Marilyn Manson - The Golden Age Of Grotesque - Cover
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Marilyn Manson The Golden Age Of Grotesque


  • Label: Interscope/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 62 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5.8/10 Leserwertung Stimme ab!

Die Musik bläst dem Hörer mal wieder so richtig den Kitt von der Kassenbrille.

„Wenn du, nachdem du das Album gehört hast, nicht in der Stimmung bist, jemanden Schmerzen zuzufügen – dann bring es zurück und lass dir das Geld wiedergeben!“ Mit diesen Worten bewarb Bürgerschreck Brian Warner das letzte Marilyn-Manson-Album „Holy wood (In the shadow of the valley of death)“ und machte wieder mal deutlich, wer der unangefochtene Albtraum Amerikas ist. Seitdem sind drei Jahre ins Land gezogen, in denen sich die Sensibilität der öffentlichen Wahrnehmung nicht nur durch die Ereignisse des 11. Septembers 2001 dramatisch verändert hat. George W. Bush und seiner Politik sei Dank.

Die geänderte Situation führte nicht nur dazu, dass sich der Künstler kritisch neu hinterfragte, sondern auch sein Bild in der Öffentlichkeit plötzlich differenzierter gesehen wurde. Ein Punkt für das neue Empfinden resultierte aus dem Oscar-prämierten Dokumentarfilm „Bowling For Columbine", für den der Filmemacher Michael Moore den als Inbegriff des Bösen angesehenen Brian Warner interviewte und der Gesellschaft den Spiegel vorhielt. Rasch wurde klar, dass in diesen Tagen nicht mehr so einfach zu unterscheiden ist, wer „gut“ und wer „böse“ ist. Trotzdem sollte man nicht glauben, dass sich Brian Warner für sein neues Album neu erfunden hätte. Das ist wahrscheinlich auch gar nicht möglich, für jemanden, der von sich selbst sagt, dass er Menschlichkeit als nicht natürlich empfindet: „Ich hatte mich dem Humanen komplett entfremdet. Jetzt ordne ich mich zwar nicht ein, aber empfinde erstmals Dinge, die alle anderen auch empfinden."

Die größte Inspiration für sein neues Werk fand der 34-jährige Musiker, Autor, Regisseur und Maler im dekadenten Hollywood der 30er Jahre und dem „alten Europa“ der 20er Jahre. Also das Berlin der Weimarer Republik, mit seiner überbordenden Fülle kultureller und künstlerischer Ergüsse, das französische Kabarett mit seinem weidlichen Expressionismus und die Dada-Bewegung, die mit Lärmmusik, Zufallsgedichten, Collagen und Ironie, den etablierten Kunstformen den Kampf angesagt hatte. „Damals lag eine unglaubliche kreative Energie in der Luft. Es war kurz vor dem Krieg - die Menschen lebten damals, als gäbe es kein Morgen. Die diktatorischen Kräfte, die sich Europa nach und nach einverleibten, machten diesem kreativen Freigeist ein Ende. Verbitterte konservative Kräfte hatten Angst davor und zerstörten die Szene. Diese Ära steht symbolisch dafür, was ich ausdrücken wollte." Sinnigerweise lautet der Titel des neuen Albums „The golden age of grotesque“, deren 15 Songs vordergründig von Beziehungen, die Brian Warner durchgemacht hat, handeln. Seien es persönliche (Warner trennte sich im letzten Jahr von seiner Freundin Rose MacGowan), öffentliche, künstlerische (Freund und Bassist Twiggy Ramirez flog im Mai 2002 aus der Band und wurde durch Tim Skold ersetzt), politische oder religiöse. Das, wieder mal, sehr gewagte Cover-Konzept von „The golden age of grotesque“ wurde diesmal von dem österreichischen Künstler Gottfried Hellwein umgesetzt, der bereits 1982 mit dem legendären Cover für das Scorpions-Album „Blackout“ von sich Reden machte und zuletzt die Plattenhüllen für Rammstein und Westernhagen entwarf.

Das schlichte, aber eindrucksvolle Cover-Motiv kündigt an, was den Hörer in der nächsten Stunde erwartet. Düstere, mächtige, geheimnisvolle und vor allem hart rockende Klanggewitter. Im Intro hört man das nervöse Rattern eines Filmprojektors, das nahtlos in technoides Sequenzergeplucker übergeht. Die Spannung und der Blutdruck steigen, ehe nach schier endlosen Minuten ein Gitarrenerdbeben in Form des Openers „This is the new shit“ losbricht, der sogleich von der ersten Singleauskopplung „mOBSCENE“, einem eingängigen Elektrorock-Brocken mit Kinderchorunterstützung, gefolgt wird. Marilyn Manson melden sich mit einem wahren Paukenschlag zurück, der den geneigten Hörer spüren lässt, was Brian Warner meint, wenn er sagt, dass dieses Album klingt, als ob man den Boden einer Herrentoilette ableckt. Die Texte sind schonungslos und derb, die Gitarren zerren fies an den Nerven und die Rhythmussektion unterlegt das Ganze mit einer Mischung aus HipHop-Grooves und 80er Jahre Synthieklängen (Sisters Of Mercy!). Die Glam-Rock-Zeiten á la „Mechanical animals“ (1998) und die kranken Sound-Spielereien von „Portrait of an american family“ (1994) scheinen ad acta gelegt worden zu sein. Der neue Sound wirkt gradliniger, kommt schneller auf den Punkt und fordert den Hörer trotzdem wieder bis zum Äußeren. Offensichtlich hat der Meister eine leichte Renovierung des Gesamtsounds angeordnet, die sich am besten an Tracks wie „(S)aint“ oder „Ka-boom ka-boom“ belegen lässt. Das Konglomerat aus ultra-fetten Beats und gewaltigen Gitarren-Wall-Of-Sounds walzt wie ein Panzer durchs Unterholz und macht alles nieder, was sich in den Weg stellt. Und das sind nicht die einzigen Beispiele. Treibend aggressive Songs wie „Use your fist and not your mouth“ und „Doll-dagga buzz-buzz ziggety-zag“ machen unmissverständlich klar, wo Bartel anno 2003 den Rock ‘N‘ Roll Most holt. Doch auch abgedrehte Symphonien wie der Titeltrack, oder das mit seinen Industrialklängen an Ziehvater Trent Reznor (Nine Inch Nails) erinnernde „Para-noir“ können problemlos überzeugen.

Einziger Wehrmutstropfen ist der Rausschmeißer „Tainted love“, eine höchst überflüssige und nicht gerade als gelungen zu bezeichnende Coverversion des Soft-Cell-Klassikers, den wir bereits als Soundtrackbeitrag zum ebenso verzichtbaren Film „Not Another Teen Movie“ kennen, aber musikalisch wie konzeptionell nichts auf einem Album wie „The golden age of grotesque“ zu suchen hat. Das soll den Gesamteindruck aber nicht schmälern. Marilyn Mansons fünftes Studioalbum ist ein modernes Rockalbum geworden, das natürlich polarisiert, aber deshalb nichts an Klasse einzubüßen hat. Klar, wer mit Marilyn Manson in der Vergangenheit Schwierigkeiten hatte, wird es auch heuer nicht auf die Reihe bekommen. MM waren und bleiben bewusst provokativ und stellen dies auch weiterhin mit Lyrics im Grenzbereich und Musik, die nichts für zartbesaitete Zeitgenossen ist, unter Beweis. Auf Textzitate wird deshalb ausdrücklich verzichtet. Die Musik hingegen ist absolut empfehlenswert und bläst einem mal wieder so richtig den Kitt von der Kassenbrille.

Anspieltipps:

  • Vodevil
  • mOBSCENE
  • Ka-boom ka-boom
  • Better of two evils
  • This is the new shit
  • The bright young things
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