Die Sterne - Irres Licht - Cover
Große Ansicht

Die Sterne Irres Licht


  • Label: Virgin/EMI
  • Laufzeit: 43 Minuten
Artikel teilen:
7/10 Unsere Wertung Legende
4.8/10 Leserwertung Stimme ab!

Wie doch die Zeit vergeht... „Fickt das System!“ lautete die Botschaft der aller ersten Sterne-Veröffentlichung. Und das ist nun auch schon über zehn Jahre her. Inzwischen haben die Pop-Intellektuellen die üblichen Höhen und Tiefen des Business hinter sich gebracht und einiges ihrer ursprünglichen Radikalität eingebüßt. Dennoch zählen Die Sterne zu den wenigen deutschen Kapellen, denen man das Prädikat stilbildend ungestraft verleihen kann.

Die Geschichte der Band beginnt in den späten 80er Jahren im ostwestfälischen Kurtort Bad Salzuflen, wo ein gewisser Frank Spilker im kreativen Umfeld von Bernadette Hengst (Die Braut Haut Ins Auge), Achim Knorr (Der Fremde) und Jochen Distelmeyer (Blumfeld) das Kassettenlabel „Fast Weltweit“ betreibt und nebenher damit beschäftigt ist, rebellisch intelligente Popmusik zu produzieren. Zur Hilfe kommen Sänger und Gitarrist Spilker seine Hamburger Kumpel Thomas Wenzel (Bass), Frank Will (E-Piano) und Christoph Leich (Drums), die er 1991 nach seinem Umzug in die Elbe-Metropole kennen lernt. In der Besetzung Spilker/Wenzel/Leich/Will entstehen in der Zeit zwischen 1993 und 1999 insgesamt fünf Alben, die das Quartett zum Inbegriff der „Hamburger Schule“ werden lässt. Danach wird es erst mal ruhig um die Gruppe. Am Rande erfährt man vom Ausstieg des Keyboarders Frank Will, der sich zukünftig als Garten- und Landschaftsbauarchitekt verdingt und dass die Plattenfirma (Epic/Sony) den Vertrag mit der Band nicht verlängern will. Trotz der schlechten Vorzeichen beginnt man mit der Arbeit an neuen Songs, für die die verbliebenen Bandmitglieder nach Ersatz an den Keyboards suchen, da dieses Instrument seit jeher zu den tragenden Elementen des retroartigen Bandsounds zählt. Schließlich wird für die Produktion des sechsten Studioalbums Richard von der Schulenburg verpflichtet, der mit seinem Spiel frischen Wind in die Gruppe bringt.

Auf der Suche nach einem neuen Vertriebsparter landen Demos der neuen Songs beim EMI-Ableger Virgin Records in München, die die Band daraufhin unter Vertrag nehmen. Unter der Regie von Olaf Opal (The Notwist, Miles, Liquido) entstehen im Studio Mohrmann in Bochum und im bandeigenen Studio in Hamburg elf frische Pop-Perlen, zu denen Spilker seinen nicht selten schrägen Gedankenspielen wie im Song „Ich bringe euch beide um“ freien Lauf lässt. Unter dem Titel „Irres Licht“ werden die Songs schließlich im Sommer 2002 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Was nach dem ersten Hördurchgang von „Irres Licht“ auffällt, ist, dass schnell zugängliche Hits vom Schlage „Universal Tellerwäscher“ oder „Was hat dich bloß so ruiniert?“ diesmal gänzlich fehlen. An ihre Stelle treten unbestreitbare Kleinode deutscher Popmusik („Wahr ist was wahr ist“, „Wenn dir St. Pauli auf den Geist fällt“, „Wir verstehen so manches nicht“), die erst nach mehrmaligem Hörgenuss ihre ganze Klasse und Schönheit preisgeben. Dazu gibt es eine gepflegte Priese geradliniger Rocksongs („Hängen hart“), atmosphärischen Radio-Pop („Nur Flug“) und ein paar düster zynische Balladen („Schier Herzattacke“, „Alles vergeht“). Die Kompositionen erscheinen nie austauschbar oder beliebig, was ein klarer Vorzug der CD ist, sie aber auch relativ sperrig und nicht gerade leicht zugänglich klingen lässt, wobei dies mehr für die Musik als für die Texte gilt, die, nicht wie bei gewissen deutschen Kollegen, einer patchworkartigen Aneinanderreihung kryptischer Versatzstücke gleichkommt, sondern, ähnlich wie bei Jochen Distelmeyer oder Sven Regener (Element Of Crime), zum Zuhören einladen.

Sein wir also froh, dass es in unserer Musiklandschaft noch Künstler gibt, die nicht im Allerweltsbrei des Formatradios mitschwimmen, sondern Platten mit Ecken und Kanten abliefern, bei denen es eben einiger Mühe des geneigten Hörers bedarf, das Werk für sich zu erschließen. Schade nur, dass diese Acts immer seltener werden, da es sich viele Plattenfirmen nicht mehr leisten können/wollen, Künstler „durchzuschleppen“, die keine Gold- und Platinauszeichnungen einfahren.

Anspieltipps:

  • Wenn dir St. Pauli auf den Geist fällt
  • Wahr ist was wahr ist
  • Ich will nichts mehr von dir hören
  • Alles vergeht
  • Wir verstehen so manches nicht
Neue Kritiken im Genre „Indie-Pop“
Diskutiere über „Die Sterne“
comments powered by Disqus