Third Eye Blind - Out Of The Vein - Cover
Große Ansicht

Third Eye Blind Out Of The Vein


  • Label: Elektra/WEA
  • Laufzeit: 61 Minuten
Artikel teilen:
5/10 Unsere Wertung Legende
5.6/10 Leserwertung Stimme ab!

„Out of the vein“ ist eine ziemliche Enttäuschung.

Kunst ist nicht kalkulierbar und schon gar nicht die Reaktion des Publikums auf selbige. Mit dieser einfachen Formel lässt sich erklären, warum zum Beispiel in der Musik nach einem immens erfolgreichen Album ein Beinaheflop folgt, obwohl sich die Qualität des Schaffens kaum verändert hat. Einer der zahlreichen Vertreter dieser erwiesenen Theorie ist die Band Third Eye Blind aus San Francisco, die die Rockwelt vor sechs Jahren mit ihrem selbstbetitelten Major-Debüt mächtig durcheinanderwirbelte. Die Mannen um die Songwriter Kevin Cadogan und Stephan Jenkins lieferten ein respektables Collegerock-Album ab, das mit Hits wie „Semi-charmed life“, „How’s it going to be“, „Losing a whole year“ und „Graduate“ zielgenau den Zeitgeist traf und weltweit über sechs Millionen Käufer fand.

Der zwei Jahre später nachgeschobene Zweitling „Blue“ (1999) bot zwar handwerklich keinen Anlass zur Kritik, konnte aber nicht an das Hitfeuerwerk des Vorgängers heranreichen. Dazu kam, dass Gitarrist und Co-Songwriter Kevin Cadogan am Ende der „Blue“-Sessions gefeuert und durch Tony Fredianelli ersetzt wurde. So stand nicht nur die Zukunft von Third Eye Blind plötzlich in den Sternen, sondern auch die Verkaufszahlen gingen drastisch zurück, obwohl sich die Band alle Mühe gab, das Werk zwölf Monate lang zu promoten. Nach diesen vermeintlichen Fehlschlägen zog sich das Quartett zurück und brauchte nahezu ein Jahr, um sich für ein neues Album zu motivieren. Dieses wurde im neu errichteten, bandeigenen Studio eingespielt und stellt, wenn es nach Sänger Stephan Jenkins geht, den Auftakt zu einer Welle von neuen 3EB-Werken dar - darunter eine EP, ein Live-Album und eine Unplugged-CD.

Zur Überraschung heißt das neue Album „Out of the vein“, obwohl es monatelang unter dem Titel „Crystal baller“ angekündigt wurde und bei diversen Online-Händlern unter eben diesem Namen als Japan-Import „verfügbar“ war. Vermutlich entschied man sich relativ kurzfristig für den geänderten Titel, denn „Crystal baller“ ist immerhin noch als Songtitel auf der CD vertreten und stellt einen der besten Songs des Albums dar, das mit über einer Stunde Spielzeit nach alten Vinyl-Maßstäben als Doppelalbum zählen würde, was, nach über drei Jahren Wartezeit, den im Raum schwebenden Verdacht einer Schreibblockade im Haus Third Eye Blind auszumerzen versucht. Zudem beinhaltet die Erstauflage eine Bonus-DVD namens „Hiding out“, die die Studioarbeiten dokumentiert. Rundumbedienung für den Fan bzw. Ausschöpfen sämtlicher Marketingmöglichkeiten nennt man so was. Doch was haben Third Eye Blind sechs Jahre nach ihrem Debüt künstlerisch noch zu bieten?

Da ist zum einen der schlappe Auftakt „Faster“, der das Album schwungvoll auf Trapp bringen soll, aber schon bald als Seifenblase aus zwei Akkorden entlarvt wird. Oder der uninspirierte Füller „Danger“, der am Reißbrett für poppige Rockmusik entworfen wurde und das überwiegend langweilige „My hit and run“, das unaufgeregten Emo-Pop-Rock bietet. Interessanter wird es da schon bei „Wake for young souls“, das mit einem entspannten Rock-Reggae-Rhythmus à la Sugar Ray daherkommt, oder „Can’t get away“, bei dem sich Stephan Jenkins als Rapper versucht, was zwar mehr als ungewöhnlich anmutet, doch Abwechslung tut hier dringend Not. Deshalb sei das Experiment genehmigt. Unbedingt hervorzuheben ist dagegen die erste Singleauskopplung „Blinded“, die sämtliche Stärken der Band vereint und als melodische College-Radio-Hymne an die Glanzzeiten von Third Eye Blind erinnert. Ebenfalls in Ordnung ist das atmosphärische „Forget myself“ und der schleppende Rocker „Misfits“, der mit einem großartigen Refrain aufwarten kann. Mehr gibt es leider nicht herauszuheben. Außer, dass das Duett „Self righteous“ kurz vor Schluss in negativer Hinsicht den Vogel abschießt. An sich ist das Lied eine nette Ballade, mit Streichern und atmosphärischen Gitarrenklängen, doch zum Leidwesen wurde Jenkins mit einer Duettstimme gepaart, die Erinnerungen an einen gewissen Marlon weckt, der vor gar nicht all zu langer Zeit gegen die bösen Hochwassermächte in Deutschland anträllerte. Bei dem Gejammer stellen sich einem unweigerlich die Nackenhaare auf, selbst wenn hernach nochmals recht anständig gerockt („Company“) oder mit „My time in exile“ ein netter Hidden-Track als Rausschmeißer aufgeboten wird. Doch wirkliche Rettung naht heuer nimmer.

Ehrlich gesagt, ist „Out of the vein“ eine ziemliche Enttäuschung. Das Album leidet unter den nicht vorhandenen Hooks und den alles in allen schwachen Melodien, die auch nach dem x-ten Hören nicht hängen bleiben. Zwar gibt es hin und wieder ein paar schneidige Riffs zu bestaunen („My hit and run“, „Palm reader“), doch außer dem Bemühen wie eine Stadionrockband zu klingen, bleibt nicht viel Zählbares übrig. Da nützen auch prominente Stargäste wie Vanessa Carlton nichts, die im vollfetten Breitwand-Soundmix komplett verschwinden. Waren Third Eye Blind in Europa bisher ein eher unbeschriebenes Blatt, müssen sie nunmehr aufpassen, dass sie nicht auch in ihrer Heimat sang- und klanglos untergehen, denn ein schwaches Album wie „Out of the vein“ kann einer Band regelrecht das Genick brechen.

Anspieltipps:

  • Blinded
  • Misfits
  • Crystal baller
  • Can’t get away
  • Wake for young souls
Neue Kritiken im Genre „Rock/Pop“
Diskutiere über „Third Eye Blind“
comments powered by Disqus