Jewel - 0304 - Cover
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Jewel 0304


  • Label: Atlantic/WEA
  • Laufzeit: 54 Minuten
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6/10 Unsere Wertung Legende
5.3/10 Leserwertung Stimme ab!

„0304“ ist gewiss das mutigste Album im bisherigen Schaffen von Jewel.

Jewel Kilcher zählte bereits im Alter von 20 Jahren zu den talentiertesten und am meisten respektierten Singer/Songwritern der jüngeren Musikgeschichte. Ihre Alben verkauften weltweit mehr als 25 Millionen Kopien, wobei allein elf Millionen auf das Konto des Debüts „Pieces of you“ (1995) gehen, das über zwei Jahre am Stück in den amerikanischen Billboard-Charts gelistet war. Inzwischen sind einige erfolgreiche Jahre vergangen, in denen sich Jewel als Künstlerin etablieren konnte. Doch nun stehen die Zeichen auf Veränderung - und zwar so sehr, dass sich nicht nur Fans der Blondine aus Alaska heftig wundern werden.

Vor allen den Kennern des bisherigen Schaffens der 29-Jährigen, dürfte sich beim Anhören des neuen Albums „0304“, beziehungsweise beim Genuss des Videoclips zur Single „Intuition“, unweigerlich die Frage aufdrängen, welcher Teufel die Dame geritten hat, bzw. ob die Plattenfirma aufgrund stetig sinkender Verkaufszahlen dezenten Druck auf die Künstlerin ausgeübt hat, um die musikalische Ausrichtung und das öffentliche Erscheinungsbild des angeschlagenen Top-Sellers grundlegend zu überarbeiten. Denn mit ihrem fünften Album präsentiert Jewel einen urplötzlichen Stilwechsel, der anstelle von fragilem Folk-Rock und fröhlichen Country-Pop-Liedern, Dance-Pop-Elemente und ein rhythmisches Fundament aufbietet, das die musikalische Welt der Jewel Kilcher, wie wir sie kannten, behutsam, aber zielbewusst in neue Sphären führt. Dazu stellt Jewel im Video zur ersten Singleauskopplung ihre üppigen körperlichen Reize ungewohnt und beinahe aufdringlich zur Schau, was man in der Vergangenheit nur von untalentierten Pop-Eintagsfliegen kannte, die auf diese Art versuchten, ihre verzichtbaren Darbietungen zu promoten. Bei ernstzunehmenden Künstlern ist diese Zurschaustellung jedenfalls absolut unangebracht. Doch inzwischen ist es wohl so, dass auch hochtalentierte Songschreiberinnen zum Wahlspruch „Sex sells“ greifen, um ihre Platten unters Volk zu bringen. Oder will Jewel der Gesellschaft etwa auf ironische Weise einen Spiegel vorhalten? Eine Frage, die es noch zu klären gilt.

Unterstützung bei der Umsetzung ihrer Ambitionen erhielt die Singer/Songwriterin vom Produzenten Lester Mendez (Shakira, Santana, Dido), der Jewels Kompositionen offensiver und experimenteller als je zuvor arrangierte. Die Inspiration für diesen neuen Sound ging laut Jewel von dem Remix-Hit ihres Songs „Serve the ego“ von ihrem mit Platin ausgezeichneten Album „This way“ (2002) aus. Der Remix katapultierte Jewel erstmals in ihrer Karriere auf Platz 1 der US-Billboard Dance-Charts, was nun mit dem von Latino-Klängen beeinflussten „Intuition“ wiederholt werden soll. Selbst wenn die Chancen dazu nicht schlecht sind, muss man dem Gesamtwerk „0304“ leider attestieren, dass das hehre Ziel eines anspruchsvollen Dance-Pop-Albums nicht ganz aufgegangen ist. Jewels Songs klingen weiterhin am besten, wenn sie auf ihre natürlichen Markenzeichen vertraut und das immer noch vorhandenes Gespür für traumhafte Melodien mit klassischen Instrumenten wie Schlagzeug, Gitarre und Bass kombiniert. Bedauerlichweise werden diese bei einigen Songs von fetten Beats und perkussiven Versatzstücken zugekleistert, sodass von der ursprünglichen Idee nicht mehr viel übrig bleibt. Das daraus resultierende, für Jewel-Verhältnisse, ungewohnt niedrige Niveau, muss der Hörer bei vier bis fünf Songs ertragen, die besser als Single-B-Seiten aufgehoben wären. Zwar gibt es auch einige geglückte Ausflüge in den Dance-Bereich, wie das locker-flockige „Yes U can“ oder dem beherzt abrockenden „America“, wo die voluminösen Beats tatsächlich so etwas wie eine willkommene Abwechslung darstellen, doch im großen und ganzen ist das Experiment als gescheitert zu betrachten.

Wenden wir uns deshalb lieber den Songs zu, wie wir sie bei Jewel schätzen und lieben gelernt haben, nämlich Gitarren-orientierter Pop mit viel Sinn für Harmonien und feinen Melodien, von denen es gerade im Mittelteil des Albums nur so wimmelt. So schleicht sich „2 find U“ sehr gemächlich an den Hörer heran, bis sich beim Refrain eine Hookline entlädt, die den Song in den Olymp moderner Popmusik hebt. „Fragile heart“ ist im Prinzip eine typische Jewel-Ballade mit herzerweichender Melodie und wunderschönen Vocals. Einziger Unterschied zu früheren Zeiten ist der bollernde Bass, an dem man sich im Zusammenhang mit einer Ballade erst mal gewöhnen muss. Auch „Doin‘ fine“ könnte vom Grundsatz her auf den bisherigen Jewel-Platten zu finden sein. Es handelt sich um einen beschwingten Popsong, den Jewel mit ihrer so gern gehörten, kindlichen Stimme vorträgt. Der Höhepunkt des Albums ist allerdings „2 become 1“, eine hymnische Halbballade, die Jewel zusammen mit Guy Chambers (Robbie Williams, Skin, Melanie C.) in England schrieb. Wie von etlichen Robbie-Williams-Singles gewohnt, bekommt man mit „2 become 1“ perfektes Radiofutter geboten, das einem zu jeder Tages- und Nachtzeit ein Lächeln aufs Gesicht zaubert. Ein wunderbares Stück Musik, das für diverse Ungereimtheiten auf „0304“ entschädigt!

„0304“ ist gewiss das mutigste Album im bisherigen Schaffen von Jewel. Es stellt einen mehr als heftigen Flirt mit der Dance-Pop-Sparte dar, den es erst mal zu verdauen gilt. Ohne weiteres könnte man das Album nach dem ersten Hördurchgang aus dem CD-Player schmeißen und gnadenlos verreißen. Damit würde man der Künstlerin allerdings Unrecht tun. Denn selbst wenn die Dance-Einflüsse auf Anraten des Plattenlabels erfolgten, kann man Jewel nicht des Ausverkaufs bezichtigen. Obwohl so manche Komposition im neuen Gewand austauschbar und beliebig klingt, muss man Jewel zu Gute halten, dass sie versucht hat, das Beste aus der Situation zu machen. Auf jeden Fall wird es interessant zu beobachten sein, wie die Fans mit der Veränderung umgehen werden.

Anspieltipps:

  • Stand
  • 2 find U
  • Becoming
  • 2 become 1
  • Fragile heart
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