Wir Sind Helden - Die Reklamation - Cover
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Wir Sind Helden Die Reklamation


  • Label: Labels/EMI
  • Laufzeit: 47 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
6.1/10 Leserwertung Stimme ab!

Was ist denn da los? Da erscheint vor ein paar Monaten die Debütsingle einer deutschsprachigen Pop-Gruppe und ausnahmslos jeder findet sie gut. Der Song hieß „Guten Tag“ und die Band dazu „Wir Sind Helden“. Deren Abgesang auf den Kapitalismus passte genau ins jammervolle Bild einer Republik in der Rezession und sorgte rasch für begeistertes Rauschen im Blätterwald. Besuche in Talk-Shows und Huldigungen im Feuilleton großer Tageszeitungen gehören seitdem zum Band-Alltag, sodass die Hype-Alarmglocken spätestens jetzt auf Empfang geschaltet sind. Gilt es doch anhand des ersten Albums „Die Reklamation“ zu überprüfen, ob die Wahl-Berliner mehr als nur einen guten Song zu bieten haben, oder mit der ersten Single bereits ihr Pulver verschossen haben.

Doch so allarmierend das Ballyhoo im Vorfeld einzuschätzen war, so gelungen ist das Album-Debüt von Judith Holofernes (26, Gesang/Gitarre), Mark Tavassol (29, Bass), Jean-Michel Tourette (27, Keyboard/Gitarre) und Pola Roy (27, Schlagzeug) im Nachhinein einzuordnen. Mit erstaunlicher Vielseitigkeit, zwischen zackigem Rock, aufgedrehtem Synthie-Pop und NDW-Reminiszenzen, balanciert das Quartett durch bezaubernde Ohrwürmer („Aurilie“, „Müssen nur wollen“), kleine Verrücktheiten („Monster“, „Rüssel an Schwanz“), gewitzten Gesellschaftsbeobachtungen („Die Zeit heilt alle Wunder“, „Heldenzeit“) und wunderschönen Balladen („Die Nacht“, „Außer dir“). Dabei fällt auf, dass Wir Sind Helden sehr großen Wert auf die mehrheitlich von Judith Holofernes verfassten Texte legen, was schon der ungewöhnliche Beipackzettel der Plattenfirma im DIN A3-Format deutlich macht, auf dem die Texte der zwölf Songs inklusive kleiner Erklärungen abgedruckt sind und der beim Hören des Albums stetig im Einsatz ist, um bloß nichts von den subtilen Feinheiten zu verpassen. Denn es prasseln reihenweise Sprüche für Poesiealben und Bahnhofsklos, für Liebesbriefe und Protestplakate. Holofernes jongliert mit der deutschen Sprache, dass es eine Wonne ist, zuzuhören.

Dazu umschmeicheln den Hörer Songs wie ein warmer Sommerwind aus poppigen Melodien und einfallsreichen Instrumentierungen, mit denen die Band eine perfekte Mischung aus ansprechenden Poptiteln und leicht verdaulichen Hitsingles kredenzt. Kein Spur dabei von Neo-NDW-Müll der Marke Mia, 2Raumwohnung oder Paula, denn Wir Sind Helden haben die Songs, die ins Ohr gehen, die zum Mitsingen animieren und bei denen eine gute Message eine gute Melodie nicht ausschließt. Ein Cocktail, von dem man gar nicht genug bekommen kann. Und falls doch, bieten die Berliner gleich Hilfe an: „Lassen sie uns durch, wir sind Arzt!“

Anspieltipps:

  • Denkmal
  • Außer dir
  • Guten Tag
  • Müssen nur wollen
  • Die Zeit heilt alle Wunder
  • Du erkennst mich nicht wieder
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