Perry Blake - California - Cover
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Perry Blake California


  • Label: Parasol/EDEL
  • Laufzeit: 47 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
5.2/10 Leserwertung Stimme ab!

Oftmals werden die wahren Perlen eines Musikjahres taktisch geschickt außerhalb der gewöhnlichen Veröffentlichungsschwemme im Frühjahr und Herbst auf den Markt gebracht und fristen dann doch das Dasein eines unbeachteten Nischenproduktes.

Bei dem 1970 in Sligo/Irland geborenen Songwriter Perry Blake verhält es sich sogar noch eine ganze Ecke schlimmer. Obwohl seine bisherigen Werke (zwei Studio- und ein Live-Album) von der Kritik ausnahmslos gefeiert wurden, zählt er zu den am besten gehüteten Geheimnissen des europäischen Musikbusiness. Lediglich in einigen Ländern Südeuropas (Frankreich, Italien, Portugal) hat er es zu einem gewissen Ruhm gebracht. Der Rest des Kontinents, allen voran seine britische Heimat, straft die Platten des jungen Künstlers mit arroganter Nichtbeachtung. Doch das soll sich nun ändern!

Erstmals erschien im November 2002 mit „California“ ein Album von Perry Blake auf herkömmlichen Weg auch in Deutschland und riss die Kritiker zu wahren Begeisterungsstürmen hin. In der Tradition solcher Koryphäen wie Scott Walker, Nick Drake, Leonhard Cohen oder David Bowie, dessen Stimme Blake eins zu eins in der Lage ist zu kopieren, präsentiert der Ire ein Album, das in einer 12-tägigen Studiosession in Belgien von einer Live-Band eingespielt wurde und den perfekten Soundtrack zu häuslichen Abenden im winterlichen Europa bietet. Mit „California“ meint Blake allerdings weniger die feste Definition eines Ortes als vielmehr ein Stimmungsbild bzw. einen emotionalen Zustand, der die Protagonisten in Perry Blakes Geschichten antreibt. So wurde der Albumtitel von einem osteuropäischen Ehepaar inspiriert, dessen größter Wunsch es war, in ihrem selbsterklärten Paradies Kalifornien zu leben. Doch als die beiden schließlich die Gelegenheit hatten, hinzureisen, waren sie so enttäuscht, dass auch ihre Beziehung in die Brüche ging.

Zusammen mit dem italienischen Komponisten und Produzenten Marco Sabiu spielte Perry Blake zehn Songs ein, die das Feld aus Pathos, Kitsch und großen Melodien bis an die Grenzen ausloten. Die beiden fahren alles auf, was Blakes vertonte Geschichten von einsamen Seelen und unglücklich Liebenden benötigen: schwülstige Streicher, soulige Bläser, große Chöre und wunderschöne Klavierparts. Das verlangt dem Hörer gewiss einiges ab und kann bei nicht ausreichender Konzentration auf das Werk schnell in die Schublade „Fahrstuhlmusik“ eingeordnet werden. Doch mit dem Wissen, dass Blake auch schon verschiedene Soundtracks aufgenommen hat, erklärt sich, dass seine Kompositionen eher von epischen Soundflächen und dem üppigen Zusammenwirken der unterschiedlichen Instrumente leben, als von einer kargen Gitarrenbegleitung, die selbstverständlich auch ein adäquates Stilmittel sein kann. Deshalb sollte der einhellige Rat diverser Rezensenten befolgt werden, sich zum Genuss dieses Albums auf Bett oder Sofa zurückzuziehen und das Licht auszumachen, um den schwerelosen Melodien auf höchstem Niveau zu lauschen.

Den Anfang macht der Song „This life“, dessen sphärische Klavierklänge einen sofort verzaubern und auf die Reise durch eine Dreiviertelstunde allerfeinsten Songwriter-Pop mitnehmen. Alle weiteren Songs folgen einem mit sich verwandten Konzept ohne Ecken und Kanten, was in diesem Fall keine Kritik darstellt, sondern dazu führt, dass die CD wie aus einem Guss klingt. Dabei fällt auf, dass Perry Blake oft mit ungewöhnlich hoher Stimme singt, die ein wenig der von Morton Harket (a-ha) ähnelt. In den tiefen Passagen gibt er dagegen den perfekten David-Bowie-Doppelgänger ab. Eine bemerkenswerte Mischung, die man gehört haben sollte! Doch auch der Instrumentierung gebührt ein besonders Lob. Speziell die Klavierklänge stechen auf „California“ hervor, wobei es gerade die kurzen Parts, wie etwa die Intros zu „Pretty love songs“, „California“ oder „The road to Hollywood“ sind, an denen man sich kaum satt hören kann. Dazu kommt ein ausgefeilter Ambient-Groove, der perfekt mit den Streicher- und Bläserklängen harmoniert und nachhaltig an das unterschätzte Bowie-Werk „Black tie, white noise“ (1993) erinnert.

Alles in allem haben wir es bei „California“ mit einem kleinen Meisterwerk zu tun, für das der Hörer freilich ein gerüttelt Maß an Unvoreingenommenheit mitbringen muss. Ansonsten wird man aufgrund des orchestralen Popsounds unweigerlich die Flucht ergreifen. Vielleicht müssen auch mehrere Hördurchgänge herhalten, ehe man die Brillanz von Perry Blakes Kompositionen erkennt. Irgendwann wird man auf jeden Fall bemerken, dass Großbritannien neben Damon Gough, alias Badly Drawn Boy, einen weiteren Rohdiamanten in der Singer-/Songwriter-Sparte hat, dem die Zukunft gehört. Denn eines muss man sich dieser Tage getrost bewusst werden: Der Brit-Pop ist tot!

Anspieltipps:

  • This life
  • California
  • Ordinary day
  • Venus of the canyon
  • How can the knower be known?
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