Metallica - St. Anger - Cover
Große Ansicht

Metallica St. Anger


  • Label: Mercury/UNIVERSAL
  • Laufzeit: 75 Minuten
Artikel teilen:
10/10 Unsere Wertung Legende
6.2/10 Leserwertung Stimme ab!

Man kann Metallica lieben oder hassen, ignorieren kann man sie aber auf gar keinen Fall. Und schon gar nicht dieser Tage, wo uns das achte Studioalbum der Bay-Area-Heroes bevorsteht. Denn noch nie hat ein Album Monate vor seiner Veröffentlichung derart für Aufruhr in der Szene gesorgt und solch ein Rauschen im Blätterwald ausgelöst, als „St. Anger“, dem ersten Werk nach der unschönen Trennung von Bassist Jason Newsted am 17. Januar 2001.

Metallica zählen seit ihrem thrashigen Debüt „Kill ’em all“ vor sage und schreibe 20 Jahren zu den einflussreichsten Metal-Bands der 80er und 90er Jahre. Schnell übersprang man mit richtungsweisenden Alben wie „Ride the lightning“ (1984) und „Master of puppets“ (1986) den Status einer Kultband zur ersten massenkompatiblen Heavy-Metal-Band. Heute kaum mehr vorstellbar, aber als James Hetfield (Vocals, Gitarre), Lars Ulrich (Drums), Kirk Hammett (Gitarre) und Jason Newsted (Bass), der den bei einem tragischen Unfall ums Leben gekommenen Cliff Burton ersetzte, 1988 ihr progressives Meisterwerk „… And justice for all“ veröffentlichten, wurden sie von den Fans der ersten Stunde beschimpft, sich dem Mainstream zugewandt zu haben und mit dem Videoclip zur Single „One“ Ausverkauf und Verrat am Metal zu begehen. Wenn diese Leute damals schon gewusst hätten, dass die Gruppe mit ihrem fünften Album „Metallica“ (1991) zur größten Heavy-Metal-Band aller Zeiten aufsteigen und unfassbare 18 Millionen Einheiten uns Volk bringen würde, sie hätten vermutlich verschämt geschwiegen. So aber knackten die vier Jungs aus San Francisco weltweit die Charts und promoteten Hitsingle um Hitsingle mit einer schier endlosen Tournee rund um den Globus, von der das üppige Box-Set „Live shit: Binge and purge“ (1993) zeugt.

Doch irgendwann geht auch der schönste Traum vorüber und es wird Zeit für ein neues Album, das 1996 das Licht der Welt erblickte und auf den Namen „Load“ hörte. Die Band zeigte sich gewandelt und versuchte bluesige Rhythmen mit hartem Metal zu kombinieren, was nicht überall auf Gegenliebe stieß. Trotzdem stieg „Load“ von Null auf Eins in die Billboard-Charts ein und verkaufte in acht Wochen mehr als drei Millionen Einheiten. Nur ein Jahr später erschien der Nachfolger „ReLoad“, der größtenteils aus den „Load“-Sessions übriggebliebene Songs verarbeitete und relativ schwache Reviews erhielt. Doch als wenn dieses Recycling noch nicht genug Tribut an die schnelle Mark war, schob man bereits zwölf Monate später ein Album mit B-Seiten, Raritäten und Coverversionen („Garage Inc.“) und ein weiteres Jahr später ein „klassisches“ Live-Album, zusammen mit dem San Francisco Symphony Orchestra, nach („S&M“). Trotz überdurchschnittlicher Verkaufszahlen kannte die Kritik an Metallica keine Grenzen mehr. Die alten Anhänger hatten sich angesichts der unnatürlichen Anbiederung an den Mainstream verabschiedet und der Gelegenheitsfan sah sich aufgrund der Veröffentlichungsschwemme überfordert. Es war Zeit für eine Pause, die die Band für einen langen (und zudem ergebnislosen) Rechtsstreit gegen die Betreiber der Internet-Tauschbörse Napster und zu zähen (aber erfolgreichen) Vertragsverhandlungen mit ihrer Plattenfirma „nutzte“.

In dieser Phase des musikalischen Stillstandes kam es zu einer bandinternen Katastrophe. Bassist Jason Newsted wollte die Zeit nutzen, sein Soloprojekt „Echobrain“ zu verwirklichen und das Debütalbum seiner Zweitband auf den Markt bringen. Das stieß bei der Metallica-Führungscrew Ulrich/Hetfield auf keinerlei Gegenliebe. Man verbot Newsted schlicht und ergreifend Aktivitäten außerhalb Metallicas, was der Bass-Derwisch zum Anlass nahm, die Gruppe kurzerhand zu verlassen. Trotzdem ging das verbliebene Trio einige Monate später ins Studio, um mit den Aufnahmen eines neuen Albums zu beginnen. Doch im Spätsommer 2001 ereilte die Fangemeinde die nächste Hiobsbotschaft. James Hetfield ließ sich auf eigenen Wunsch in eine Entzugsklinik einweisen, um seiner außer Kontrolle geratenen Alkohol- und Drogensucht Herr zu werden. Damit war die Band nicht nur in eine Krise geraten, sondern stand auch unmittelbar vor dem Aus. Der Dinosaurier des Heavy Metal wankte beträchtlich und es dauerte Monate, bis Entwarnung gegeben werden konnte. Im Februar 2002 kehrte James Hetfield zurück, doch erst ab Mai fing die Band wieder an, Musik zu machen. In den ersten drei Monaten nach Hetfields Rückkehr taten Lars Ulrich, Kirk Hammett und James Hetfield nichts anderes, als miteinander zu reden und die Bandsituation zu analysieren.

Zwischen Mai und Oktober 2002 schrieben Metallica circa 35 Songs, von denen eine Auswahl getroffen werden musste, die stark genug für ein Album sein könnte. Jedes Bandmitglied sollte sich ein Wochenende lang Gedanken machen, welche Songs es favorisierte. Am nächsten Montag präsentierten alle ihre Listen, auf denen jeder vier gleiche Songs stehen hatte – die schnellsten Stücke, die die Band bis dato geschrieben hatte. Damit war die Marschroute klar und das Songwriting konzentrierte sich in den nächsten Wochen ausschließlich auf harte, schnelle Metal-Songs, ohne Schnickschnack. Aber es gab ein Problem. Wer sollte neuer Bassist bei Metallica werden? Zwar gab es diverse Auditions und tonnenweise Bewerbungen, doch der richtige Kandidat war nicht darunter. Aus diesem Grund spielte Bandkumpel und Produzent Bob Rock sämtliche Bass-Parts auf „St. Anger“ ein, ehe man am 24. Februar 2003 den Nachfolger von Jason Newsted präsentierte: Robert Trujillo (Ex-Suicidal Tendencies) wurde der Ozzy-Osbourne-Band abgeworben und als neues Mitglied verpflichtet. Trujillos freigewordenen Posten bei Ozzy Osbourne übernahm indes kein geringer als Jason Newsted, was einer gewissen Ironie nicht entbehrt, aber das ist eben Rock ’N Roll!

Anfang Januar wurden den Vertretern der Presse im neuen Metallica-Hauptquartier im kalifornischen San Rafael insgesamt sieben der elf „St. Anger“-Songs vorgespielt, die durch die Bank verblüfftes Staunen ernteten. Metallica haben auf ihrem neuen Album nicht nur zu alter Härte zurückgefunden, sondern auch sämtlichen Schnickschnack aus ihren Kompositionen ersatzlos gestrichen. Die Songs sind teilweise ultraschnell, es gibt keine Balladen, keine Hitsingles und kein einziges Gitarrensolo zu hören. Und obwohl sich diese höllische Kombination nach kommerziellem Selbstmord anhört, warten Millionen Metallica-Fans seit endlosen Monaten auf die Veröffentlichung der „heiligen Wut“. Diese wurde dann ganz plötzlich um ein paar Tage vorgezogen, um den Internetpiraten ein Schnippchen zu schlagen. Und so enterte das mit einer zusätzlichen DVD, auf der das ganze Album live im Studio nachgespielt wird, ausgestatte Werk mitten in der Woche, am 5. Juni 2003, die Plattenläden der Welt.

Das Album startet mit einem furiosen Stakkato-Riff-Monster namens „Frantic“. Die Gitarren kreischen, der Bass bollert und Lars Ulrich bearbeitet sein Schlagwerkzeug mit fetten Double-Bass-Attacken und einer blechern klingenden Snare-Drum. Dazu brüllt sich James Hetfield seinen Frust hysterisch vom Leib („Frantic, tick, tick, tick. tick, tick, tick, tock...“) und führt den Song durch seine relativ komplizierte Struktur. Beim folgenden Titeltrack geht es ähnlich verschachtelt zu Werke, was allerdings nicht bedeutet, dass das gnadenlose Gedresche ein Ende hätte. Jetzt geht’s erst richtig los! In 7:24 Minuten werden neue Geschwindigkeitsrekorde im Hause Metallica aufgestellt. Lediglich von einigen kleinen Breaks unterbrochen, wühlt sich die Band durch eine Speed-Metal-Perle vor dem Herrn und zitiert alte „Damage Inc.“-Zeiten. Bei Titel Nummer drei, „Some kind of monster“, wird das Tempo vorerst etwas rausgenommen. Die Gitarren klingen unheimlich tief, fast schon in Richtung Stoner-Rock gehend. Das Stück schleicht sich wie ein Raubtier an und es dauert satte zwei Minuten, bis der Gesang einsetzt und Mr.-Angry-Voice sich erneut auskotzen darf. In den über acht Minuten wechseln Tempo und Rhythmus unzählige Male. Der Song klingt absolut böse, eben wie ein echtes Monster.

„Dirty window“ ist ein weiterer Speedbolzen, der sich in Mark und Bein bohrt und sogar mit einem eingängigen Refrain aufwarten kann. Lars Ulrich leistete beim Einspielen eine aberwitzige Performance, die auf der beigelegten DVD zu beobachten, ein echter Genuss sein dürfte. Es folgt mit „Invisible kid“ ist ein weiteres acht-Minuten-plus-x-Monster. Selbstredend wird auch hier drauflos gekloppt, als gäbe es kein Morgen. Die Riffs haben reichlich Trash-Charakter und werden tief und böse heruntergeschrubbt. Die Drums klingen, als ob Ulrich auf ein leeres Ölfass einschlagen würde. Ein Sound, der aus einer Unachtsamkeit beim Präparieren des Schlagzeugs entstanden ist und sich wie ein roter Faden durch das gesamte Material zieht. Manchmal basiert große Kunst eben auf Zufälle. „My world“ ist ein Groove-orientierter Trash-Song, der keine Zeit zum Durchatmen lässt. Hyperschnelle Parts lösen sich mit Riffwalzen ab, die den Song immer wieder runterbremsen, um danach noch mehr Fahrt aufzunehmen. Mit zunehmender Spielzeit wird das Geschehen immer abgedrehter und pendelt stetig zwischen irrsinnigen Uptempo-Parts und mächtigen Mid-Tempo-Kanonaden.

Auch „Shoot me again“ groovt wie die Hölle. Erstmals nimmt man auch das Bassspiel in einem Metallica-Song bewusst war, was für Jason Newsted wie ein Schlag in die Magengrube sein muss. Der Mann, der in 14 Jahren lediglich zwei Songwritercredits für sich verbuchen konnte und dessen Sounds von Bob Rock regelmäßig in den Hintergrund gemischt wurden, darf nun miterleben, wie Songs à la „Shoot me again“ vor Bass-Grooves nur so strotzen. Dazu dengelt der kleine Mann aus Dänemark wieder auf seinen Blecheimern herum und Hetfield grunzt „Shoot me again I ain’t dead yet!“. Soviel Coolness auf einmal geht eigentlich gar nicht. Aber Metallica machen es möglich! Im Prinzip ist man nach dieser geballten Ladung bereits fix und fertig. Aber es steht uns noch der Rausschmeißer „All within my hands“ bevor. Dieser beginnt mit einem atmosphärischen Intro, getragen von langsamen Schlagzeugspiel, bis Hetfields Stimme plötzlich wie ein Eisberg aus der See heraussticht. Das Tempo ist ultraschnell und schlägt Haken wie ein Karnickel auf der Flucht. Wem dabei nicht schwindelig wird, nennt tägliches Achterbahnfahren sein Hobby. Am Ende schreit Hetfield wie ein Besessener „Kill kill kill kill!“, was man durchaus nachvollziehen kann.

Metallica, einst altgewordene Hardrocker, haben eine 180-Grad-Wendung vollzogen. „St. Anger“ klingt wie nichts, was die Band bisher gemacht hat. Wir haben es mit einem modernen, super-brutalen Metal-Album zu tun, das die Musikszene aufmischen wird. Mit bemerkenswerter Konsequenz präsentiert das Heavy-Metal-Schlachtschiff 75 Minuten derben Speed- und Thrash-Metal von unglaublicher Intensität. Anhänger von „Load/ReLoad“ werden damit voraussichtlich kaum etwas anzufangen wissen, sich vielleicht zu Tode erschrecken ob der brutalen Härte, mit der die Herren auf „St. Anger“ zu Werke gehen. Allein dem Mut des Vierers, am vermeintlichen Scheideweg der Karriere eine dermaßen aggressiv vorgetragene, künstlerische Kehrtwende zu vollziehen, gebührt jeglicher Respekt. Deshalb kann man diese Platte nur lieben oder hassen. Dazwischen gibt es keinen Spielraum!

Anspieltipps:

  • Frantic
  • My world
  • Dirty window
  • Shoot me again
  • All within my hands
  • Some kind of monster
Neue Kritiken im Genre „Heavy Metal“
7/10

Restless And Live
  • 2017    
Diskutiere über „Metallica“
comments powered by Disqus