H.I.M. - Love Metal - Cover
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H.I.M. Love Metal


  • Label: Gun/BMG
  • Laufzeit: 52 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
5.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Das Geheule war groß, als die finnischen Düster-Rocker von HIM vor zwei Jahren ihr drittes Studioalbum „Deep shadows and brilliant highlights“ auf den Markt brachten. Fans und Kritiker beschwerten sich, dass die Band sich völlig dem Kommerz verschrieben habe und ihr immens erfolgreiches Zweitwerk „Razorblade romance“ (2000) dreist zu kopieren versuchte. HIM selber gaben offen zu Protokoll, dass sie auch nicht glücklich mit dem Werk seien, aber von der Plattenfirma (BMG) mehr oder weniger gezwungen wurden, diesen Weg einzuschlagen.

Nun, die Wahrheit liegt, wie so oft, irgendwo dazwischen. Fest steht, dass „Deep shadows and brilliant highlights“ zwiespältige Reaktionen auslöste und bei weitem nicht so erfolgreich war wie sein Vorgänger. Doch dem soll nun Abhilfe geschaffen werden. Auf ihrem aktuellen Werk „Love metal“ streben die Herren Ville Valo (Vocals), Daniel „Linde“ Lioneye (Gitarre), Michael „Mige“ Eros (Bass), Buddha „Gas“ Cognac (Drums) und Burton (Keyboards) eine Art Rückbesinnung auf alte „Greatest lovesongs vol. 666“-Zeiten an. Sprich: Mehr Rockgitarren anstelle poppiger Keyboardteppiche. Wobei man davon ausgehen kann, dass die epische Wucht der Herzschmerzdramen von Texter und Songschreiber Ville Valo auch anno 2003 sehr stimmig eingefangen wird.

Ville Hermanni Valo, Mastermind der finnischen Himmelstürmer, wurde am 22.11.1976 in Helsinki geboren. Früh stellte sich heraus, dass der kleine Ville kein gewöhnliches Kind war. Schon als Jugendlicher zeigte er eine besondere Vorliebe fürs Bizarre. So gehörten der Kiss-Bassist Gene Simmons, der morbide Horrorautor Edgar Allan Poe und Westernheld Clint Eastwood zu seine ersten Idolen. Seine erklärten Hassobjekte waren die Beatles und Blumen (sic!). Auch Familie Valo war nicht gerade das, was man eine gutbürgerliche Kleinfamilie nennt. Vater Valo betreibt einen Sexshop und setzte Sohn Ville als Verkäufer hinter die Kasse. Aus dieser Zeit rührt Villes Vorliebe für Sexspielzeuge, die er auch heute noch leidenschaftlich sammelt. Ville ist 20 Jahre alt als er 1996 mit Mikko Henrik die Band HIM gründet. Primäres Ziel der Band ist es, dem öden Alltag zu entfliehen, da alle Bandmitglieder in relativ langweiligen und zudem schlecht bezahlten Jobs arbeiten. HIM ist das Kürzel für „His Infernal Majesty“ und gibt bereits jede Menge Aufschluss über die Musik, die zwischen Glamour, Pathos und Gothic angelegt ist. Noch im selben Jahr erscheint die erste, selbstbetitelte EP in einer Auflage von 1.000 Stück auf dem finnischen Markt. Die Plattenfirma BMG Finnland wird so auf HIM aufmerksam und bietet der Band 1997 einen Plattenvertrag an. In Skandinavien sorgen HIM mittlerweile vor allem durch ihre Live-Performances für Aufsehen. Ville Valo entpuppt sich besonders bei der weiblichen Fans als Sexsymbol. Die Presse betitelt ihn als Reinkarnation Jim Morrisons und vergleicht ihn mit dem jungen David Bowie. Ein paar Jahre später, nach drei Alben und über zwei Millionen verkauften Einheiten, gehören Ville Valo und HIM zu den ganz großen Acts der europäischen Rockmusik.

Im April 2003, nach fast 1 ½ Jahren Produktionszeit, legen die Finnen nun ihres neues Werk vor. Das Album wurde im Finnvox Studio in Helsinki, mit dem alten Vertrauten Hiili Hiilesmaa, aufgenommen und zum Abmischen in die Hände von Tim Palmer (Sepultura, Ozzy Osbourne, U2, Pearl Jam) gelegt. Vorbote der vierten CD ist die Single „The funeral of hearts“, die im März erschien und wieder alle Markenzeichen des HIM-Sounds vereint. Mit seiner zuckersüßen Melodie, gepaart mit derben Gitarrenklängen, geht der Track absolut auf Nummer sicher und kann deshalb getrost als „definitiver HIM-Song“ bezeichnet werden. Wer HIM in der Vergangenheit mochte, wird den Track lieben. Die, die sich bereits über „Gone with the sin“ oder „Right here in my arms“ aufregten, werden auch mit „The funeral of hearts“ ihr Waterloo erleben.

Doch die Maxime auf „Love metal“ lautet Rückbesinnung. Und so legen HIM auf ihrer neuen CD los wie die Feuerwehr und knüppeln im Highspeedtempo mit „Buried alive by love“ einen der härtesten Songs der Bandgeschichte raus. Da sich auf der limitierten Auflage des Albums ein Videoclip zu diesem Track befindet, ist davon auszugehen, dass der Song die zweite Singleauskopplung wird. Hoffentlich vergraulen die Finnen damit nicht ihr Stammpublikum, denn „Buried alive by love“ brettert doch ganz schön heftig aus den Speakern. In eine ähnliche Richtung zielt auch „Beyond redemption“. Der Song bewegt sich im Midtempobereich und wird von druckvollen Basssounds in bester Gothic-Metal-Manier geprägt. Der Refrain ist wieder typisch HIM: Hymnisch und eingängig. Mit „Sweet pandemonium“ folgt die erste Ballade. Ein von orchestralen Klängen getragener Schmachtfetzen im Stile von „Close to the flame“. Ville Valo haucht, gluckst und jauchzt wie in besten Tagen. Zum Glück sorgen die schneidigen Gitarren dafür, dass der Song nicht all zu sehr in seichte Gewässer abdriftet.

„Soul on fire“ startet ebenfalls mit enormem Tempo, dem aber nicht durchgehend standgehalten wird. Es gibt immer wieder kleine Breaks, in denen Ville das Ruder übernimmt und die Instrumente lediglich Beiwerk zu seinen gehauchten Vocals sind. Der Refrain gehört dagegen zur härteren Sorte. Treibende Beats und kreischende Gitarren beweisen dem Hörer nochmals mit Nachdruck, dass HIM die Liebe zu ruppigen Gitarrenklängen wiederentdeckt haben. „This sacrament“ beginnt mit einem traumhaften Piano-Intro, das nahtlos in einen epischen Keyboardteppich übergeht. Wenn kurz darauf die Gitarren und das Schlagzeug einsetzen, stellt man rasch fest, dass das Grundgerüst des Songs dem Hit „Join me (in death)“ ähnelt. Kein schlechter Song, der aber vielleicht etwas zu sehr auf Nummer sicher geht. Bei den doomigen Klängen im Intro von „This fortress of tears“ lassen Black Sabbath grüßen. Man erahnt, wohin die Reise geht. Doch der Song schlägt erst ein paar Haken. Nach einem atmosphärischen Piano-Part, zu dem Ville stöhnt und schmachtet, ergreifen langsam die Gitarren das Regiment und führen den Song in den Hafen eines begnadeten Refrains. Ville Valo, der Meister der Melodien hat wieder zugeschlagen!

„Circle of fear“ und „Endless dark“ werden von akustischen Gitarren eingeleitet, die in düsteren Bass-Grooves münden. Zusammen mit Valos dunkler Grabesstimme wird bei beiden Stücken eine mystische Atmosphäre erzeugt, die nur von den optimistischen Refrains aufgebrochen wird. Trotzdem zählen die genannten Songs eher zur Gattung überdurchschnittlichen Füllmaterials. Zum Abschluss walzen Valo und seine Mannen mit „The path“ ein ausschweifendes Acht-Minuten-Epos in die Landschaft. Finnlands größter Dildosammler legt noch mal die gesamte Gefühlspalette in seine Stimme und leidet bis ihm und uns die Tränen kommen. Die Melodie schwebt begleitet von kitschigen Uuhuu-Chören durch den Raum, während die Gitarre ihr trauriges Lied von gebrochen Herzen, flammender Liebe und dem Tod spielt - also den hauptsächlichen Zutaten von Herrn Valos, mit Verlaub, reichlich beknackten Texten. Aber das ist ein anderes Thema. Auf jeden Fall verraten die zehn Songs des Albums Ville Valos Gespür für starke Melodien und unterstreichen den Charakter handgemachter Rockmusik.

Bleibt festzuhalten, dass HIM mit „Love metal“ die Kurve noch mal bekommen haben und zu etwas härteren Klängen zurückgekehrt sind. Das weiß durchaus zu gefallen und lässt den arg verquasten Vorgänger „Deep shadows and brilliant highlights“ vergessen, welcher der Band künstlerisch wie zwischenmenschlich beinahe den Garaus gemacht hätte. „Love metal“ ist ein grundsolides Album geworden, das für fast jeden etwas bietet. Hitparadenfutter, Heavy-Metal-Eskapaden und epische Breitwandmusik mit erhöhtem Leidensfaktor auf Seiten des Sängers. Dass man so einen Schritt zurück, der im Prinzip einen Schritt nach vorne darstellt, nicht unbedingt erwarten konnte, ist kein Geheimnis und macht es umso angenehmer, über dieses Werk zu berichten. Die HIM-Fans können also aufatmen. Es geht weiter!

Anspieltipps:

  • The path
  • This sacrament
  • Buried alive by love
  • Sweet pandemonium
  • This fortress of tears
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