Gotthard - Human Zoo - Cover
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Gotthard Human Zoo


  • Label: Ariola/BMG
  • Laufzeit: 50 Minuten
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6/10 Unsere Wertung Legende
5/10 Leserwertung Stimme ab!

Gotthard sind mit weit über einer Million verkaufter Tonträger der erfolgreichste Act der Schweiz und haben darüber hinaus eine verblüffende Parallelität mit den Schnulzen-Rockern von Bon Jovi aufzuweisen: Einst als reinrassige Hard-Rock-Formation gestartet, wechselten sie im Laufe der Zeit ins poppige Mainstream-Lager, was zwar mit kommerziellem Erfolg belohnt wurde, aber auch eine Menge Fans der ersten Stunde vor den Kopf gestoßen hat. Eigentlich völlig unverständlich, warum die musikalische Qualität einer Band immer noch am Härtegrad ihrer Gitarrenriffs gemessen wird. Aber Rock- und Metal-Fans sind in dieser Beziehung sehr nachtragend und fühlen sich durch diese Lagerwechsel von ihren ehemaligen Idolen verraten.

Die Musiker aus dem Tessin formierten sich Anfang der 90er Jahre mitten in der Blütezeit des Grunge. Trotzdem erspielte man sich mit dem urwüchsigen Hardrock der ersten drei Alben („Gotthard“, 1992, „Dial hard“, 1994, „G.“, 1996) einen hervorragenden Ruf in Fach- und Fankreisen, der mit dem ´97er Unplugged-Album „Defrosted“ leichte Risse bekam. Indem man den Songs den Stecker heraus zog, bereitete man die Hörerschaft auf einen Kurswechsel vor, der mit „Open“ (1996) und „Homerun“ (2001) vollzogen wurde. Das Ganze fand unter der Oberaufsicht von Mentor, Ideengeber und Produzent Chris von Rohr statt, der die Band von Anfang an „führte“. Doch nach Jahren der erfolgreichen Zusammenarbeit begann die Beziehung zu Übervater von Rohr zu kriseln, sodass man sich für die Produktion des neuen Albums „Human zoo“ nach einem anderen Produzenten umsah.

Einer der in Frage kommenden Kandidaten war der 47-jährige US-Star-Produzent Marc Tanner (Aerosmith, The Calling, Nelson, Soundtrack „Armaggedon“), der sich nach Sichtung erster Demos sofort bereiterklärte, in die Schweiz zu jetten, um im Heimstudio von Gotthard-Gitarrist Leo Leoni an den Songs mitzuarbeiten. Nach sieben Wochen in Lugano und weiteren zwei Wochen in Los Angeles, wo das Album von Paul Lani (Tina Arena, Mötley Crüe, Megadeth) abgemischt wurde, war der siebte Silberling der Herren Steve Lee (Gesang), Hena Habegger (Drums), Mark Lynn (Bass) Leo Leoni (Gitarre) und Mandy Meyer (Gitarre) soweit, um auf die Menschheit losgelassen werden zu können. Laut Gotthard soll die CD eine Rückkehr zu härteren Klängen darstellen und Boden bei alten Fans gutmachen.

Eröffnet wird das zwölf Songs umfassende Werk vom rockigen Titelstück „Human zoo“, das eine echte Reminiszenz an die Rocksounds der 80er Jahre darstellt. Mit prägnanten Gitarren-Licks, groovendem Bass-Spiel und an Eric Martin (Mr. Big) erinnernden Vocals erzählt das Lied von den Unterschieden zwischen Arm und Reich, der Sensationslust Wohlhabender am Elend Armer und von den üblen Verhältnissen, in denen die Menschen der sogenannten Zweiten und Dritten Welt leben müssen, wie Gotthard es bei einem Video-Shoot in Bangkok selbst erleben konnten: „Als wir auf einem Touristenboot eine Sightseeing-Tour machten, waren wir schockiert, in welcher Armut und in welchem Schmutz die Leute dort leben müssen. Wir kamen uns wie in einem Zoo vor, wobei die Thailänder uns ‚reiche Weiße’ auf dem Fluss ähnlich fasziniert beobachteten. Zu Hause gingen uns die Bilder nicht aus dem Kopf. So schrieben wir einen Song über das verrückteste und manchmal brutalste Tier der Welt, genannt Mensch."

Bereits beim zweiten Track „What I like“ geht es merklich ruhiger zur Sache. Kein Wunder, wurde der Song doch zur ersten Singleauskopplung erkoren. Immerhin kann man ihn noch in die Sparte „Melodic Rock“ einordnen. Er handelt von der Wichtigkeit eigener Interessen, davon, sein Leben immer so zu führen, wie man es selbst möchte und sich dabei nicht von Medien oder Trends beeinflussen zu lassen. Mit „Have a little faith“ folgt die erste „große“ Ballade, die auch ein Jon Bon Jovi nicht besser hinbekommen würde. Emotionen im Breitwandformat für die Stadien dieser Welt, die später auch beim ausgezeichneten „Still I belong to you“ erzeugt werden. Bei „Top of the world“ wird dann wieder amtlich gerockt. Allerdings klingt der treibende Song stark nach Hard-Rock-Baukasten, der bei den Schweizern ein ums andere Mal zur Anwendung kommt. „Janie’s not alone“ sorgt da schon eher für Gänsehaut. Das Stück beschäftigt sich mit dem traurigen Leben von Straßenkindern, die in Rumänien oder Brasilien einen bitteren Überlebenskampf führen müssen. Es erzählt auf einfühlsame Weise die Geschichte der zwölfjährigen Janie, was musikalisch durch klagende Geigenklänge unterstützt wird. Das atmosphärische „No tomorrow“ bedient sich frech bei The Police, indem man kurzerhand das zentrale Gitarren-Lick von „Walking on the moon” reanimiert und „What can I do“ (dessen Chorgesang im Outro schlicht und ergreifend bei Bon Jovis „I’ll be there for you“ geklaut wurde) greift noch mal tief ins Balladenfach, sodass das Verhältnis Rocksongs/Balladen annähernd ausgeglichen ist.

Das neue Gotthard-Album verdient sich problemlos das Prädikat „gelungen“. Dabei erinnert die Art wie Sänger Steve Lee seine Geschichten aus dem „Human zoo“ erzählt und die Band dazu aufspielt mehr den je an Bon Jovi. Auch die versuchten mit „Bounce“ eine Rückkehr zu etwas härteren Klängen. Bei beiden muss am Ende eingestanden werden, dass dies nur teilweise geglückt ist. Balladen und Mid-Tempo-Stücke behalten klar die Oberhand. Wen dies nicht stört, macht mit dem Erwerb von „Human zoo“ keinen Fehler. Denn wenn man ehrlich ist, sollte man akzeptieren, dass es fahrlässig wäre, wenn sich Songschreiber mit soviel Talent für Balladen und Stadion-Rock-Hymnen mit krampfhaften Back-To-The-Roots-Aktionen verzetteln würden.

Anspieltipps:

  • Human zoo
  • What I like
  • One in a million
  • Still I belong to you
  • First time in a long time
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