Radiohead - Hail To The Thief - Cover
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Radiohead Hail To The Thief


  • Label: Parlophone/EMI
  • Laufzeit: 56 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
6.4/10 Leserwertung Stimme ab!

Unverkennbar Radiohead in absoluter Topform.

Es ist ja nun gar nicht leicht, eine neue Platte von Radiohead zu bewerten und dabei vollkommen objektiv zu bleiben. Oft genug haben sie einen geschockt, irritiert und dann doch wieder versöhnt mit Meisterwerken der progressiven Rockmusik. De facto haben die Oxforder trotz aller Verschrobenheit auf Konzeptalben wie „Kid A“ noch kein schlechtes Album abgeliefert und sich stets in neuen Inkarnationen gezeigt. War man anfangs noch eine Rockband im klassischen Sinne mit Songs wie „Creep“ im Gepäck, entwickelte man sich auf „OK Computer“, dem heute als Meisterwerk der Engländer geltenden Drittwerk, zu einer innovativen, zutiefst melancholischen britischen Vorzeige-Band, deren Verkaufserfolge für sich sprachen. Doch um nicht dem Kommerz zu verfallen, erschütterte man die Fans mit den beiden Alben „Kid A“ und „Amnesiac“, die innerhalb von acht Monaten veröffentlicht wurden, und nur noch ansatzweise Songstrukturen und konventionelle Harmonien erkennen ließen.

Zwei Jahre sind jetzt vergangen seit dem letzten Studioalbum, und natürlich ist es sehr spannend, was Radiohead denn auf ihrem neuesten Werk für einen Weg einschlagen würden. Jazz? Klassik? Rock'n'Roll? Pop? Hört man sich jedoch „Hail to the thief“ an, werden alle Erwartungen überrascht. Das sechste Album ist anders. Es wendet sich dem Rock'n'Roll zu, ja, aber hier mündet nichts in breitbeinigen Klischee-Brei, sondern in originellen Song-Epen wie der ersten Single „There There“ mit rätselhaften Lyrics wie „We’re accidents waiting to happen“. Dazu Gitarren, wie man sie zwei Alben lang vermisste und die jetzt klarer erklingen als je zuvor. „2+2=5“, der Opener, könnte eigentlich auch ein Rocksong sein, aber er ist dermaßen neu und eigentümlich, dass er dann doch nur eins ist: Radiohead.

Aber „Hail To The Thief“ ist nicht die Rockplatte geworden, die sich manch einer erwartet bzw. erhofft hätte. Oft genug wie in „The gloaming“ und „Backdrifts“ dominieren antike Synthesizer und ein Thom Yorke mit einer teilweise völlig entstellten Stimme. Lieder, die an die letzten beiden Alben gemahnen und nur sehr dezent an Songs im klassischen Sinne erinnern. Und ein Lied wie „Myxamatosis“ haben die Engländer um Sänger Yorke eigentlich noch nie gemacht: Dominiert von dämonischen Prodigy-ähnlichen Beats ruft der Song eine schwer bedrohliche Atmosphäre hervor, die wohl nur Radiohead so schaffen können. Dazwischen Lieder wie das fantastische „Where I End And You Begin“, die all diese Tugenden verbinden zu einem entrückten Cocktail. Immer omnipräsent ist dabei natürlich Thom Yorkes verletzliche Stimme, die seit jeher einzige Konstante im verrückten Radiohead-Universum.

Ansonsten erwähnenswert: Das mit einprägsamer Pianolinie und rätselhaften Texten angereicherte „Sit Down, Stand Up“ sowie „Go To Sleep“, dessen Gitarre gar Country-Anleihen erkennen lässt und von der Melodie her an die Gitarrenseligkeit von „The Bends“ erinnert. Insgesamt ist es schwer, überhaupt an dieser Platte herumzukritteln. Mit „Sail To The Moon“ und „We Suck Young Blood“ haben sich zwar zwei extrem langsame und hochdepressive Songs eingeschlichen, die man nicht in der falschen Stimmung auflegen sollte und die manch einem übel aufstoßen werden. Ansonsten ist „Hail To The Thief“ mal wieder das geworden, was man von Radiohead eigentlich fast schon erwartet: ein Ausnahmewerk.

Denn bei aller Verschrobenheit wird’s hier nie zu kopflastig, das ganze Album umschwebt eine gewisse Eingängigkeit, die den Zugang zu den Liedern schneller erlaubt als noch zu „Kid A“-Zeiten. Radiohead bündeln hier alle ihre Stärken zu 14 atmosphärischen Songideen, die ständig neue Facetten offenbaren und endlich auch wieder wunderschöne Melodien beinhalten. Insgesamt ist „Hail To The Thief“ wegen seiner Vielschichtigkeit zwar nicht so stark wie „OK Computer“, wo man alle Energie in den modernen Rock'n'Roll steckte und so ein Meisterwerk kreierte. Dennoch ist es trotz aller stilistischen Vielfalt homogen, harmonisch und unverkennbar Radiohead in absoluter Topform.

Anspieltipps:

  • Sit Down.Stand Up
  • Where I End And You Begin
  • Go To Sleep
  • There There
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