder Solokünstler zu sogenannten Supergruppen zusammen. Die Geschichte lehrt uns allerdings, dass solche Konglomerate selten länger Bestand haben und spätestens nach dem zweiten Album auseinanderbrechen, da die Egos der Herren Stars nicht unter einen Hut gebracht werden können.

Im Falle von Audioslave handelt es sich ebenfalls um die Spezies „Supergruppe“, die aus den Fragmenten von zwei der grandiosesten Rockbands der 90er Jahre, namentlich Soundgarden und Rage Against The Machine, hervorgegangen ist. Die komplette Rhythmusfraktion wird dabei von den ehemaligen RATM-Mitgliedern Tom Morello (Gitarre), Tim Commerford (Bass) und Brad Wilk (Drums) gestellt. Am Mikrophon verdingt sich kein geringer als Ex-Soundgarden-Frontman und Stimmgott Chris Cornell.

Ursprünglich auf den Namen Civilian getauft, geisterten bereits Anfang 2001 die wildesten Gerüchte um die Band durch die Rockwelt. Negativer Höhepunkt aus Sicht von Band und Plattenfirma war, dass eine stattliche Anzahl der in knapp drei Wochen eingespielten 21 Song-Demos im Internet auftauchten und fleißig verbreitet wurden. Eine Zeit lang arbeiteten die Ex-RATM-Leute in einem Studio in Los Angeles an den Songs, während Chris Cornell im heimischen Seattle alleine vor sich hintüftelte. Anscheinend wegen eines Sicherheitslochs in einem der Studios gelangten die Songs nach draußen, was die Fans auf der ganzen Welt in Wallung brachte. Tom Morello freilich sieht die Sache ein wenig anders: „Wir waren ziemlich wütend! Nicht nur, dass es quasi einem Raub gleichkommt, es handelte sich auch um die ersten Demos, die mit dem Endprodukt etwa soviel gemein haben wie Kohle mit Diamanten."

Doch nicht nur deshalb war das erste Audioslave-Album eine schwere Geburt. Sowohl Cornell (Interscope) als auch das Rage-Trio (Epic) haben bestehende Verträge mit ihren alten Plattenfirmen, die sich um die Veröffentlichung des Albums stritten. Dazu kamen die Manager der beiden Parteien, die mehr gegeneinander als miteinander an die Lösung des Problems herangingen. Jeder war auf den Vorteil seines Klienten aus und verlor dabei völlig aus den Augen, worum es in der Sache wirklich ging: Das Debüt von vier genialen Musikern sattelfest zu machen. Irgendwann war Chris Cornell so gefrustet, dass er seinen Ausstieg aus dem Projekt verkündete. Doch so schnell gaben die Vier nicht auf. Man raufte sich zusammen und feuerte konsequenterweise alle Manager. Seitdem läuft das Projekt völlig problemlos. Sogar die Plattenfirmen konnten sich einigen und vertreiben die hoffentlich zahlreich folgenden Alben zukünftig im Wechsel. Die Weichen sind also gestellt, mit „Audioslave“ eine neue Zeitrechnung in der Rockmusik einzuläuten. Den drei Königen des gepflegten Monster-Riffs wird Gelegenheit gegeben, die mit dem letzten Rage Against The Machine-Album „Renegades“ (2001) erreichte Kreativsackgasse zu verlassen und Cornell kann beweisen, dass er auch außerhalb von Soundgarden erfolgreich sein kann und müde Solowerke wie das ´99er „Euphoria morning“ nicht nötig hat.

An den Reglern wurde das Werk von Rauschebart Rick Rubin betreut, was eine erdige Produktion garantiert. Außerdem machte er den ehemaligen RATM-Recken deutlich, dass sie endlich lernen müssten, langsame Songs zu spielen, andere Akkorde auszuprobieren und somit die ausgetrampelten Pfade zu verlassen. Vorweg gesagt: Dieses Ziel wurde eindeutig erreicht. Vorbei sind die Zeiten, in denen jeder Song in der gleichen Tonart, mit auf „D“ heruntergestimmten „E“-Saiten, daherkommt. Man orientierte sich bei einigen Tracks sogar an Acts wie den Chemical Brothers („Hypnotize“), The Prodigy oder Portishead („The last remaining light“), um für größtmögliche Abwechslung zu sorgen. Dazu kommen die obligatorischen düster-metaphorischen Texte von Chris Cornell, die das Werk zu einer runden Sache machen.

Dabei haben es letztendlich 14 von den 21 eingespielten Stücken auf das Album geschafft. Eröffnet wird der Reigen vom wuchtigen „Cochise“, der ersten Singleauskopplung, die im Schlepptau eines richtig teuer aussehenden Videos unter der Regie von Mark Romanek (Nine Inch Nails) auf die Menschheit losgelassen wird. „Cochise“ hieß laut Morello der letzte freie Indianerhäuptling in den USA, der nach Übergriffen der Kavalerie einen blutigen Feldzug gegen die Siedler führte. Am Ende widerstand er erfolgreich gegen die Südstaatler, die seine Familie gefoltert und umgebracht hatten. Laut Cornell soll der Text die Menschen inspirieren, für ihre Rechte aufzustehen und zu kämpfen. Dass dabei ausdrücklich nicht der Krieg um Geld und Macht gemeint ist, den George W. Bush gerade führt, um ganz nebenbei von seinen innenpolitischen Fehlern abzulenken, dürfte klar sein. „Cochise“ wird gefolgt von den Songs „Show me how to live“ und „Gasoline“, die allesamt etwas unspektakulär an einem vorbeirauschen. Das soll zwar nicht bedeuten, dass es sich um schlechte Lieder handelt. Keinesfalls. Aber man muss auch konstatieren, dass das einleitende Songtrio etwas zu sehr in RATM-Gefilden wildert. Da knattern, sägen und fiepen die Gitarren, stampft die Bass-Drum und groovt Tim Commerfords Bass fast wie in alten Zeiten. Den Unterschied macht Chris Cornell aus, der mit seinen charakteristischen Vocals ordentlich dazwischenfegt und das Deja-vue-Erlebnis auf ein Mindestmaß eindampft.

Das erste richtige Donnergrollen entfacht „What you are“. Der Song verbirgt zwar nicht die Herkunft der Musiker, ist aber ein vollkommen eigenständiges laut/leise Wall-Of-Sound-Monstrum, das selbst den Queens Of The Stone Age zeigt, wo Bartel den Most zu holen gedenkt. „Like a stone“ drosselt das Tempo erstmals merklich und begibt sich in einen schleppenden Groove, der im Mittelteil von einem ach so typischen Tom-Morello-Quietsche-Solo unterbrochen wird. Das Intro vom Nachfolger „Set it off“ macht einem Glauben, dass es in diesem Stil weitergeht. Doch plötzlich lassen die Vier das wilde Tier von der Leine und die Väter des Groove-Metal übernehmen das Zepter. Atmosphärischer Gitarren-Kling-Klang läutet „Shadow of the sun“ ein. Das Stück wird von einem schönen Midtempo-Bassgroove geleitet, der nur durch den eruptiven Refrain aufgebrochen wird. Zum Ende hin darf Herr Morello aber noch mal seine geliebten RATM-Rasiermesser-Riffs auspacken, sodass alle glücklich sind. Die vielleicht zentralsten Kompositionen auf „Audioslave“ sind die grandiosen Halbballaden „I am the highway“ und „Getaway car“. Hier passt einfach alles zusammen. Das ist Gänsehaut-Rock der ersten Gütestufe, sprich die perfekte Schnittmenge aus Soundgarden und Rage Against The Machine. Genau so hatte man sich aufgrund der durchgesickerten Demos ein ganzes Album der Vorzeigebands vorgestellt. Dass es letztendlich nicht so gekommen ist, macht überhaupt nichts.

„Audioslave“ legt eine derartiges Hit-Potenzial an den Tag, dass man zwei, drei nicht ganz so starke Songs locker verschmerzen kann. Natürlich klingt das Ganze nicht sonderlich modern. Aber ist das wichtig? Wirklich bedeutend ist, dass sich die Band nicht in irgendwelchen Experimenten verzettelt hat, sondern einen konsequent logischen Mix aus den Stärken ihrer Vergangenheit aufbietet. Dazu muss man sich natürlich gründlich in das Werk einhören und eine Grundregel beachten: Alle Regler nach rechts und keine Rücksicht auf die Nachbarn. Schließlich haben wir es hier mit ehrlichem Rock `N` Roll zu tun, der von seiner Qualität her in die kleine Reihe der wirklich bedeutenden Alben des ausgehenden Jahres 2002 gehört.

Anspieltipps:

  • I am the highway
  • What you are
  • Like a stone
  • Shadow of the sun
  • Exploder
  • Getaway car
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