Martin L. Gore - Counterfeit 2 - Cover
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Martin L. Gore Counterfeit 2


  • Label: Mute/EMI
  • Laufzeit: 47 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
5.6/10 Leserwertung Stimme ab!

Anfang der 80er Jahre tauchte eine aus England stammende Teenie-Band in den Hitparaden auf, die sich Widererwarten nicht als Eintagsfliege entpuppte, sondern zu einem der größten Acts in der Geschichte der Popmusik heranreifte. Die blässlichen Bengel mit den komischen Popperfrisuren nannten sich Depeche Mode und spielten einen von Synthesizer-Sounds geprägten Techno-Pop, der mit eingängigen Melodien und bewusst zweideutigen Texten, mit allerlei Anspielungen auf brisante Themen (Satanismus, S&M, Gotteslästerung), weltweite Aufmerksamkeit erregte.

Inzwischen zählen Depeche Mode zu den absoluten Superstars der Branche. Ihre Alben verkaufen sich regelmäßig in beeindruckender Stückzahl und die Fan-Base der Engländer zählt zu den treuesten überhaupt. Als kreativer Kopf der im Laufe der Jahre zum Trio geschrumpften Band (Dave Gahan ist für den Gesang zuständig, Andrew Fletcher bedient die Synthesizer) gilt der Songschreiber und Keyboarder Martin L. Gore. 1989 veröffentlichte Gore sein erstes Solowerk „Counterfeit“, eine EP mit Coverversionen von Songs, die den jungen Martin Gore beeinflusst hatten. Mehr als ein Achtungserfolg wurde das Album allerdings nicht, weshalb es vielleicht 13 Jahre dauerte, bis Gore wieder Lust hatte, eine der Pausen vom Depeche-Mode-Stress dazu zu nutzen, ein neues Solowerk einzuspielen.

In den vergangenen 18 Monaten hat Martin Gore dafür in seinem kalifornischen Heimstudio elf Songs von Hank Thompson, Lou Reed, Iggy Pop, Nick Cave, Kurt Weill, John Lennon, Brian Eno, Julee Cruise und David Essex radikal überarbeitet. Das Ergebnis erscheint am 28. April 2003 unter dem logischen Titel „Counterfeit 2“ und bietet zu perfektem Synthi-Pop umgearbeiteten schwülstigen Blues des 21. Jahrhunderts, schmerzlich schöne SciFi-Wiegenlieder, großartigen Old-School-Country und fesselnde elektronische Liebesballaden. Diese Ausbeute verborgener Schätze wird durch die tiefe emotionale Bindung, die Martin Gore zu ihnen empfindet vereint. „Mir ging es um die Perspektive eines Fans“, erklärt Gore. „Diese Lieder haben etwas, das mir gefällt und dem Album seinen roten Faden gibt. Ich bin kein Freund von eilig schnell zusammengeschusterten Songs. Die meisten von ihnen haben eine ernste Seite, eine tiefe Emotionalität und ich habe zu allen Songs eine enge persönliche Bindung.“

Vergleichbar mit den „American Recordings“ des großen Meisters Johnny Cash hat Gore versucht, den ausgewählten Songs eine individuelle Note zu geben und sie feinsäuberlich in die Nähe des Depeche-Mode-Sounds gerückt. Das bedeutet, dass zum Beispiel ein Traditional wie „In my time of dying“ plötzlich auf atmosphärisch wabernden Synthi-Wolken daherkommt, oder ein Country-Song wie „Cast a lonesome shadow“ mit pluckernden Beats und der sonoren Stimme Martin Gores ausgestattet wird. Das erzeugt beim Hörer eine ganz natürliche Spannung, da man sich nie sicher sein kann, wohin die Reise bei Gores Umsetzungen geht. So erklingt der David-Essex-Klasskier „Stardust“ im neuen Industrial-Pop-Gewand, während Julee Cruises „In my other world” in Gores Version noch einen Schritt weiter in die verschrobene Klangästhetik eines David-Lynch-Filmsoundtracks eintaucht. Selbst Nick Caves dunkle Ballade „Loverman“ gewinnt durch eine etwas hellere Klangfarbe dazu. Auch wenn ein Herr Gore natürlich nicht über das intensive Organ eines Nick Cave verfügt, ist dies bisweilen ganz großes Tennis.

Daneben darf man allerdings nicht verhehlen, dass „Counterfeit 2“ auch ein paar kleine Ausfälle zu verzeichnen hat („By this river”, „Oh my love”, „Candy says“). Trotzdem ist Martin Gore ein überdurchschnittlich gutes Album geglückt, dessen Liedmaterial kaum dazu geeignet ist, nebenbei angehört zu werden. Eigentlich ja eine Selbstverständlichkeit, nur fällt auf, dass man in diesem Tagen immer wieder darauf hinweisen muss, wenn sich ein Künstler mit seiner Platte etwas Zeit und Geduld von den Hörern ausbittet. So aber reiht Martin Gore vor allem in der ersten CD-Hälfte eine kleine Elektro-Pop-Perle an die andere, wobei diese mindestens dieselbe düstere Qualität haben, wie die letzten Outputs aus dem Hause Depeche Mode. Und wenn der Bursche dann noch in gebrochenem Deutsch „Das Lied vom einsamen Mädchen“ darbietet, kann sich der geneigte Hörer kaum mehr dem Bann des britischen Elektro-Poppers entziehen.

Anspieltipps:

  • Loverman
  • Lost in the stars
  • In my other world
  • Cast a lonesome shadow
  • Das Lied vom einsamen Mädchen
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