t.A.T.u. - 200 km/h In The Wrong Lane - Cover
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t.A.T.u. 200 km/h In The Wrong Lane


  • Label: Interscope/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 48 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5.8/10 Leserwertung Stimme ab!

Wer bisher glaubte, im Bereich der populären Musik alles schon mal gesehen oder gehört zu haben, der wird in diesen Tagen eines besseren belehrt. Über die westliche Welt rollt derzeit eine Welle russischer (!) Popmusik in Form des Mädchen-Duos t.A.T.u. Egal, ob man Radio hört oder die Musiksender einschaltet, überall läuft ihr Ohrwurm „All the things she said“ (im Original „Ya soshla S uma“), der sich dazu noch wie geschnitten (Russisch) Brot verkauft.

Nun weiß man ja, dass eingängige Musik alleine nicht zwingend einen Hit ausmacht. Was wirklich zählt, ist ein geniales Marketingkonzept. Im Fall der beiden Mädchen aus Moskau (Lena Sergeevna Katina und Yulia Olegovna Volkova ) haben sich Produzenten und Management etwas ganz Besonderes einfallen lassen. Die zwei gutaussehenden Lolitas sind (angeblich) lesbisch und zufällig auch privat ein Paar, was dem Publikum in ihren Videos und Live-Shows auf sehr extrovertierte Weise nähergebracht wird. Da wird sich gerne und häufig geküsst. Die Schulmädchen-Outfits können gar nicht zu knapp sein und wenn es sein muss, lassen sich die beiden auf der Bühne in weißer Unterwäsche mit Wasser bespritzen, bis auch das letzte Geheimnis gelüftet ist. Was das jetzt mit Musik zu tun hat? Im Prinzip gar nichts. Aber mit dieser Masche und ihren extrem eingängigen Songs wurden in Russland weit über eine Million Tonträger verkauft, wobei geschätzt wird, dass zusätzlich eine vielfache Menge der verkauften CDs auf dem berühmt berüchtigten russischen Musik-Schwarzmarkt an den Mann gebracht wurde.

Obwohl sich Lena und Yulia von einer Moskauer Musikschule kannten, wo beide Klavierunterricht nahmen, bewarben sie sich 1999 unabhängig voneinander bei einem Casting für ein Musikvideo. Unter 500 Bewerberinnen fiel die Wahl auf die beiden, die im September 2000 unter dem Namen t.A.T.u. ihre erste Single (engl. „I´ve lost my mind“) veröffentlichen. Für t.A.T.u. gibt es übrigens zwei Übersetzungsmöglichkeiten: Der ursprüngliche Bandname lautet TATY und ist im russischen ein Wortspiel/Abkürzung für „Ta lyubit tu“ und heißt soviel wie „Sie liebt sie“. „Taty“ ist ebenso die Abkürzung von „Tatyirovka“, was wiederum „Tattoo“ bedeutet. Der offizielle Bandname außerhalb Russlands lautet auf t.A.T.u., denn als die Verträge mit Universal Music/Interscope unterzeichnet werden sollten, stellte man fest, dass eine Band namens TATY bereits existierte und so änderte man den Namen in t.A.T.u. Im Mai 2001 veröffentlicht Universal das Debütalbum „200 po vstriechnoy“ in Russland. Ein halbes Jahr später im restlichen Ost-Europa. Überall gingen die Singles und das Album durch die Decke. Kein Wunder, dass inzwischen auch Producer-Legende Trevor Horn (Frankie Goes To Hollywood, Pet Shop Boys, Marc Almond, Simple Minds, Tom Jones) auf das Duo aufmerksam geworden war. Sein Reiz war es, eine englischsprachige Version des Albums zu produzieren, die seit Ende 2002 unter dem Titel „200 km/h in the wrong lane“ vorliegt und seit dem sensationelle Verkaufserfolge aufweisen kann.

Doch kommen wir zum eigentlichen Sinn einer CD-Rezension: Die Musik. Und da, liebe Freunde des gepflegten Russen-Pop, stellen sich euch Lauscher auf! Wenn einen die ersten Töne von „Not gonna get us“ (die zweite Singleauskopplung, im Original „Nas ne dagoniat“) treffen, fühlt man sich wie vom Blitz getroffen. Zu fetten Break-Beats und wummernden Bässen quietschen die zwei Gören drauf los, dass dem Rezensenten die Gesichtszüge zu entgleisen drohen. Man glaubt wirklich, dass anstelle der beiden Mädels ein paar blaue Schlümpfe an den Mikros stehen. Da hat der gute Trevor wohl etwas zu sehr an den Reglern gedreht. Trotzdem besitzt das Stück einen hohen Widererkennungswert, der in ähnlichen Dimensionen anzusiedeln ist, wie bei „All the things she said“, dem skandalumwobenen Track, der sich mit der Liebesbeziehung zwischen zwei jungen Mädchen beschäftigt.

Wenn man sich erst mal an die komplett eigenständige Klangfarbe jenseits gängiger Kategorisierungsversuche gewöhnt hat, bekommt man die acht Songs (plus vier Remixes) auf „200 km/h in the wrong lane“ nicht mehr aus dem Kopf. Dem Hörer bietet sich ein furioser Stil aus elektronischem Pop mit Ecken und Kanten, den Trevor Horn nicht nur mit The Prodigy vergleicht, sondern auch mit Propaganda, einer Band mit der er in den 80er Jahren zusammengearbeitet hat. Lediglich „30 minutes“ und „Stars“ fallen als Balladen etwas aus der Reihe, wobei „Stars“ mit arabischen Einflüssen überrascht. Spaß macht auch die ironische Coverversion von „How soon is now“ von den Smiths. Der Song, eigentlich voller Einsamkeit und Verzweiflung, wird kompromisslos in ein fröhliches Duett verwandelt.

Natürlich handelt es sich bei t.A.T.u. um das Produkt eines kranken Manager-Hirns, das mit einem ebenso simplen wie genialen Marketingplan auf die Erfolgsspur gebracht wurde. Vielleicht funktioniert das Ganze nur für kurze Zeit. Möglicherweise ist es auch die Zukunft des Pop (sic!). Unbestritten ist allerdings, dass es zur Zeit nur ganz wenige Acts gibt, die CDs in solchen Mengen absetzen wie t.A.T.u. Dabei muss man einfach mal davon ausgehen, dass dies nicht ausschließlich über Promotion geht, sondern auch eine musikalische Grundsubstanz vorhanden sein muss. Und die ist bei t.A.T.u. in Form von herrlichem Trash-Pop absolut vorhanden. Es verlangt ja niemand, dass man sich öffentlich als Käufer einer t.A.T.u.-CD bekennen muss. Nur gehört haben sollte man die zwei Schlümpfe auf Acid allemal. Denn, wie sagt Lena Sergeevna Katina so schön: „Unsere Songs sind alles andere als oberflächlich. Wir singen direkt und schonungslos ehrlich über uns und andere. Wir verstellen uns nicht für unsere Fans. In Russland ist man nicht rücksichtsvoll und höflich zueinander. Wenn wir etwas nicht mögen sagen wir es. Wenn wir mit etwas nicht einverstanden sind sagen wir ‘fuck you!‘". In diesem Sinne wünscht der Rezensent viel Spaß mit dem Album.

Anspieltipps:

  • All the things she said
  • How soon is now?
  • Not gonna get us
  • Show me love
  • 30 minutes
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