Staind - 14 Shades Of Grey - Cover
Große Ansicht

Staind 14 Shades Of Grey


  • Label: Elektra/WEA
  • Laufzeit: 63 Minuten
Artikel teilen:
6/10 Unsere Wertung Legende
5.1/10 Leserwertung Stimme ab!

Muss man eigentlich noch darüber diskutieren, ob der sogenannte Nu-Metal bzw. Nu-Rock seinen Zenit überschritten hat und sich die Genrevertreter, bis auf wenige Ausnahmen, auf dem absteigenden Ast befinden? Im Prinzip nicht, nur ist das „nächste große Ding“ noch nicht gefunden, sodass sich die Platzhirsche der Szene weiterhin über Wasser halten können und regelmäßig neue Platten auf den Markt schmeißen dürfen.

Zur vermeintlichen Upperclass des Nu-Rock zählen auch die Mannen von Staind, die schon mit ihrem Major-Debüt „Dysfunction“ (1999) für Aufmerksamkeit sorgten und aus dem Stand über eine Million Alben an den Fan brachten. Den weltweiten Durchbruch feierten Aaron Lewis (Vocals), Mike Mushok (Gitarre), Johnny April (Bass) und Jon Wysocki (Drums) allerdings erst mit ihrem dritten Album „Break the cycle“ aus dem Jahr 2001, das inzwischen in über sieben Millionen Haushalten zu finden ist und vier Hitsingles abwarf, darunter das wunderbare „It’s been a while“. Aushängeschild des Vierers aus Springfield, Massachusetts ist der charismatische Sänger und personifizierte Schwermut Aaron Lewis, der sich für die reichlich düsteren und leidensschweren Texte verantwortlich zeigt und zum Freundeskreis von Limp-Bizkit-Matschbirne Fred Durst zählt, der sich darum kümmerte, dass die Band nach ihrem Independent-Album „Tormented“ (1996) einen anständigen Plattenvertrag beim Warner Bros. Sublabel Flip Records bekam.

Nach dem Durchbruch vor zwei Jahren, folgt nun erstmals ein Album, bei dem sich die Band mit kommerziellen Maßstäben auseinandersetzen muss. Schließlich sind Staind auch nichts anderes, als ein goldener Esel für ihre Plattenfirma, der solange gemolken wird, wie es nur irgendwie geht. Experimente sucht man auf „14 shades of grey“, so der Titel des vierten Staind-Werkes, demnach vergebens. So wurde für die Produktion wieder auf das Erfolgsteam von „Break the cycle“ gesetzt. In Studios in Miami und Los Angeles saß erneut Josh Abraham (Crazy Town, Limp Bizkit) an den Reglern und kein anderer als Sound-Ikone Andy Wallace war für den Mix der CD zuständig. Logischweise findet man auf der CD insgesamt 14 Songs, oder 14 Graustufen, die jedem Hörer genügend Interpretationsfreiraum einräumen, um der Erkenntnis von Aaron Lewis, dass das Leben nicht in schwarz und weiß aufgeteilt werden kann, folgen zu können. Vorbote des Albums ist der Song „Price to play“, der als Vorabsingle ausgekoppelt wurde und keinerlei Überraschungen bietet. Riffs und Harmonien sind typisch für den bekannten Staind-Sound und sollen in erster Linie für allgemeinen Wiedererkennungswert sorgen. Auch „How about you“, „So far away“ und, mit Abstrichen, „Could it be“ setzen auf die Trademarks des Quartetts, können aber durch wesentlich eingängigere Kompositionen überzeugen. Alle drei Stücke sind getragene Rocksongs mit einem gerüttelt Maß Pathos und hymnischen Refrains, wie es der gemeine Nu-Rocker liebt.

„Yesterday“ ist ein gewöhnlicher Groove-Rocker mit schepperndem Refrain. Nichts aufregendes, sondern eher Füllmaterial. Dagegen ist „Fray“ eine eindringliche Halbballade mit intensiver Laut-/Leisedynamik. Ein altbewehrtes Rezept, das auch hier aufgeht und dafür sorgt, dass die Grenzen zwischen Emo, Nu-Rock und Grunge mehr oder weniger verschwimmen. Selbst die pathosgeschwängerte Creed-Fraktion kommt diesmal nicht zu kurz. Wie es sich gehört, hat der junge Vater Aaron Lewis einen Song für seine Tochter komponiert („Zoe Jane“), der selbstredend an die Grenzen des Kitsch heranreicht und als legitimer „With arms wide open“-Nachfolger die definitive Feuerzeugballade auf den diesjährigen Festivals sein dürfte. Eine Art Hommage an die 90er-Jahre und einen Tribut an den verstorbenen Alice-In-Chains-Sänger Layne Staley stellt der Song „Layne“ dar. So positiv dieser musikalische Nachruf an einen der begnadetsten Künstler der letzten Dekade auch sein mag, stellt sich trotzdem die Frage, ob Staind den Sound von Alice In Chains so gnadenlos imitieren mussten. Denn im direkten Vergleich können Staind hier nur den zweiten Platz belegen, wie eigentlich das ganze Album kein Gewinner ist, sondern viel mehr in die Sparte des gehobenen Mittelmaßes gehört.

Staind machen mit ihrem neuesten Streich einen Riesenschritt in Richtung Mainstream und büßen dabei reichlich an Glaubhaftigkeit ein. Alles auf „14 shades of grey“ klingt unheimlich perfekt arrangiert und produziert. Aber wo sind die großen Gefühle? Wo die gänsehauterzeugenden Gitarrenriffs? Wo ist der Funke, der auf den Hörer überspringt? So gut wie nichts ist vom mega erfolgreichen Vorgänger übriggeblieben. Selbst Aaron Lewis scheint seine Dämonen vertrieben zu haben, da die Lyrics von „14 shades of grey“ bei weitem nicht so düster ausgefallen sind wie auf den Vorgängern. Alles in allem wirkt das Werk sehr beliebig und stellt keine Offenbarung dar. Es gibt keine echten Rocksongs geschweige denn überzeugende Balladen. Mehr oder weniger gleichförmig rauschen die 14 Songs in etwas über einer Stunde am Hörer vorbei und hinterlassen den faden Nachgeschmack, dass der Nu-Rock tatsächlich am Ende zu sein scheint.

Anspieltipps:

  • How about you
  • Could it be
  • So far away
  • Fill me up
  • Zoe Jane
Neue Kritiken im Genre „Nu-Rock“
Diskutiere über „Staind“
comments powered by Disqus