Herr Nilsson - Einfacher Sein - Cover
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Herr Nilsson Einfacher Sein


  • Label: Kook/INDIGO
  • Laufzeit: 61 Minuten
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6/10 Unsere Wertung Legende
5/10 Leserwertung Stimme ab!

Für die Freunde anspruchsvoller deutscher Popmusik, im Stile von Blumfeld und Element Of Crime, kommt in diesen Tagen ein Album in den Handel, das den geneigten Hörer geradezu auffordert, sich intensiv und aufmerksam mit den erstklassigen Texten und der virtuos dargebrachten Musik zu beschäftigen.

Die Rede ist von der Berliner Kapelle Herr Nilsson, die ihren Namen von einem alten Herrn geliehen hat, der in den Anfangstagen regelmäßiger Gast der Bandproben war und miterlebte, wie das erste Album „Liebesleid und Fischigkeit“ (1998) in der Küche (!) einer Berliner Wohnung in der Stargader Straße eingespielt wurde. Nach zwei Jahren Studiopause melden sich die Herren Jan Böttcher (Gesang, Gitarre), Peter Herzau (Bass, Gitarre, Piano), Alf Schulze (Drums) und Sebastian Windisch (Gitarre, Piano) nun mit ihrem inzwischen vierten Album in der Öffentlichkeit zurück.

Das Werk wurde in der Zeit von August bis Dezember 2002 in einem Bauernhaus in der Nähe des niedersächsischen Elbmarschdorfes Lüdershausen eingespielt und ist wieder eine echte Platte zum Zuhören geworden. Sänger und Texter Jan Böttcher erzählt auf relativ unkonventionelle Weise Geschichten aus dem Alltag, die von seinen Mitmusikern in einem Konzept aus Gitarre, Kontrabass und Schlagzeug eingefangen werden. Dazu hören wir noch Florian Scheffler an der Trompete und Fernand Kenzler an der Violine. Dem voraus ging ein musikalisches und stilistisches Lifting, das die weiterhin erstklassigen Texte nicht mehr nur unterstützt, sondern auch untermauert. Jan Böttcher singt von dem einen Gegenstand, der einem verloren ging („Das Haus“), von ein paar Leuten, die sich im Büro langweilen, weil sie alles schon haben, was sie brauchen, nämlich Kontakte („Vitamin B-Werke“), von den vielen komischen Gästen, denen man trotzdem die Tür aufmachen sollte („Der Gast“). Texte, die Einsicht in ein „Einfacher sein“ geben sollen. Denn es braucht nicht viel, um sich in dieser Welt zu bewegen. Am allerwenigsten braucht es jene Paranoia, die mitverkauft wird, wenn innere Sicherheit auf der Verpackung steht („Das Ende der Siebziger Jahre“). Als Leckerbissen singt Howard Katz (Nancy Sinatra, Edith Prock, Amanda Lear) ein amerikanisch-deutsches Duett mit Herrn Nilsson über ganz kranke Eitelkeit („The World needs me“). Dazu überrascht die CD mit einem Hidden-Track, der eine kongeniale Hommage an Nationaltorhüter Oliver Kahn darstellt und das Trallala der Prinzen („Olli Kahn“) famos in den Schatten stellt.

Alben von Herrn Nilsson sind gewiss kein Produkt für den Massengeschmack. Dazu ist die Musik einfach zu intim und sind die Texte zu ausgefallen. Trotzdem und oder gerade deswegen wissen die Songs zu gefallen und stellen einen feinen Kontrast zum täglichen Pop-Einerlei dar. Wer einfach mal Lust auf etwas anderes hat und sich nicht scheut, deutsche Musik abseits der Hitparaden zu konsumieren, wird mit „Einfacher sein“ seine helle Freude haben. Allen anderen seien auch weiterhin die üblichen Verdächtigen der deutschen Rock- und Popmusik ans Herz gelegt.

Anspieltipps:

  • Der Gast
  • Jack - Part II
  • Gibt es da etwas
  • The world needs me
  • Das Ende der Siebziger Jahre
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