Mariah Carey - Charmbracelet - Cover
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Mariah Carey Charmbracelet


  • Label: Island/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 65 Minuten
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2/10 Unsere Wertung Legende
5.6/10 Leserwertung Stimme ab!

Popstars wie Mariah Carey leben von erfolgreichen Singleauskopplungen. Aber was tun, wenn das Album keine hergibt?

Der ehemals unantastbare Superstar und mit über 150 Millionen verkauften Tonträgern einer der erfolgreichstes Acts der 90er Jahre wurde in der Vergangenheit arg vom Schicksal gebeutelt. Frau Carey wechselte innerhalb kürzester Zeit zwei Mal mehr oder weniger freiwillig das Plattenlabel (von Sony ging es zu EMI und von dort zu Universal), kämpfte gegen dramatisch sinkende Verkaufszahlen an, landete einen krachenden Flop mit ihrer ersten Filmhauptrolle („Glitter“), ihre große Liebe zu Latino-Pop-Star Luis Miguel ging in die Brüche und im Sommer 2001 folgte ein Zusammenbruch, der aufgrund einiger bizarrer Quellen sogar als Selbstmordversuch ausgelegt wurde.

Doch Mariah hat bereits als Jugendliche zu kämpfen gelernt, als sie sich aus einfachsten Verhältnissen ihrer Heimat Long Island (New York) an die Spitze des Musikbusiness hocharbeitete. Also raffte sie sich nochmals auf und startet in diesen Tagen mit dem Album „Charmbracelet“ einen großangelegten Comebackversuch. Dazu gründete sie ihr eigenes Label MonarC, das im Verbund der „Island Def Jam Music Group“ (Universal) einen starken Vertriebspartner gefunden hat. Außerdem werkelten an dem mittlerweile neunten Studioalbum wieder hochkarätige Kollegen wie Jay-Z, Kelly Price, Jermaine Dupri, Terry Lewis, Justin Timberlake und Irv Gotti mit, die unter Hochdruck dafür sorgten, dass die Veröffentlichung noch in das lukrative Weihnachtsgeschäft eingreifen konnte. Etwas spät zwar, aber gerade noch rechtzeitig erschien „Charmbracelet“ am 02. Dezember 2002. Und wie es sich für einen echten Medienprofi gehört, hat sich die 32-Jährige für die Namensgebung der CD eine sehr individuelle Definition einfallen lassen: „Glücksbringer in Form von Armbändern („Bracelet“) haben immer eine persönliche und sentimentale Bedeutung für mich gehabt. Ein Talisman, das ist ja wie ein Stück von dir selbst, das du an andere weitergibst, ein Gegenstand, der deine Geschichte erzählt, die du mit anderen teilen möchtest. Genau wie einen Song. Das Armband repräsentiert also die Grundlage dieses Albums, welches viele Gefühle einschließt“, so Carey.

Nun mag es tatsächlich so sein, dass Mariah Carey mit dem Album ihre durcheinandergeratene Gefühlswelt ins Reine zu bringen versucht. Doch wird der normale Hörer kaum etwas davon bemerken. Wer nach den künstlerischen Voll-Flops der letzten Zeit (das Soundtrack-Album „Glitter“ zählt definitiv zu den schlechtesten Alben des letzten Jahres) erwartet hatte, dass Frau Carey den Karrieretiefpunkt zur Rückkehr zu alten Stärken nutzen würde, sieht sich bitter enttäuscht. Wo früher Pop-Hymnen und sanfte Balladen mit Melodien für die Ewigkeit für Verzückung sorgten, dominieren heute unglaublich flache R`N`B-Liedchen mit krampfhafter Black-Music-Attitüde. Hooklines gibt es überhaupt nicht mehr. Die 15 Songs (darunter zwei Versionen der ersten Single „Through the rain“) ziehen sich über eine Stunde lang wie eine zähe Masse durch die Lautsprecher - weder musikalisch noch stimmlich wird besonders variiert. Schema F - und das bis zum Erbrechen. Dazu geizt Mariah auch noch mit ihrem kostbarsten Kapital, ihrer Fünf-Oktaven-Stimme. Es wird fast durchgehend gehaucht, geflüstert, gerappt und gekiekst. Aber aus voller Brust gesungen wird kaum mehr. Die Frage sei erlaubt, ob das die Silikoneinlagen nicht mitmachen, oder wo sonst die Gründe dafür liegen.

Als Plattenfirmenchef wäre mir angst und bange, wenn ich dieses Album, das in seiner Entstehung bestimmt nicht billig war, gewinnbringend vermarkten müsste. Popstars wie Mariah Carey leben von erfolgreichen Singleauskopplungen. Aber was tun, wenn das Album keine hergibt? So lässt sich nicht mal der amerikanische Markt zurückerobern, geschweige denn der europäische. Vielleicht hat man aus diesem Grund den Def-Leppard-Klassiker „Bringin‘ on the heartbreak“ gecovert und zu einer kitschigen Pop-Ballade umfunktioniert. Das ist zwar nicht besonders überzeugend, doch der Song hat wenigstens eine Melodie, was ein extrem rares Gut auf dieser CD darstellt. Wer sich nicht gerade zu den Hardcore-Fans der Sängerin zählt, sollte von diesem Album tunlichst die Finger lassen und seine 15 Euro anderweitig anlegen. Wie wär’s denn mal mit der Diva aus Delmenhorst, Sarah Connor, die bei Careys Ex-Label Sony zum neuen Superstar aufgebaut wird.

Anspieltipps:

  • Through the rain
  • Bringin‘ on the heartbreak
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