Such A Surge - Rotlicht - Cover
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Such A Surge Rotlicht


  • Label: Columbia/SONY
  • Laufzeit: 49 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
4.8/10 Leserwertung Stimme ab!

Die Crossover-Szene in Deutschland ist schon eine ziemlich spezielle Angelegenheit. Da gibt es etablierte Megaseller wie die Guano Apes, allseits verachtete Acts wie die H-Blockx, aufstrebende Jungspunde wie Fidget und natürlich die Aushängeschilder schlechthin: Such A Surge aus Braunschweig, die sich dieser Tage mit ihrem fünften Studioalbum in den Wohnstuben und Konzertsälen unserer Republik zurückmelden.

Im letzten Jahr konnte die Band, die sich aufgrund der Soloaktivitäten ihrer Mitglieder Oliver Schneider (Gesang), Michel Begeame (Gesang), Dennis Graef (Gitarre), Axel Horn (Bass), Carsten Rudo (Drums) und des ständigen Gastes DJ Stylewarz eher als Künstler-Kollektiv bezeichnen sollte, bereits ihr zehnjähriges Jubiläum feiern. Angefangen hat alles im August 1992, als sich die Urformation von Such A Surge zusammenfand. Schon mit ihrer ersten EP „Gegen den Strom“ (1993), die sich ohne die übliche Werbung über 10.000 Mal verkaufte, erspielte sich die Band einen hervorragenden Ruf in Fach- und Fankreisen und begleitete erfolgreiche Gruppen wie Dog Eat Dog oder Biohazard auf deren Tourneen. Nach langen und zähen Verhandlungen über künstlerische Freiheiten, die der Band einen nachhaltigen Ruf in der Branche einbrachte, erschien 1995 das erste Album „Under pressure“ beim Major Epic/Sony. Mit einer für Newcomerbands luxuriösen Produktion im Rücken schufen die fünf Braunschweiger einen Meilenstein des deutschen Crossovers.

Dem plötzlichen Erfolgsdruck konnte der Nachfolger „Agoraphobic notes“ (1996) in kommerzieller Sicht nicht standhalten und verkaufte nur halb so viele Einheiten wie das Debüt. Die Musiker verarbeiteten in ihrem Songwriting eine eher dunkle Phase der Bandgeschichte, die geprägt war von monatelangem Touren, den die Band überrollenden Erfolg und dem Ausstieg des ersten Drummers Daniel Laudan. Such A Surge nennen „Agoraphobic notes“ deshalb auch ihr „Verarbeitungsalbum“ und halten es bis heute für das wichtigste SAS-Werk. Nach einer Ruhepause begab sich die Gruppe mit voller Kraft in das Business zurück. Man gründete mit Surge Music eine eigene Produktionsfirma, die sich um sämtliche Belange (Videos, Cover-Artworks, Tourneen, Poster, T-Shirts) von Such A Surge und den Bands aus deren Umfeld kümmern sollte. Dazu nahm man ein neues Album („Was Besonderes“, 1998) auf, das die Braunschweiger zurück auf die Erfolgsspur brachte. Deutlich poppiger ausgelegt als sein düsterer Vorgänger, warf „Was Besonderes“ mit „Jetzt ist gut“ sogar einen Chart-Hit ab. Zudem lud Herbert Grönemeyer die Band ein, bei einigen seiner Arena-Konzerten als Vorgruppe aufzutreten. Nach einem weiteren betont pop-orientierten Album („Der Surge Effekt“, 2000) und der letztjährigen Best-Of-Compilation „10 Jahre: 1992 - 2002“ erscheint nun mit „Rotlicht“ ein Werk, das sich mit seiner düster-melancholischen Grundstimmung verstärkt am Zweitwerk „Agoraphobic notes“ anlehnt und den Klangkosmos back to the roots führt.

Auf „Rotlicht“ sind sämtliche Texte zum ersten Mal in deutscher Sprache gehalten und nicht mehr einem Wechsel aus Englisch, Französisch und Deutsch ausgesetzt. Dadurch wird die Stimmung des Albums, die durch die sehr persönlichen Lyrics noch dazugewinnt, viel intensiver rübergebracht. Ebenfalls neu ist, dass sich die Band für die Produktion erstmalig alleine verantwortlich zeigt. Lediglich bei drei Songs stand ihnen Wolfgang Stach zur Seite. Ausreden haben also keine Chance! Doch die haben Such A Surge auch nicht nötig. In guter alter Tradition präsentieren SAS Energie-geladene Crossover-Kracher, engagierte Raps und Songs mit hohem Melodieanteil. Besonders Dennis Graef überzeugt mit seinen ausgesprochen atmosphärischen Gitarren-Licks, die in wunderbarem Kontrast zu den aggressiven Texten, dem allgemein druckvollen Sound und den emotionsgeladenen Melodien stehen. Schon der Opener „Sag jetzt nichts“ vereint kraftvolles Shouting, treibende Bass-Grooves, rasiermesserscharfe Gitarrenriffs und sphärische Hintergrundklänge. Also genau das, wonach man sich bei Such-A-Surge-Platten sehnt. In diesem Stil folgt ein wütender Song auf den anderen (herausragend: „Alles muss raus“), bis mit „Hypochonder“ und „Augenblick“ erstmalig etwas ruhigere Tracks anstehen. Hier treten die schneidigen Riffs zugunsten ein wenig poppigerer Harmonien in den Hintergrund, was einen gelungenen Kontrast zum powervollen Einstieg darstellt. Sämtliche Stücke leben von einer besonderen Spannung, die im Idealfall von Anfang bis Ende durchgehalten wird. Musikalisch zieht sich so ein roter Faden durch das ganze Album. Die tiefgründigen Lyrics präsentieren sich gewohnt zornig, nachdenklich und selbstbewusst und stellen in der deutschen Rockmusik eine Ausnahme im positiven Sinne dar. Ob poetisch („Aufstehen“), gesellschaftskritisch („Alles muss raus“) oder geheimnisvoll („So viele Fragen“), nichts wird ausgelassen, auch wenn die Ansichten längst nicht mehr so revolutionär vorgetragen werden wie beispielsweise auf dem Debüt „Under pressure“.

Auch mit ihrem fünften Longplayer stellen Such A Surge eindrucksvoll unter Beweis, was es bedeutet, eine abwechslungsreiche und anspruchsvolle Rockplatte mit deutschen Texten zu produzieren. Die Band verteidigt auf beachtliche Art und Weise den ersten Platz auf dem Crossover-Podium und legt die Messlatte für die vielen Nachahmer bedrohlich hoch. Auch wenn auf „Rotlicht“ ein bis zwei Füll-Songs vertreten sind, langweilt die CD zu keiner Zeit und dürfte der Fangemeinde auf lange Sicht Freude bereiten. Dazu trägt auch die der limitierten Erstauflage beigelegte DVD bei, die sämtliche Clips von SAS und deren Sideprojects versammelt und damit zu den Referenzprodukten des Genres gezählt werden darf.

Anspieltipps:

  • Sag jetzt nichts
  • Alles muss raus
  • Augenblick
  • Kann alles sein
  • Nie genug
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