Queenadreena - Drink Me - Cover
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Queenadreena Drink Me


  • Label: Rough Trade/ZOMBA
  • Laufzeit: 38 Minuten
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6/10 Unsere Wertung Legende
5.1/10 Leserwertung Stimme ab!

Himmel-die-Berge! War man bisher der Meinung, dass die einzig wahren Psychos im Musikbiz nur aus den USA kommen können, egal, ob sie nun Trent Reznor (Nine Inch Nails), Brian Warner (Marilyn Manson), Alice Cooper oder Robert Cummings (White Zombie) heißen, „the land of the free and home of the brave“ diente stets als Brutstätte des vertonten Wahnsinns. Jetzt überrascht eine Band aus England mit ihrem zweiten Album, das exakt in die gleiche Kerbe schlägt.

Queen Adreena, so ihr Name, ging aus den Überresten der relativ erfolglosen Riot-Grrrl-Combo Daisy Chainsaw hervor, die es Anfang der 90er Jahre auf ein Album („Eleventeen“) und einige EPs brachte, sich dann aber aufgrund interner Zwistigkeiten auflöste. Sechs Jahre nach dem Band-Split trafen sich die Ex-Daisy-Chainsaw-Miglieder Crispin Gray (Gitarre) und Katie Jane Garside (Vocals) 1999 wieder und beschlossen, es noch einmal miteinander zu versuchen. Im April 2000 kam das Album „Taxidermy“ auf den Markt und bot alles, was das Herz schwer macht und die Seele bluten lässt. Düstere Melodien, krachende Rocksongs voller Pathos und Leidenschaft und eine gehörige Portion Wahnsinn in Garsides Texten und sangestechnischen Darbietungen.

Tatsächlich ist die außergewöhnliche Stimme von Katie Jane das Erste, was bei Queen Adreena auffällt. Irgendwo zwischen Björk, PJ Harvey, Kate Bush und Marilyn Manson angesiedelt, präsentiert die Pionierin der Riot-Grrrl-Bewegung einen stimmlichen Mix, den der britische New Musical Express passend mit „Kate Bush auf Crack“ beschrieb. Auch auf „Drink me“, dem zweiten Werk der Düster-Rocker, zählt Garsides Organ zu den schrägen, aber nichtsdestotrotz attraktiven Reizen. Sie schreit, sie droht, steht manches Mal kurz vor dem Kollaps, um dann wieder auf verruchte Verführerin oder säuselnde Elfe zu machen. Vor allem tut sie aber eines: Sie lebt ihre Fantasien und Gefühle total aus, was ihr bei Daisy Chainsaw nicht vergönnt war und schließlich zum Ende der Band führte: „Ich konnte nicht in Worte bluten, nicht in die Texte - ich konnte nur in meiner Performance bluten. Das hieß, mich selbst zu zerstören." Bei Queen Adreena hat sich dies grundlegend geändert, sodass sich der geneigte Hörer an netten Texten wie „The midnight sun burns holes in the soles of my feet. I kneel before you, I say fuck me baby, looking at forever I cling to every limb, please hold me tight for the dead of the night prefers my suffering…” erfreuen kann.

Eröffnet wird der Reigen auf „Drink me“ von der aktuellen Singleauskopplung „Pretty like drugs”, dem besten Song des Albums. Das Stück wird von einem erregenden Rhythmus angetrieben und verwirrt den Hörer mit kindlichem Gesang zu punkigen Gitarren, bis beim Refrain eine Eruption aus verzehrten Gitarren und wildem Geschrei einsetzt, die in der Lage ist, Taube aufzuwecken. In diesem Stil geht es vorerst weiter. Die Bässe grollen dunkel, die Gitarren sägen und Frau Garside gibt sich alle Mühe, so zu klingen, als sei sie kein Wesen von dieser Welt. Eine erste leichte Variation dieses Sounds wird beim atmosphärischen „Sleeping pill“ geboten, das fast als Ambient-Track durchgehen könnte. Doch lange wehrt die Stille nicht. „A bed of roses“ macht auf genial schockierende Art deutlich, dass man das Bett-&-Rosen-Thema auch anders angehen kann, als weiland Jon Bon Jovi vor zehn Jahren. Überhaupt stehen die Schockeffekte bei den Briten im Vordergrund. Allerdings nicht in der simpel plakativen Art eines Marilyn Manson, sondern grundsätzlich auf subtiler, musikalischer Ebene. Oder ist es nicht schockierend genug, wenn eine Frau im zerrissenen Baby-Doll-Outfit und mit der Stimme Björks zu animalischer Rockmusik vom „Razorblade sky“ singt? („I rip open clouds with no faces. She undoes herself for a slice of your pie. Razorblade sky, razorblade sky. I quench your thirst, I bleed you dry, help you make your bed come undone. Razorblade sky, identifying marks our history picked out in stars we rip open the firmamment...“).

Queen Adreena machen es einem wirklich nicht einfach. „Drink me“ zählt zu den Werken, aus denen man einfach nicht schlau wird. Die Musik pendelt zwischen grandios faszinierend und erschreckend belanglos. Obwohl nur 38 Minuten lang, wünschte man sich, dass die CD auf maximal sechs Stücke eingedampft würde. Dann hätte man es mit einem sicheren Kandidaten für sämtliche Poll-Hitlisten des abgelaufenen Jahres zu tun. So reicht es "nur" zu einem überdurchschnittlichen Album, mit einer allerdings grandiosen Single „Pretty like drugs”.

Anspieltipps:

  • Pretty like drugs
  • Sleeping pill
  • Desert lullaby
  • For I am the way
  • Under a floorboard world
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