Blur - Think Tank - Cover
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Think Tank


  • Label: Parlophone/EMI
  • Laufzeit: 55 Minuten
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9/10 Unsere Wertung
6/10 Leserwertung Stimme ab!

Ich wurde neulich von einem guten Bekannten gefragt, was das denn für Musik sei, die Blur da machen. Der habe gehört von wegen Band-Zwist mit den Prolls von Oasis, Britpop und blutigen Nasen. Und der meinte außerdem, dass ihm die Musik auch gar nicht so zusagt, die Blur da machen. Zu poppig, zu britisch eben. Nun höre ich schon den ganzen Tag – ohne zu übertreiben – dieses wunderbare Stück Musik und bin mir einmal mehr nicht sicher, was das eigentlich für Musik ist, die die Briten da auf ihrem neuesten Longplayer zaubern.

Einmal ist da extrem reduziertes Elektrogeplucker, das nahezu jedes Lied zumindest teilweise durchzieht. Blur goes Elektro – der neue Ansatz einer Gitarrenband, die mal eben ihren hochbegabten Indie-Nerd an der Gitarre, Graham Coxon, an die Solo-Welt verloren hat? Ein sich schnell entkräftendes Argument, wenn man sich Lieder wie „Good Song“ ansieht, die von glasklaren, harmonischen Gitarrenlinien getragen werden und in denen der Faktor des Synthesizers denkbar vernachlässigbar ist.

Nein, da ist mehr. War „13“, der inzwischen auch schon vierjährige Vorgänger von „Think Tank“ lange als der unerreichliche, weil unendlich tiefgründige Höhepunkt einer Ausnahmeband erschienen, bietet Album Nr.7 schon wieder eine Weiterentwicklung. Ob nach hinten oder vorne ist schwer auszumachen. Schaut man sich reduzierte Lieder wie „Out Of Time“ an, so zieht das Argument „weniger ist mehr“ mehr als je zuvor. Blur brauchen keine Instrumentalexzesse mehr, um ihrer Musik Leben einzuhauchen. Für besagte Single „Out Of Time“ braucht es nicht mehr als eine wunderschöne Gesangslinie, die sich nach einiger Zeit ins Gehirn einfrisst, einen soliden Bass, einen dünnen Rhythmus und ein paar akustische Gitarrensalven, um ein durch und durch schönes Lied zu schaffen.

Im Grunde ist „Think Tank“ trotz aller Vorankündigungen nicht das absolut kranke Werk einer Band ohne Gitarristen geworden, sondern eine Platte, die alle Stärken des Trios vereint und mit neuen, jazzigen („Gene By Gene“) und afrikanischen („Moroccan Peoples Revolutionary Bowls Club“) Elementen gar vorzüglich verbindet. Klar, Blur sind unabhängiger als je zuvor und zaubern Titel aus dem Hut, wie es ihnen eben passt. Ob „Crazy Beat“, das genauso klingt wie es heißt und da anknüpft, wo „Song 2“ einst aufhörte oder der einminütige Oriental-Rock’n Roll-Exzess „We’ve Got A File On You“, Blur lassen es da krachen, wo sie es für nötig halten und können auch gerne nach allen Regeln der Kunst melancholisch schwelgen wie im exzellenten „Sweet Song“.

Wer es unbedingt haben will, bekommt mit „Jets“ ein Stück Musik an den Kopf geknallt, dem man vorwerfen könnte, es sei nichts weiter als musikalische Masturbation, aber da würde man auch diesem durchaus gefälligen Stück nicht gerecht werden. Hier entfalten sich die Harmonien, die vertrackte Rhythmik wie auf so vielen Stücken dieser Platte erst allmählich, um dann umso schöner zu strahlen. Wer sich auf diese Platte einlässt und frei ist von Brit-Pop-Klischees, der wird mit dieser CD sicherlich schnell warm werden und sie bald ganz innig lieben.

Blur ist mit „Think Tank“ etwas geglückt, von dem ihre Pseudo-Konkurrenten Oasis nur träumen können. Sie liefern schon wieder ein Album, das besser ist als das Vorige, definieren sich zum Wiederholten Male neu und kreiren einmalige Soundkostüme, die frei sind von krankhaftem Eklektizismus. Auf die Frage, welche Art von Musik Blur da machen, kann man abseits einer naiven Einordnung in den so wolkigen Begriff des „Indie-Pops“ nur eine Antwort zulassen, nämlich dass das hier alles nicht mehr und nicht weniger als sehr schöne Musik ist.

Anspieltipps:

  • Out Of Time
  • Good Song
  • Caravan
  • Sweet Song
Dieser Artikel ging am um 10:23 Uhr online.
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