Good Charlotte - The Young And The Hopeless - Cover
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Good Charlotte The Young And The Hopeless


  • Label: Epic/SONY
  • Laufzeit: 46 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
6.8/10 Leserwertung Stimme ab!

Lobenswert, dass die Musiker ihre Kohle in die Produktion des Albums gesteckt und nicht für Wein, Weib und anderen Schnick-Schnack ausgeben haben.

Sobald die großen Plattenfirmen einen neuen Trend auch nur erahnen, etwa weil sich einer ihrer Acts unerwartet wie geschnitten Brot verkauft, durchforsten sie ihre Schubladen mit den Bewerbungs-Tapes und verpflichten jeden, der dem neuen Sound nahe kommt und nicht bei drei auf dem Baum ist. Beispiele dafür kennen wir zur Genüge. Ob Grunge, Nu-Rock oder Pop-Punk, immer folgte auf die zwei drei wirklich herausragenden Acts eine Horde überflüssiger, bisweilen gar talentfreier Nachahmer. So lange, bis das Publikum auf totale Verweigerung schaltete und die Labels in hektischer Betriebsamkeit nach dem „Next big thing“ Ausschau hielten.

Wenn man so will, erfüllen die vier Anfang 20 Jahre alten Jungs von Good Charlotte denselben Tatbestand. Denn wenn Green Day und The Offspring den Punk-Rock nach vielen Jahren wieder salonfähig machten und Kapellen wie Blink-182 und Sum 41 das Genre um den Faktor „Spaß“ erweiterten, so schicken sich Nachzügler wie das Quartett aus Waldorf, Maryland, an, eine perfekt getrimmte Schnittmenge aus alldem zu bieten. Die Amerikaner von Good Charlotte sind eine ehemalige Schülerband, die 1996 von den Zwillingsbrüdern Benji (Gitarre) und Joel Madden (Vocals) gegründet wurde. Zusammen mit ihren Schulfreunden Paul (Bass) und Aaron (Drums) und dem etwas später hinzugekommenen zweiten Gitarristen Billy eiferten die Mittelstands-Kids ihren Helden des 70er Jahre Punk-Rock nach und gaben kleine Konzerte in Kellern und Garagen. Als die Jungs die High School beendeten, zogen sie in die Stadt Annapolis, um dort ernsthaft an einer Karriere als Rockband zu arbeiten. Man spielte massenhaft Konzerte, hielt sich durch allerhand üble Jobs über Wasser und erstellte nebenher ein erstes Demo-Band. Sie schrieben ihre eigene Biographie und fingen einfach an, ihr Demo-Päckchen an eine Reihe von Plattenfirmen zu schicken, deren Adressen sie in einer Musikzeitschrift gefunden hatten. Obwohl noch ohne Plattenvertrag, spielten Good Charlotte bereits Konzerte mit Lit, Bad Religion und Blink-182. Erst im Mai 2000 unterschrieb man einen Kontrakt beim Sony-Label Epic, das nur wenige Monate darauf das selbstbetitelte Debütalbum herausbrachte, wofür die Band in Australien und Neuseeland Platinauszeichnungen einheimsen konnte.

Mit diesem Achtungserfolg im Rücken machte man sich an die Aufnahmen des zweiten Albums, die zwischen Februar und Mai des Jahres 2002 stattfanden. Zusammen mit Eric Valentine (Third Eye Blind, Smash Mouth, Queens Of The Stone Age) arbeitete man in den Barefoot Studios in Hollywood an neuen Songs. Dabei wurden Good Charlotte von Josh Freese (Vandals, A Perfect Circle) unterstützt, der den abtrünnigen Drummer Aaron ersetzte. Den Weg auf das „The young and the hopeless“ betitelte Album fanden insgesamt 14 Tracks, die eindeutig die Power-Pop- und Fun-Punk-Zielgruppe im Auge haben. Da das Werk in Deutschland erst Mitte Februar veröffentlicht wurde, kann die Band bereits auf einen satten Erfolg in ihrer Heimat zurückblicken, wo das Album schon im Herbst letzten Jahres erschien. Die CD stieg von 0 auf 7 in die Billboard-Charts ein und ging inzwischen eine Million Mal über die Ladentische. Nach 22 Wochen steht die Platte immer noch in den Top 20 und erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit. Ganz offensichtlich wurde mit „The young and the hopeless“ der amerikanische Massengeschmack getroffen.

Punk-Credibility hin oder her. Man hört sofort, dass die Produktion des Albums nicht billig war und ganz bewusst einige bombastische Momente mit fetten Streicher- und Keyboardelementen beinhaltet. „Love it or leave it“ lautet die Devise. Denn das Spielchen kann böse in die Hose gehen, wie beim komplett überflüssigen Intro „A new beginning“, oder dazu beitragen, dass punkige Melodien zu veritablem Hitparadenfutter avancieren. Und davon findet sich auf dem Silberling eine ganze Menge. Mindestens ein halbes Dutzend Songs eignen sich als Singleauskopplung. Angefangen beim Opener „The anthem“, der als Hoffnungsgeber für die sogenannten „Verlierer“ in jeder Junior High und High School Amerikas fungiert. Also diejenigen, die man meidet und über die man sich lustig macht, wegen ihres Erscheinungsbildes, ihrer fremden Herkunft oder ihrer Armut. Dazu pflügen Good Charlotte durch fröhliche Blink-182-Riffs, garnieren diese mit ein paar Samples und packendem Chorgesang. „Lifestyles of the rich & famous“ bedient sich frech am Drum-Part des Iggy-Pop-Klassikers „Lust for life“ und ist gleichermaßen ein beißender Kommentar über das Selbstmitleid bekannter Stars und über gekaufte Gerechtigkeit. Das Stück wurde als letztes aufgenommen und von der Plattenfirma als erste Singleauskopplung ausgewählt. Mit einem Höllentempo ballern die Vier den Song runter, ohne auf ein paar geschickt eingebrachte Breaks und eine mega-eingängige Melodie zu verzichten.

„Girls & boys“ ist eine bissige und schlagfertige Kritik an zwischenmenschlichen Beziehungen, die mit gedankenlosem Materialismus behaftet sind. Der Song spielt sich für Good-Charlotte-Verhältnisse im Midtempo-Bereich ab und besitzt einen dieser unwiderstehlichen Refrains, der sofort zum Mitsingen einlädt. Im Outro wird noch ein Sample von Madonnas „Material girl“ verhackstückt. Man kann sich’s ja leisten. „My bloody Valentine“ wurde von Edgar Allan Poes bedrückend tragischer Geschichte „Das verräterische Herz“ inspiriert und ist Power-Pop in Reinkultur. Da stört es auch nicht weiter, ob der Text einen Sinn ergibt, denn beim gepflegten Pogo ist dies wohl eher Nebensache. Nach diesem Tempogebolze wird es Zeit, dass uns Good Charlotte beweisen, ob sie auch das Balladenfach beherrschen. Mit „Hold on“ kommen sie dem schon recht nahe. Benji and Joel trafen in ihrer Karriere als Musiker eine Menge Leute, die ihre eigene Erfahrung von Armut und Missbrauch teilten, die darüber nachdachten, einfach wegzulaufen oder sich sogar umzubringen. Auf „Hold on“ werden diese Eindrücke verarbeitet. Dazu gehört ein hymnischer Refrain, donnernde Bass-Riffs und schneidige Gitarrensalven. Halbballade ist dafür wohl das richtige Wort. Dass es dann doch noch eine Spur ruhiger geht, zeigt „Say anything“. Durch einen groovigen Reggae-Rhythmus eingeleitet, steigert sich der Song langsam zu einer mustergültigen Punk-Laudatio. Kurz vor Schluss wird es mit „Emotionless“ noch mal dramatisch. Als die Madden-Zwillinge 16 Jahre alt waren, verließ der Vater die Familie und ließ die Mutter mit vier Kindern allein zurück. „Emotionless“ ist deshalb ein Song des Vergebens. „Ich vergebe ihm um meinetwillen: Ich lasse meine Gefühle ihm gegenüber einfach keinen Einfluss nehmen darauf, wie ich mit anderen Menschen umgehe oder wie ich mein Leben lebe“, sagt Benji Madden. Hier darf zur Abwechslung mal eine Akustikgitarre aufspielen, die von Streichern und Keyboardteppichen begleitet, in ein großes Finale mündet.

Good Charlotte schaffen, was vielen Großen des Genres verwährt blieb. Bereits mit ihrem zweiten Album etabliert sich die Band im Oberhaus des (Pop) Punk-Rock. Dabei liefert sie mit „The young and the hopeless“ gleichermaßen Angriffsfläche wie absolut coole und hitparadentaugliche Musik ab. Man könnte der Gruppe vorwerfen, dass eine solche Mega-Produktion nicht viel mit dem Grundgedanken des Punk-Rock zu tun hat. Andererseits ist es auch lobenswert, dass die Musiker die vorgeschossene Kohle in die Produktion ihres Albums gesteckt und nicht für Wein, Weib und anderen Schnick-Schnack ausgeben haben.

Anspieltipps:

  • Hold on
  • Emotionless
  • The anthem
  • Say anything
  • My bloody valentine
  • Lifestyles of the rich & famous
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