Ron Sexsmith - Cobblestone Runway - Cover
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Ron Sexsmith Cobblestone Runway


  • Label: V2/ZOMBA
  • Laufzeit: 44 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Ein gewohnt gutes Singer/Songwriter-Album aus dem Hause Sexsmith.

Warum schafft ein Songwriter, nennen wir ihn mal Ryan Adams, bereits im ersten Anlauf den Durchbruch und ein anderer, in diesem Fall Ron Sexsmith, krebst bei vergleichbarer Qualität seit zwölf Jahren und sechs Alben am Rande der öffentlichen Wahrnehmung herum? Eine Frage, auf die noch keiner die Antwort gefunden hat und auch mit dem neuesten Output des pausbäckigen Kanadiers aus Toronto nicht beantwortet werden kann.

„Cobblestone runway“ erschien bereits im Oktober letzten Jahres in den USA und wurde Anfang des Monats endlich auch bei uns offiziell veröffentlicht. Wieder wurde das Album von Kritikern und Kollegen in den höchsten Tönen gelobt, aber der Tradition kommerzieller Erfolglosigkeit blieb der Barde weiterhin treu. Die Verkaufszahlen in den USA liegen derzeit bei knapp 5.000 Einheiten, was in anbetracht Sexsmith bisherigen Topsellers „Other songs“ (1997), mit immerhin 23.000 verkauften Einheiten, absolut enttäuschend ist. Dabei hat der Gute eigentlich alles richtig gemacht. Er ließ seinen Sound von Producer Martin Terefe vorsichtig renovieren, nachdem das letzte Werk „Blue boy“ (2001) von Kollege Steve Earle als Produzent etwas zu sehr in die Americana-Richtung gesteuert wurde. Dazu gestattete er sogar einen Remix des Songs „Gold in them hills“ mit Chris Martin von Coldplay als Lead-Singer. Und trotzdem: Außer Lob gab es nichts zu ernten.

Ron Sexsmith Anfänge als Berufsmusiker reichen zurück bis ins Jahr 1985, als der heute 39-Jährige selbst aufgenommene Kassetten („Out of the duff“, „There’s a way“) mit seinen Songs verkaufte. 1991 erschien das Independent-Album „Grand opera lane“, das verschiedene Plattenfirmen auf ihn aufmerksam werden ließ. Als Folge erhielt er einen Vertrag als professioneller Auftrags-Songwriter für Interscope Records, die 1995 auch sein selbstbetiteltes Major-Debüt auf den Markt brachten. Als Produzent fungierte mit Mitchell Froom ein großer Star an den Reglern, der auch die nächsten zwei Sexsmith-Alben betreute. Das bereits erwähnte Album „Blue boy“ (2001) stellte das Abschiedsalbum von Interscope dar, das sich aufgrund mangelhafter Verkaufszahlen von dem Songwritergenie trennte. In Deutschland übernimmt nun das aufstrebende Mini-Label V2 die Geschicke in der Vermarktung des Kanadiers.

Die Vorzeichen für die Produktion eines neuen Albums waren alles andere als gut für Ron Sexsmith. Er befand sich auf Tournee, hatte gerade seinen Plattenvertrag verloren und die Beziehung zu seiner Frau ging nach 15 Jahren in die Brüche. Jeder andere würde wohl in Selbstmitleid ertrinken oder dem Suff verfallen. Für einen Songschreiber sind aber genau diese Tragödien des täglichen Lebens der ideale Nährboden für seine Kunst. Während einer kurzen Tour-Pause nutzte Sexsmith die Zeit, um für eine Woche nach London zu fliegen. Dort spielte er ein Dutzend Songs ein, die er dem Produzenten Martin Terefe zur Feinjustage überließ. Sexsmith selber setzte in dieser Zeit seine Tournee fort. Gewiss kein übliches Vorgehen, denn welcher Musiker gibt schon gerne seine „Babys“ aus der Hand? Bei dem Herrn mit dem komischen Namen ist dies anscheinend kein Problem.

Nach Ende der Konzertreise folgten noch zwei Aufnahmesessions in Nashville und Malibu, die letztendlich ausreichten, um das Album fertig zu stellen. Das Ergebnis liegt nun in Form von zwölf frischen Kompositionen vor, wobei das besagte „Gold in them hills“ sogar zweimal auftaucht. Die melancholische Ballade ist einmal im Sexsmith-typischen Arrangement mit spartanischer Instrumentierung (Stimme, Piano, Streicher) und dann in der Remix-Version mit Chris Martin im Duett und allerlei Beats und atmosphärischem Synthesizer-Geplänkel vertreten. Welche Version besser ist, muss jeder für sich selbst entscheiden. Einen hervorragenden Song kann auf jeden Fall nichts so schnell zerstören, es sei denn, man lässt einen deutschen Techno-Produzenten ran.

Den Auftakt macht das fröhliche „Former glory“, das von Sexsmiths brüchiger Stimme geprägt ist und von einem pluckernden Rhythmus begleitet wird. Ein wenig Schlagzeug, etwas Gitarre und ein paar Streicher - fertig ist die Ode an die Hoffnung („Your light will return. The summer will return. Your heart will rise again in its former glory”). Es folgt die erste Singleauskopplung „These days”, die natürlich nichts mit dem gleichnamigen Bon-Jovi-Song zu tun hat, sondern viel mehr auf herrlich uncoolen Schubidu-Gesang im Refrain setzt. „Least that I can do“ ist wieder eine dieser herzzerreißenden Balladen, die Herrn Sexsmith in die Nähe beatleesker Songwriterkunst rückt. Wobei hier mehr Lennon als McCartney herauszuhören ist. Man achte nur auf die wunderbaren Harmonien. Richtig schwermütig wird es bei „God loves everyone“. Ein Wunder, dass man beim Hören nicht sofort in Tränen ausbricht, so traurig und schön ist dieses Lied. Dazu reichen, wie gehabt, Sexsmith Stimme, ein paar Streicher aus dem Synthesizer und ganz wenige Gitarrenakkorde. Etwas rockiger geht es bei „Disappearing act“ zu. Vergleichbar mit frühen Tom-Petty-Aufnahmen, schrammelt die Rickenbacher und poltern die Drums. Eine nette Abwechslung, denn bei den nächsten Tracks kehrt Sexsmith zu einer eher traurigen Stimmung zurück, deren Mittelpunkt „Gold in them hills“ ist.

Etwas befremdlich wirkt der 70er-Jahre-Discostampfer „Dragonfly on bay street“, der auf dieser Platte überhaupt nichts zu suchen hat und total aus dem Rahmen fällt. Ron Sexsmith präsentiert hier allen Ernstes eine Funk-Gitarre und allerlei komische Geräusche aus der Braustube von Andreas Olson, dessen Einflüsse sich auch im folgenden „The less I know“ eingeschlichen haben. Das ist nicht wirklich schlimm, führt aber zu einen Punktabzug. Unter dem Strich bleibt aber ein gewohnt gutes Singer/Songwriter-Album aus dem Hause Sexsmith, das inhaltlich zwischen Hoffnung und Verzweiflung schwankt und dies auf asketisch schöne Weise einfängt. Ein Album wie gemacht für den Übergang von Winter zum Frühling.

Anspieltipps:

  • These days
  • Gold in them hills
  • Least that I can do
  • God loves everyone
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