Norrin Radd - Monsters And Angels - Cover
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Norrin Radd Monsters And Angels


  • Label: Calico Records/ALIVE
  • Laufzeit: 48 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Musik aus Deutschland, die so ur-amerikanisch klingt, dass man absolut keinen Unterschied zwischen Original und „Fälschung“ feststellen kann. Eigentlich gibt es so etwas nicht und man mag auch gar nicht daran denken, wie so was klänge. Doch Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel. Der Singer/Songwriter Norrin Radd, der eigentlich Gandulf Hennig heißt, aus dem Ruhrpott kommt und in Berlin lebt, produziert amtlichen Rock, Blues und Westcoast-Pop im Stile solcher Legenden wie Steve Earle, Tom Petty, Neil Young oder Gram Parsons. Das Ergebnis kann sich absolut hören lassen und braucht sich nicht hinter US-Kollegen wie Ryan Adams oder Jesse Malin zu verstecken, denn die Musik von Norrin Radd ist so eigenständig und selbstbewusst, dass sie gar nicht erst versucht, ihre Einflüsse zu verleugnen, die sich wie ein roter Faden durch das kraftvolle Songwriting ziehen.

18 Monate nach dem international gefeierten Debütalbum „Where she danced“ erschien im November 2002 das zweite Norrin-Radd-Werk „Monsters and angels“. Die CD glänzt erneut mit erstklassigen, diesmal bewusst rauer und direkter produzierten Songs voll melancholischer Kraft. Atmosphärisch zwischen sonniger Westküste und staubigem Süden pendelnd, musikalisch aus der besten Tradition amerikanischer Songwriter kommend, hat sich Norrin Radd freigeschwommen. Zusammen mit seiner exzellenten Band, bestehend aus Rosie Flores (Gitarre, Vocals), Pat McGarvey (Bass), Sid Griffin (Mandoline, Vocals), Andreas Binder (Dobro), Alex Czerny (Hammond B3), Johan Jansen (Pedal Steel) und Wolly Duese (Drums) wurden zwischen August und September 2001 zwölf Songs in den GISMO7-Studios in Motril (Spanien) aufgenommen. Darin wirft Norrin Radd einen noch tieferen Blick in die Abgründe menschlicher Beziehungen und erzählt in seinen leidenschaftlichen Songs mörderische Geschichten von Liebe, Verlust, Verzweiflung und Abhängigkeit, die in Verrat und Tod endet. Hier offenbaren sich grandiose Songwriterqualitäten, gepaart mit Feingefühl für authentische Arrangements. Alles klingt locker und ungekünstelt, ein Beleg, dass hier Musiker mit ganzem Herzen bei der Sache sind. Es vereinigen sich flirrende Rickenbacker-Gitarren mit einer virtuosen Pedal-Steel-Guitar, satten Hammondorgel-Sounds und mehrstimmigen Harmoniegesängen zu vielschichtigen, dennoch stets eingängigen und energievollen Songs ohne falsches Pathos. Als Musterbeispiel sei der Song „Time in my hands“ genannt. Doch Norrin Radd hat mehrere Pfeile im Köcher.

So serviert er uns auch gradlinige Rocksongs mit schneidigen Riffs („I won’t blame it on you“), düsteren Western-Blues („You’re in trouble now“), hymnische, von Piano- und Slide-Guitar-Klängen getragene Oden an die Liebe („Lovelorn“) oder ausladende E-Gitarren-Epen im Neil-Young-Stil, bei denen man partout damit rechnen muss, dass ein gewisser Herr Cortez (the killer, you know) um die Ecke kommt („Out of mind“). Der Clou ist aber ein ganz anderer. Denn wer nicht weiß, dass er es hier mit Norrin Radd zu tun hat, wird bei vielen Songs auf „Monsters and angels“ an die Glanztaten eines Tom Petty erinnert. Nicht nur, dass Gandulf Hennigs Stimme der des Meisters unfassbar ähnlich ist, er spielt auch einen vergleichbaren Westcoast-Sound wie der Vorsteher der Heartbreakers. So ist bereits der Opener „A shot of love“ ein Déja-vu-Erlebnis erster Güte, das sämtliche hitverdächtigen Trademarks vereint und zum spontanen Mitsingen einlädt. Ebenso eingängig kommt Song Nummer Zwei („One day“) daher. Das Stück besticht durch leidenschaftlichen Paargesang und Rosie Flores virtuose Gitarrenarbeit, sodass es fast logisch als erste Singleauskopplung herangezogen wurde. Auch die tieftraurige Ballade „Falling“ ist ein wunderschön-romantisches Duett in der Tradition amerikanischen Paargesangs und fügt sich nahtlos in den Rahmen amerikanischer Musiktradition ein.

Wer mit den genannten musikalischen Referenzen etwas anfangen kann, dem sei das zweite Album von Norrin Radd wärmstens empfohlen. Aber auch alle anderen, die Spaß an handgemachter Singer/Songwriter-Musik haben, dürfen zugreifen. Gandulf Hennig legt sein ganzes Herz in die Kompositionen, sodass es keinen Zweifel daran geben kann, dass er tatsächlich all die Abgründe selbst erlebt hat, von denen er singt. Das macht die Magie von Singer/Songerwriter-Platten und diesem Album im Speziellen aus. Die eigentliche Sensation ist allerdings, dass diese Perle des Roots-Rock aus deutschen Landen stammt, was gar nicht oft genug erwähnt werden kann.

Anspieltipps:

  • Falling
  • One day
  • Out of mind
  • Time in my hands
  • You’re in trouble now
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