Brings - Puddelrüh - Cover
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Brings Puddelrüh


  • Label: Chlodwig/BMG
  • Laufzeit: 56 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
4.9/10 Leserwertung Stimme ab!

Wenn man sich einmal vor Augen hält, wie viele der sogenannten Musikstars aus deutschen Landen eigentlich in der Lage sind, einen einigermaßen hohen Qualitätsstandard zu erfüllen, wird man rasch feststellen, dass zehn Finger zum Durchzählen locker ausreichen. Vielleicht kann man deshalb sogar ein wenig Verständnis dafür aufbringen, dass das Bild-Zeitung lesende Volk zusammen mit RTL einen neuen Superstar sucht.

Die Crux ist nur, dass solchen Castings lediglich substanzlose Marionetten mit der künstlerischen Halbwertzeit einer Scheibe Toastbrot entwachsen, hinter denen nach ein paar Jahren des Abkassierens kein Hahn mehr kräht. Dass die Verkaufszahlen dadurch früher oder später massiv einbrechen, spürt die Industrie schon seit einigen Jahren. Doch noch wird das Desaster komplett dem illegalen Downloading und Brennen von CDs zugeschrieben. Wie wäre es denn, wenn man wenigstens die durch die Retortenkünstler eingefahrene Kohle in die Rekrutierung junge Talente investiert, die man langsam aufbaut und dadurch, mit ein bisschen Glück, eine langfristige Einnahmequelle in Herbert-Grönemeyer-Dimensionen erhält.

Was das alles mit der Rezension des neuen Brings-Albums zutun hat? Nun, das Kölner Quartett veröffentlicht seit nunmehr zwölf Jahren in schöner Regelmäßigkeit hochwertige Deutsch-Rock-Alben und klettert damit die Erfolgsleiter Stück für Stück weiter nach oben. Dabei spielt es keine Rolle, ob man als Support-Act für AC/DC oder Pur (!) auftritt, im Karneval die Säle zum Kochen bringt, oder auf den Alben unkonventionelle Gäste wie Rob Halford (Ex-Judas Priest) featured. Ähnlich wie „die andere“ Band aus der Domstadt (die mit den drei Buchstaben), haben es Brings geschafft, ihre Musik mit kölschem Gesang bundesweit populär zu machen. Und das, obwohl ihre erste Plattenfirma EMI Electrola irgendwann auf die glorreiche Idee kam, der Band zu befehlen, gefälligst auf Hochdeutsch zu singen und sie damit fast ihres einzigartigen Charmes beraubt hätte. Der daraus resultierende schleichende Prozess der Unzufriedenheit führte zum Ende der Zusammenarbeit zwischen der EMI und den Herren Peter Brings (Gesang), Stephan Brings (Bass), Christian Blüm (Drums), Harry Alfter (Gitarre) und Kai Engel (Keyboard). Seit dem ´99er-Album „Knapp“ erscheinen die CDs nun bei BMG, wo wieder hemmungslos „gekölscht“ werden darf.

So auch auf dem inzwischen achten Studioalbum „Puddelrüh“, das erstmalig in der Bandgeschichte in Eigenregie produziert wurde. „Puddelrüh“ ist ein etwas aus der Mode gekommenes kölsches Wort für „ganz nackig“, „splitternackt“ oder „völlige Blöße“ und verdeutlicht den für Brings-Texte typischen Seelen-Striptease. Die Brüder Peter und Stephan Brings zeigen sich für sämtliche Songtexte verantwortlich und behandeln auch auf dem neuen Werk fast schon traditionelle, aus dem bringschen Leben gegriffene Themen wie Freiheitsdrang, Alkoholkonsum, Sehnsucht nach dem Meer, Beziehungsprobleme, Zukunftsangst, Party machen sowie den für jedes Brings-Album obligatorischen „Köln-Song“. Eröffnet wird der Silberling von Titelsong „Puddelrüh“, was ein wenig verwundert, da es sich bei dem Stück um einen der schwächsten in der Brings-Historie handelt. Zwei Jahre nach ihrem überraschenden Karnevals-Hit „Superjeilezick“ versucht die Band offensichtlich an den Erfolg der Single anzuknüpfen. Das kann eigentlich nur schief gehen. Der Song kommt im Stile einer Zigeuner-Polka daher und geht in die Richtung „Festzeltbeschallung“ („Sorgen und Not, die saufen wir heute tot...“), was arg konstruiert wirkt und nicht besonders lustig ist. Dass es die Band viel besser kann, beweisen atmosphärische Stücke wie „Gold und Liebe“ oder „90 Johr“, das die Geschichte einer alten Frau erzählt. Aber auch die Rockmusik wird heuer wieder großgeschrieben. Kraftvolle Songs wie „Wohin?“, „An der Küste“ und „Himmel Blau“ haben einen gehörigen „Bums“ und unterstreichen die außerordentliche Stellung der Band. Natürlich dürfen auch ein paar grandiose Hymnen wie „Äschermittwochmorje“ und „Willkumme in Kölle“ nicht fehlen, die für die kommende Tour als Publikumshits so gut wie sicher sein dürften. Zu den herausragenden Elementen einer jeden Brings-CD zählen seit jeher die zeitlos schönen Balladen, die im Jahr 2003 auf die Namen „Gott ist tot“ und „För nix ze fies“, das mit allen notorischen Schnorrern abrechnet, lauten. Sie fungieren als idealer Gegenpart zu den rockigen Songs und stellen das Tüpfelchen auf dem i dar.

Wer etwas für deutschsprachige Rockmusik und die Proletensprache Kölsch (Zitat Stephan Brings) übrig hat, der kann mit dieser CD nichts falsch machen. Brings gehen mit 100% Energie an ihre Songs heran und machen jedes Stück zu einem intensiven Erlebnis. Wenn die Band rockt, dann richtig und wenn sie eine Ballade spielt, dann mit voller Konsequenz. Halbherzigkeit ist bei den Kölnern tabu. Da verzeiht man sogar einen Ausfall wie den Titelsong, der wenigstens dazu führte, dass der bekannte Comic-Zeichner Ralf König ein witziges, vom Thema Nacktheit inspiriertes, Cover ablieferte.

Anspieltipps:

  • Himmel Blau
  • För nix ze fies
  • An der Küste
  • Willkumme in Kölle
  • Äschermittwochmorje
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