Beyoncé - Dangerously In Love - Cover
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Beyoncé Dangerously In Love


  • Label: Columbia/SONY
  • Laufzeit: 69 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
4.2/10 Leserwertung Stimme ab!

In Anbetracht dieser geschmackvollen Songsammlung mögen einige „Dangerously in love“ als Abgesang auf Destiny’s Child sehen.

Wenn der amerikanische TV-Sender VH-1 einmal im Jahr für seine Divas-Reihe die weiblichen Stars des Music-Biz auf die Konzertbühne bittet, gibt es regelmäßig ein Treffen von etablierten Top-Acts und sogenannten One-Hit-Wondern, bei denen man sich fragt, was diese eigentlich bei der Veranstaltung zu suchen haben. Doch da es sich bei dem Event auch nur um eine verkappte Promotionshow handelt, ist es klar, dass die einzelnen Plattenfirmen so vielen Künstlern wie möglich zu einem werbewirksamen Auftritt vor einem Millionenpublikum im Glanze der Topstars und Megaseller verhelfen möchten. Aber wenn es gut läuft, dann vermögen solche Darbietungen dazu führen, dass bisher verschmähte Acts einen ungewohnt positiven Eindruck bei ihren Kritikern hinterlassen und fortan in einem anderen Licht gesehen werden. So geschehen bei Beyoncé Knowles, die bei ihrem kurzen Auftritt in der diesjährigen Show soviel Feuer und Begeisterung versprühte, dass das Publikum in Raserei verfiel und die versammelte Diva-Garde vor Neid erblasste.

Die 21jährige Beyoncé wuchs in Houston/Texas auf und ist sowohl Gründungsmitglied als auch Chef-Songwriterin von Destiny’s Child, einer der erfolgreichsten Girl-Groups aller Zeiten. Ihre zahllosen Hits (u.a. „Bills, bills, bills“, „Survivor“, „Say my name“), die größtenteils von Beyoncé mitgeschrieben und co-produziert wurden, resultierten in mehr als 33 Millionen verkauften Tonträgern. Für 2003 hat sich das Trio eine Pause verordnet, in der die Girls eigenen Projekten nachgehen. Während Kelly Rowland und Michelle Williams mehr (Kelly) oder weniger (Michelle) erfolgreiche Soloalben auf den Markt brachten, versuchte sich Beyoncé als Schauspielerin („Austin Powers In Goldmember“, „The Fighting Temptation“) und produzierte in Miami ebenfalls ihr erstes Soloalbum „Dangerously in love“. Ein beachtliches Aufgebot an musikalischen Mitstreitern hat Beyoncé bei diesem Prozess geholfen: Mit dabei sind u.a. Missy Elliott, Lebensgefährte Jay-Z, Sean Paul, Mark Batson, Mario Winans, D-Roy & Mr. B, Outkast’s Big Boi, Rich Harrison, Fanatic, Scott Storch und Soul-Legende Luther Vandross (bei dem Stück „The closer I get to you“). Beyoncé teilt sich die Co-Executive-Producer-Credits für das Album mit ihrem Vater und Manager Mathew Knowles. Sie übernahm aber auch eine große Rolle bei allen anderen Arbeitsschritten des Albums: Vom Songschreiben über die Materialauswahl und Produktion bis hin zum Mastern und Mixen der Tracks war sie dabei.

Gleich als Opener fungiert die grandiose Singleauskopplung „Crazy in love (Feat. Jay-Z)“. Für Jay-Z ist dies quasi der Gegenzug zu Beyoncés Part auf seiner Hitsingle „Bonnie & Clyde ’03“, die auf „Dangerously in love“ als Bonus-Track vertreten ist. Der Song, der auf einem Sample des Stücks „Are you my woman“ der 70er-Soulstars Chi-Lites aufbaut, besticht durch einen unwiderstehlichen Groove, live eingespielte Bläser-Riffs und einen Beat, von dem Beyoncé meint, „dass er so hart ist, dass er das Herz höher schlagen lässt“, womit die Dame zweifelsohne Recht hat. Und wer’s nicht glaubt, wird spätestens beim Sehen des Video-Clips überzeugt sein. Dieselbe Unbekümmertheit hört man auch „Speechless“ an, das von Fanatic produziert wurde. Der 6-Minuten-Song ist purer Sex, der laut Beyoncé zur Vermehrung der Bevölkerung beitragen wird: „Als ich den Track zum ersten Mal hörte, hat er mich inspiriert. Er ist sehr sexy, sehr sinnlich. Eine Art von Ballade, wie ich sie noch nie zuvor gemacht habe“. Die Noten bahnen sich wie heiße Lava ihren Weg durch die Boxen und laden förmlich zur Kopulation ein. Ein wirklich teuflischer Slow-Jam, bei dem auch der abgebrühteste Zeitgenosse rote Ohren bekommt. Mit einem Schuss orientalischer Atmosphäre, kantigem Ghetto-Sound und einem Sample von Giorgio Moroders/Donna Summers „Love to love you baby“ stellt „Naughty girl“ eine heiße Fantasie über eine Nacht dar, in der man all seine Hemmungen verliert, in den Club geht und zum „Naughty girl“ wird. Genauso sexy ist das Dancehall-beeinflusste und arabisch angehauchte „Baby boy (Feat. Sean Paul)“. „Ich wusste einfach, dass Sean Paul auf meinem Album dabei sein muss. ’Baby boy’ ist ein weiterer Song über Fantasien und einer meiner Favoriten“, so Beyoncé.

„HipHop star“ ist ein schwülstiger Dancefloor-Filler mit leicht rockigen Elementen, oder, wie Beyoncé es beschreibt, „eine Mischung aus Marilyn Monroe, Rock und HipHop“, der von einer Reihe beschaulicher R&B-Stücke gefolgt wird („Be with you“, „Me myself and I“, „Yes“, „Sings “), ehe mit „That’s how you like it“ eine weitere Kollaboration mit Jay-Z ansteht. Der Track hat einen fett pumpenden Beat, der die feinen Harmonien in Beyoncés Stimme zusammen mit den Raps von Jay-Z in einen singletauglichen Popsong transportiert. Zum Schluss erwarten den Hörer noch die beiden Singleauskopplungen „Bonnie & Clyde ’03“ vom aktuellen Jay-Z-Album, sowie „Work it out“ vom „Austin Powers in Goldmember“-Soundtrack. Ähnlich wie „Crazy in love“ wartet „Work it out“ mit fetten Bläser-Riffs auf, wie sie in der Popmusik viel zu selten Verwendung finden. Das Stück besitzt einen unerhörten Funk-Groove, der nur von Beyoncés unglaublicher Soulröhre übertroffen wird. Wer dabei still sitzen kann, ist ein Fall für den Orthopäden!

In Anbetracht dieser geschmackvollen Songsammlung mögen einige „Dangerously in love“ als Abgesang auf Destiny’s Child sehen. Doch diesen Gedanken möchte Beyoncé gar nicht erst aufkommen lassen: „Ich liebe Destiny’s Child und ich bin Mitglied dieser Gruppe. Wir haben uns nicht aufgelöst. Wir werden weiterhin auf Tour gehen, aufnehmen und eine Band sein. Schon vor langer Zeit haben wir beschlossen, dass wir auch Solosachen machen werden. Ich bin nun die Dritte im Bunde, die ihr eigenes Material veröffentlicht. Wenn man andere Dinge nebenher macht, bringt das frischen Wind in die Sache. Ich versuche nicht, mich von Destiny’s Child und dessen Vermächtnis zu entfernen“. Nehmen wir das Album deshalb einfach als einen anderen Ansatz für die Reife, die Beyoncé in der Zwischenzeit erlangt hat. Die CD vereint alles, was man von Beyoncé erwarten konnte und viel mehr als was man zu hoffen wagte. Es zeigt uns zum ersten Mal eine völlig andere Seite einer Person, die man bereits seit Jahren aus Funk und Fernsehen kennt. „Dangerously in love“ setzt sich in etwa zu gleichen Teilen aus charmanten Mid-Tempo-Stücken, ausgezeichneten Balladen und heißen Clubnummern zusammen, stets mit dem Focus auf Beyoncé als Sängerin, als Frau und als ernsthafte Künstlerin. Der Vibe ist reifer, leidenschaftlicher und draufgängerischer, als das, was wir von Beyoncé respektive Destiny’s Child bislang kannten. „Dangerously in love“ ist der Sound einer erwachsenen Frau, die ihre Ziele klar absteckt und ihr eigenes Ding durchzieht. Es ist aber auch ein Album mit einigen herausragenden und vielen überdurchschnittlichen Songs, das für Pop- und R&B-Fans gleichermaßen empfehlenswert ist, da es nicht auf ausgelatschten Pfaden wandelt, sondern einige neue Facetten und Überraschungen einbringt, die sich lohnen angehört zu werden.

Anspieltipps:

Speechless
Work it out
Crazy in love
Bonnie & Clyde ‘03
That’s how you like it

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