Dave Gahan - Paper Monsters - Cover
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Dave Gahan Paper Monsters


  • Label: Mute/EMI
  • Laufzeit: 48 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
5.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Glückliche Menschen machen langweilige Musik. Nur wer den Blues hat, macht im wahrsten Sinne des Wortes leidenschaftliche Kunst. Denn mal ehrlich: Wen interessiert schon das seelenlose Geklimper von satten alten Säcken wie Phil Collins? Auch Dave Gahan gehört zu der Sorte von Musikern, die zeitlebens gegen die eigenen Dämonen ankämpfen mussten und, so zynisch es klingen mag, in seiner schlimmsten Phase die beste Musik gemacht hat.

Drogen, Alkohol, Frauengeschichten, Starruhm – all das gehörte wie selbstverständlich zum Leben des Jungen aus der Provinz, der jetzt im 22. Jahr als Frontmann der Elektro-Popper von Depeche Mode tätig ist. Dabei galt der charismatische Sänger bereits als abgeschrieben, als er im Mai 1996 wegen seiner Alkohol- und Drogeneskapaden mit einem Herzstillstand ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Doch er überlebte das Horrorszenario und nahm es zum Anlass, seine Neigung zur Selbstzerstörung endgültig unter Kontrolle zu bringen. Sein nächster Schritt zur absoluten Genesung ist nun die künstlerische Befreiung. Waren Alben wie „Violator“ (1990) und „Songs of faith and devotion“ (1993) von der düsteren Aura des Sängers geprägt, die von Mastermind Martin L. Gore kongenial eingefangen wurde, gingen die Nachfolger „Ultra“ (1997) und vor allem „Exciter“ (2001) zu sehr auf das Konto von Martin L. Gore, ohne dass die Bandmitglieder großartigen künstlerischen Input leisten konnten. Dazu Dave Gahan: „Gerade beim letzten Album war unsere Naivität fast völlig verschwunden. Es war eine nett produzierte, fast perfekte Depeche-Mode-Platte. Aber es gab keine Überraschungen, nichts Natürliches. Deshalb stimuliert mich der kreative Prozess bei Depeche Mode nicht mehr. Gore hatte wochenlang mit einem Toningenieur und einem Programmierer an den Demos gearbeitet, bevor er die Band im Studio vor vollendete Tatsachen stellte. Im Moment weiß ich nicht genau, ob ich bei Depeche Mode unter denselben Bedingungen arbeiten könnte wie vorher. Ich glaube nicht. Ich kann mehr und muss einfach mehr machen. Und deshalb habe ich ein Soloalbum gemacht." Starker Tobak, der die Depeche-Mode-Fans leicht nervös machen dürfte, schließlich brachte auch Martin L. Gore vor wenigen Wochen sein zweites Soloalbum heraus, bei dessen Promotour auch er nicht gerade positiv auf Dave Gahan zu sprechen war.

Gahan spielte sein erstes Solowerk mit dem Komponisten und Multiinstrumentalisten Knock Chandler im Electric Lady Studio in New York ein. Produziert und abgemischt wurde es von dem durch Sigur Ròs bekannten Ken Thomas, der die zehn Tracks in fast spartanischer Weise auf Band brachte. Den Opener macht „Dirty sticky floors“, bei dem Gahan mit dem Image seines halbseidenen Alter Ego „Evil Dave“ spielt und den wohl poppigsten Song des Albums abliefert. Nicht gerade ein Hit, aber als Singleauskopplung trotzdem ideal. „Hold on“ bietet das meditative Feeling eines typischen Depeche-Mode-Songs mit pluckernden Synthie-Beats, akustischen Gitarren und netten Slide-Guitar-Einlagen. Richtig düster wird es dagegen bei „A little piece“, einer Ballade aus flirrenden Synthesizern-Wolken, dunkel grollenden Bässen und geheimnisvollen Streicherklängen. Dazu packt Dave Gahan eine Art Grabesstimme aus, die den Song sehr stark in Sigur-Ròs-Richtungen lenkt. Es folgen „Bottle living“, eine Art Glam-Rock-Song mit passgenau eingebrachten E-Gitarren-Soli im „Violator“-Stil und einer exquisit gespielten Blues-Harp und „Black and blue again“, einem düsteren Walking-Blues mit einem Gemisch aus Streichern und Slide-Guitar-Klängen, wie wir es aus den abgefahrenen Filmen eines David Lynch oder Quentin Tarantinos „Pulp Fiction“ kennen.

„Stay“ wurde durch die Geburt von Dave Gahans Tochter inspiriert und ist demnach ein sehr optimistischer Song, der wie ein Sonnenstrahl aus der Düsternis von „Paper monsters“ herausragt. Die Musik perlt zeitlupenartig aus den Lautsprechern und verbreitet wohlige Synthesizer-Teppiche. Dazu spielt ein einsames Piano aus der Ferne, während Dave Gahan mit erdrückend eindringlicher Stimme singt. Definitiv eines der Highlight des Albums! Auch auf „Bitter apple“ fallen zunächst die einfühlsamen Streicher auf, die nie schwülstig oder zu dominierend klingen. Der Song handelt von den Qualen der Liebe und könnte genauso gut auf einem Depeche-Mode-Album zuhause sein. Kein Wunder, hat Gahan doch mehr als sein halbes Leben mit der Musik von Martin Gore zugebracht. Als Abschluss folgt „Goodbye“, eine Hymne über erhörte Gebete und spirituelles Erwachen, die entsprechend ihres lyrischen Inhalts klingt: Bedrohlich und mystisch. Nach zaghaftem Beginn steigert sich der Song in ein kurzes, ekstatisches Soundgewitter, ehe Gahan das Wort „goodbye“ gebetsmühlenartig wiederholt und Song und Album ausklingen lässt.

„Paper monsters“ ist ein Album geworden, das in seiner Grundstimmung dunkel wie die Nacht ist. Zwar lässt Gahan seiner Vorliebe für rockorientierte Klänge freien Lauf, doch erkennt man auch sehr deutlich, dass sein Zuhause in der elektronischen Popmusik liegt. So könnten einige Stücke ohne aufzufallen auf Depeche-Mode-Platten unterkommen. Dessen ungeachtet muss man sagen, dass Gahan aus künstlerischer Sicht das Kräftemessen mit Martin L. Gore gewinnt, der „nur“ ein weiteres Coveralbum zustande brachte, während Dave Gahan ein sehr persönliches Album mit zehn eigenen Songs abliefert. Zwar ist auch „Paper monsters“ keine Krönung in Sachen Innovation, doch braucht man viel mehr Zeit, um sich in das Album hereinzufinden, als bei Gores „Counterfeit²“.

Anspieltipps:

  • Stay
  • Hold on
  • Bottle living
  • A little piece
  • Black and blue again
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