Live - Birds Of Pray - Cover
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Live Birds Of Pray


  • Label: MCA/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 45 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
4.9/10 Leserwertung Stimme ab!

Eine erfolgreiche Karriere als Rockstar ist gemeinhin eine tolle Sache und der Traum eines jeden Hobbymusikers. Schwierig wird es immer dann, wenn Ruhm und Erfolg aus heiterem Himmel und in unfassbaren Dimensionen auf die Protagonisten einbrechen. Da läuft selbst der stärkste Charakter leicht mal aus dem Ruder und nicht wenige, ehemals hell strahlende Sterne am Rock-Himmel, verglühen genau so schnell wie sie auf der Bildfläche erschienen.

Den Fluch des frühen Erfolges hat die Gruppe Live aus der Kleinstadt York in Pennsylvania auch erleben müssen, als ihr zweites Album „Throwing copper“ (1994) über Nacht zu einem Welterfolg avancierte und sagenhafte zwölf Millionen Einheiten verkaufte. Songs wie „Selling the drama“, „I alone“ und vor allem „Lightning crashes“ wurden zu Hymnen einer Generation, die sich im Zuge der abebbenden Grunge-Welle nach neuen Helden umsah und glaubte, diese in den Herren Ed Kowalczyk (Texte, Vocals), Chad Taylor (Gitarre), Partrick Dahlheimer (Bass) und Chad Gracey (Drums) gefunden zu haben. Live boten auf „Throwing copper“ 60 Minuten Musik auf höchstem Niveau und reihten Hit an Hit. Das Ganze klang wie eine Mischung aus den göttlichen Hooklines von R.E.M. und den harten Riffs der frühen Pearl Jam. Doch was sollte nach diesem Höhenflug noch kommen? Noch mehr Hits, noch größere Tourneen und noch mehr verkaufte Platten? Nun, es kam nicht ganz so...

In den nächsten Jahren begab sich die Band in einen Teufelskreis aus Albumaufnahmen und Promotion-Tourneen rund um die Welt und veröffentlichte innerhalb von nur fünf Jahren drei Alben. Auch wenn das Niveau immer noch recht hoch war, kamen „Secret Samadhi“ (1997), „The distance to here“ (1999) und „V“ (2001) künstlerisch wie kommerziell nicht an die Großtat „Throwing copper“ heran. Es schien, als ob die Band ein wenig orientierungslos vor sich hinwerkelte und Ed Kowalczyk sich mit seinen esoterisch angehauchten Weltverbesserungstexten immer mehr verzettelte. Von echten und trotz allem Pathos zupackenden Songs, mit denen Live sich einst ihre Fangemeinde erspielt haben, blieb oftmals nur die große Geste und die Hoffnung auf das nächste Album übrig. Daraufhin zu behaupten, die Band stünde am Scheideweg, ist sicher übertrieben. Aber es ist höchste Zeit, mal wieder eine CD herauszubringen, die mit konstanter Klasse für Gänsehaut beim Hörer sorgt.

Nachdem sich die Band eine zweijährige Pause verordnet hatte, meldet sie sich mit ihrem nunmehr sechsten Studioalbum „Birds of pray“ zurück. Das Werk wurde im vergangenen Jahr mit Produzent Jim Wirt (Incubus, Hoobastank) in Los Angeles aufgenommen und ist laut Ed Kowalczyk eine Rückkehr zu den Wurzeln des klassischen „Live-Sounds“, was durchaus bestätigt werden kann. Bereits der grandiose Opener „Heaven“ macht deutlich, dass die Band es nicht verlernt hat, einfach strukturierte Rock-Hymnen ohne Schnickschnack abzuliefern. Allein während dieser ersten vier Minuten kann man sich lebhaft vorstellen, wie Live auf ihrer Sommertour im Vorprogramm von Bon Jovi ein ganzes Stadion zu Mitsingen animieren, wenn der junge Vater Ed Kowalczyk den Refrain von „Heaven“ anstimmt: „I don’t need no one to tell me about heaven / I look at my daughter and I believe / I don’t need no proof when it comes to god and truth / I can see the sunset and I perceive...“. Man spürt tatsächlich so etwas wie Aufbruchstimmung im Lager der vier Freunde aus York, denn auf „Birds of pray“ wird schnörkellose, auf den Punkt gebrachte Rockmusik dargeboten, selbst wenn man sich klammheimlich eine Über-Hymne wie „Lightning crashes“ zurückwünscht.

Dafür hauen die Burschen in Songs wie „She“, „Bring the people together“ und „Like I do“ so kompromisslos wie nie in die Saiten und fahren in einer Dreiviertelstunde überwiegend knackige Rocksongs auf, die größtenteils sofort ins Ohr gehen, ohne beliebig zu wirken. Der Anteil ruhigerer Kompositionen ist dabei verschwindend gering und beschränkt sich im Prinzip auf die Stücke „Sweet release“ und „What are we fighting for?“, zwei energiegeladene Halbballaden mit superben Hooklines sowie „Run away“, einem süßlichen Popsong mit Streichorchestereinsatz und Eunuchengesang. Auch Lives Vorliebe für pathosgeschwängerte Lieder kommt heuer nicht zu kurz. So sind „The sanctity of dreams“ und „Life marches on“, zwei Groove-orientierte Rocker mit eingängigem Refrain, die besten Beweise dafür, dass dramatische Inszenierungen auch anno 2003 durchaus ihre Daseinsberechtigung haben. Selbst auf den ersten Blick etwas schwächere Songs wie „Everytime I see your face“ oder „Lighthouse“ können durch Details wie unkonventionelle Gitarrenriffs und Harmonien überzeugen. Dadurch wächst das Album von Mal zu Mal, was dem Hörer sicher eine gewisse Hingabe abverlangt, um wirklich alle Facetten voll erschließen zu können. Mit drei, vier Hördurchgängen ist es da nicht getan, was auf eine Langzeitwirkung der CD deuten lässt. Zwar wird auch diesmal die „Throwing copper“-Liga nicht ganz erreicht, aber eindeutig besser als die meisten nervtötenden Nu-Rock-Outputs ist „Birds of pray“ allemal. Selbst wenn man der Bewertung des Rezensenten einen Live-Bonuspunkt abzieht, ist diese CD für jeden Mainstream-Rock-Fan empfehlenswert.

Anspieltipps:

  • Heaven
  • River town
  • Sweet release
  • The sanctity of dreams
  • Bring the people together
  • What are we fighting for?
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