Goldfrapp - Black Cherry - Cover
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Goldfrapp Black Cherry


  • Label: Mute/EMI
  • Laufzeit: 43 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Eine Mischung aus „Kraftwerk meets Disco“ und manisch-melancholischen Elektro-Balladen.

Als der Filmkomponist Will Gregory und die Sängerin Alison Goldfrapp vor zwei Jahren ihr Debütalbum „Felt mountain“ herausbrachten, wollte die Begeisterung des Publikums kein Ende nehmen. Die beiden Engländer, aus dem im Südwesten der Insel gelegenen Städtchen Bath, legten eine Platte vor, die einen faszinierenden Mix aus reduzierten Songstrukturen, einzigartiger Melancholie, sonderbar kantigen Geräuschen und grandiosen Melodien bot und schon bald als zeitlose Songsammlung Kultstatus erreichte. Am Ende standen mehr als 500.000 verkaufte Exemplare weltweit und ein Album, das den Hörer von der ersten bis zur letzten Sekunde gefangen nahm, auf der Habenseite. Somit aber auch die Bürde, mit dem Nachfolgewerk ein mindestens gleichwertiges Album zu schaffen.

Der heißersehnte Zweitling steht seit Ende April in den Läden, hört auf den Namen „Black cherry“ und setzt weiterhin auf die typischen experimentellen Kanten, bewegt sich aber klangtechnisch ein gutes Stück vom Debüt fort. Während Goldfrapp sich bei den Arbeiten an „Felt mountain“ aufs Land zurückgezogen hatten, beschloss das Duo diesmal, in einem abgedunkelten Studio in Bath zu schreiben und aufzunehmen, wo innerhalb eines Jahres insgesamt zehn Songs aus stundenlangen Jams herausdestilliert wurden. Trotzdem beschreibt Alison Goldfrapp das neue Album als „spontan und perfektionistisch“ und nicht so durchdacht und reißbrettartig wie „Felt mountain“. „Bei der ersten Platte gingen wir sehr kontrolliert zur Sache“, beschreibt Will Gregory den Aufnahmeprozess. „Bei ‘Black cherry‘ haben wir uns ein wenig gehen lassen. Es ist letztendlich das Gleiche, allerdings nur wesentlich stärker in alle Richtungen ausgedehnt. Wir haben nur andere Sachen betont. So hatten wir jetzt die Gelegenheit, Disco, Dancemusic, 70s- und 80s-Sachen einzubringen, Drama, Dekadenz - all diese Sachen, die wir lieben und die bei ‘Felt mountain‘ nicht passten.“

Dadurch wird das Album allerdings auch in zwei Bereiche gespalten. Auf der einen Seite stehen die sinnlichen, betörenden Lieder von kristallklarer Schönheit und schwebenden Tönen, auf der anderen die maschinenhaften Elektro-Beats, digitalen Klänge, Synthiesounds und Störgeräusche. „Crystalline green“, der Opener, besteht aus hektischem Sequenzerpluckern und 80er-Jahre-Synthesizergefiepe, das von Alison Goldfrapps göttlicher Stimme zusammengehalten wird. Glockenhell schweben die Vocals wie große weiße Wolken am blauen Himmel durch den Raum und begrüßen den Hörer in der neuen digitalen Goldfrapp-Welt. Der seltsam düstere Elektroblues „Train“, zugleich die erste Singleauskopplung, verwirrt anfänglich mit seinem nervösen Rhythmus und den reichlich vorhandenen Synthie-Spielereien. Doch nach gewisser Zeit bohrt sich der Song Mantra-artig, wie in einer Endlosschleife, in die Gehörgänge und lässt einen so schnell nicht mehr los. Der Titelsong greift zurück auf Easy-Listening-Harmonien und zählt zu den schönsten Liedern, die Goldfrapp je aufgenommen haben. Die hypnotische Ballade, mit dem verträumten Gesang, wirkt dabei genau so schön wie verstörend. „Black cherry“ ist sowohl als Untermalung für einen gepflegten Chill Out, als auch für eine Überlandfahrt im Cabrio gleichermaßen geeignet. Auf „Tiptoe“, mit seinem Motorik-Rhythmus und den durch Mark und Bein fahrenden Synthesizer-Klängen, gehen die Elektroblues-Pferde endgültig mit Goldfrapp durch. Angeführt von Alisons tiefer Stimme, baut sich das Stück immer weiter auf, bis es sich sanft in einen völlig andern Song verwandelt und die Stimme mit den sich immer höher schwingenden Streichern erbarmungslos mischt. „Deep honey“ und „Hairy trees“ sind geheimnisvolle Zeitlupensongs, bei denen Alison und Will ganz tief in der Emotionsschublade kramen und zerbrechliche Kleinode zu Tage fördern, die wie eine Best-Of-Mischung aus Portishead und Björk klingen. „Twist“, entstanden aus der Jungmädchenphantasie, mit einem Kirmesjungen durchzubrennen, an dessen Fingern der Geruch von Diesel haftet, weckt Gedanken an Sex wie klebrige Zuckerwatte beim Summen eines Generators, eingebettet in das wilde Kreischen der Achterbahn.

Die Mischung aus „Kraftwerk meets Disco“ und manisch-melancholischen Elektro-Balladen spiegelt die Soundästhetik der späten 70er Jahre wieder und wirkt streckenweise wie der Soundtrack zu einem der vielen Weichzeichner-Erotikfilme dieser Epoche. So was muss erst mal verdaut werden und könnte das Lager der Goldfrapp-Fans in zwei Teile spalten. Fest steht: Um die Platte auch nur annährend zu verstehen, benötigt sie mehrere Durchläufe, was einem bei der relativ kurzen Spielzeit sehr erleichtert wird. Diese Zeit muss man sich einfach nehmen, um den halluzinatorischen Pop der beiden Engländer aufnehmen zu können. Dann erschließt sich einem die futuristische und gleichermaßen vertraut klingende Klangwelt des Goldfrapp-Territoriums.

Anspieltipps:

  • Train
  • Tiptoe
  • Hairy trees
  • Black cherry
  • Crystalline green
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