Robbie Williams - Escapology - Cover
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Robbie Williams Escapology


  • Label: Chrysalis/EMI
  • Laufzeit: 74 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
6/10 Leserwertung Stimme ab!

Bei einer Spieldauer von rund 70 Minuten und 14 + 1 Song ist es fast selbstverständlich, dass nicht jedes Lied ein gleich hohes Niveau besitzt.

„Ich bin reicher als in meinen wildesten Träumen." Mit diesen Worten kommentierte ein gewisser Robert Peter Williams die Verlängerung seines Plattenvertrages mit dem altehrwürdigen EMI Label. Für geschätzte 80 Millionen Pfund (ca. 127 Mio. Euro) muss der aus dem englischen Nest Stroke-On-Trent stammende, zurzeit größte lebende Popstar, der von allen nur Robbie genannt wird, vier Alben abliefern, davon mindestens eine „Greatest Hits“-CD, die für das Weihnachtsgeschäft 2003 erwartet wird. Obwohl die Summe für die Vertragsverlängerung nie offiziell bestätigt wurde (Williams: „Meine Mama hat mir gesagt, dass es sich nicht gehört, über Geld zu reden“), ist die finanzielle Dimension absolut realistisch. Zum Vergleich: Den Wechsel Mariah Careys vom Konkurrenten Sony ließ sich EMI damals 96 Mio. Euro kosten. Und da war die Karriere der Diva bereits auf dem absteigenden Ast. Williams dagegen stieg in den letzten fünf Jahren endgültig zu „Everbody’s Darling“ und mit seinem 2001er Album „Swing when you’re winning“ zu den „Best selling Acts“ der Branche auf. Was konnte dem Ex-Boygroup-Sänger da besseres passieren, als dass sein Plattenvertrag im Moment seines größten Erfolges auslief. Das begehrteste Juwel der britischen Popmusik war frei und der Markt stürzte sich förmlich auf den 28-Jährigen. In einer rezessionsgeplagten Industrie ist schließlich jeder scharf darauf, einen garantierten Gewinnbringer für seine Firma zu verpflichten.

Das wusste auch Robbie. Und schlau wie er nun mal ist, produzierte er in Rekordgeschwindigkeit zusammen mit seinem musikalischen Alter Ego Guy Chambers in Los Angeles ein Album auf eigene Rechnung, „... das er auf jeden Fall noch vor Weihnachten 2002 veröffentlichen wolle“, so Williams im Spätsommer 2002. Damit war der Köder ausgelegt und die Chefs der großen Plattenfirmen alarmiert. Am Ende machte sein bisheriges Label das Rennen und musste, wie gesagt, tief in die Tasche greifen, um seinen Star behalten zu können. Die Frage ist nun, ob der Ausnahmekünstler mit seinem neuen, „Escapology“ betitelten Werk, die hohen Erwartungen von Fans und Plattenfirma erfüllen kann. Denn Williams strebt nach Veränderung. War bereits der Vorgänger „Swing when you’re winning“ ein unglaublich erfolgreicher Ausbruch aus der Pop-Welt in das Genre des Bigband-Swing, will der Star nun auch die Bereiche Indie-Rock und Adult-Pop erschließen. Also nie wieder unschuldig-naiver Kinder-Pop à la „Rock DJ“? Wir werden sehen.

Schon der Opener „How peculiar“ lässt aufhorchen. Hier wird nicht groß auf die Pauke gehauen, sondern mit schrägen Akustikgitarrenklängen und verzerrtem Gesang auf den Spuren von Blur gewandelt. Quasi eine gemäßigte Priese Indie-Rock, bei der die Suche nach einer Hookline im Sande verläuft. Dagegen ist „Feel“, die erste Singleauskopplung, ein typischer Robbie-Radiohit, der zwar sofort ins Ohr geht, aber nicht über eine solch majestätische Melodie wie „Angels“ oder „Eternity/The road to Mandalay“ verfügt. Trotzdem, so haben wir unseren Robbie gern. Bei „Something beautiful“ spürt man eindeutig die Einflüsse seines Swing-Albums. Klassischer Bigband-Pop, bei dem die Stimme im Vordergrund steht und von feinen Bläser-Riffs, zarten Streichern und fetten Chören eingebettet wird. „Mansoon“ geht wieder in eine völlig andere Richtung. Deutlich rockiger (E-Gitarren!), mit rotziger Liam-Gallagher-Stimme rechnet Robbie mit dem Business ab („Don’t wanna piss on your parade. I’m here to make money and get laid. Yeah I’m a star but I’ll fade if you ain’t sticking your knives in me...“). Da darf selbst ein Williams mal den Rocker geben. „Love somebody“ zeigt den Künstler von seiner dramatischen Seite. Unheilsschwangere Bässe dröhnen, Robbie singt mit verzweifelter Eindringlichkeit wiederholt „I wanna love somebody“, während ein Gospel-Chor wie eine Wand hinter ihm steht. Kunst oder Kitsch? Das muss jeder für sich entscheiden. Nach Kylie Minogue und Nicole Kidman wurde das obligatorische Duett („Revolution“) diesmal mit Roberta Stone von Sly And The Family Stone eingesungen. Das gibt dem Song zwar einen gehörigen Soul-Touch, aber nicht den entscheidenden Kick, um ihn aus dem Mittelmaß herauszuholen. Beileibe nicht das einzige Stück auf „Escapology“, das lange Zeit in Unauffälligkeit badet und erst vom Refrain über die Norm gehievt wird.

Absoluter Höhepunkt des Albums ist die mit über sieben Minuten Spielzeit etwas ausladend wirkende Hymne „Me and my monkey“. Der Song überrascht auf ganzer Linie. Robbie präsentiert einen total verrückten Text voller Albernheiten und Sarkasmus. Dazu erklingen spanischen Gitarren und messerscharfe Tex-Mex-Trompeten. Ein Meisterwerk der guten Laune, das man gehört haben sollte! Mit „Song 3“ mutiert Williams endgültig zum Rocker. Der Bursche brüllt um sein Leben und die Gitarren dröhnen so laut und erdig, dass so mancher Hausfrau beim Bügeln das Eisen aus der Hand fallen dürfte. „Was hat er nur, der arme Junge, dass er so schreien muss?" Nun, auch wenn der Faxenmacher hörbar gereift ist, will er auch einfach nur mal seinen Spaß haben. Und den hatte er bei „Song 3“ bestimmt. Ganz im Gegensatz zum Schlussstück „Nan’s song“, der ersten alleinigen Komposition aus seiner Feder. Hier nimmt Robbie auf rührende Weise von seiner verstorbenen Großmutter Abschied. Im Prinzip ein gelungener Ausklang. Doch wer jetzt nicht gleich abschaltet, wird noch mit einem kleinen Gimmick überrascht. Ob die Notwendigkeit für diese sogenannten „Hidden Tracks“ tatsächlich besteht, lassen wir mal dahingestellt. Im Falle des versteckten 15. Songs ist es hinsichtlich des Textes wohl besser so. Denn ganz zum Schluss kann sich der gute Robbie einen Seitenhieb auf den verhassten ehemaligen Take-That-Kollegen nicht ersparen („Who came third in world war two? Where has Gary Barlow gone? And why is Christmas day so long?“).

Bei einer Spieldauer von rund 70 Minuten und 14 + 1 Song ist es fast selbstverständlich, dass nicht jedes Lied ein gleich hohes Niveau besitzt. Doch das stört überhaupt nicht. War es bisher so, dass Robbie-Williams-Alben eine Ansammlung von drei bis fünf Hitsingles waren, die von einer Menge Füllmaterial zusammengehalten wurden, erscheint „Escapology“ wie aus einem Guss. Und das, obwohl sich der Meister an den unterschiedlichsten Stilarten versucht (Indie-Rock, Pop, Soul). Wenn bei der Auswahl der nächsten Singleauskopplungen alles richtig gemacht wird, sollte auch das fünfte Soloalbum des Briten die Erfolge der letzten Jahre bestätigen. Für Fans gepflegter Popmusik, die sich auch vor musikalischen Überraschungen nicht fürchten, ist „Escapology“ ein Pflichtkauf.

Anspieltipps:

  • Feel
  • Song 3
  • How peculiar
  • Come undone
  • Handsome man
  • Me and my monkey
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