Killing Joke - Killing Joke - Cover
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Killing Joke Killing Joke


  • Label: Zuma Recordings/SONY
  • Laufzeit: 56 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5.2/10 Leserwertung Stimme ab!

Ständige Line-Up-Wechsel, mittelmäßig erfolgreiche Alben, Stress mit Fans und Fachpresse, Bandauflösungen und Reunions – der Werdegang der britischen Rockband Killing Joke ist alles andere als harmonisch verlaufen.

Auf Initiative von Sänger und Keyboarder Jaz Colman sowie Drummer Paul Ferguson entstanden Killing Joke Anfang 1979 in London. K. „Geordie“ Walker (Gitarre) und Martin „Youth“ Glover (Bass) vervollständigten das Gründungsquartett, das sich auf der selbstproduzierten EP „Ha“ vorstellte. Der schnell wachsenden Live-Reputation und ihrem scharfkantigen Gitarrenrock verdankten Killing Joke anschließend ihren ersten Plattenvertrag. Das erste „rohe, aggressive und vitale“ (Melody Maker), nach der Band benannte Album erschien 1980 und machte den schwer einzuordnenden Sound zwischen ungeschliffenem Punk und massivem Metal Rock über Nacht bekannt. Den daraus resultierenden kargen Rockstil nutzten Killing Joke zu kritisch-ironischen, politischen Texten. Die Kompositionen entstanden ausschließlich in Teamarbeit und auch die Produktionsregie wurde anfangs von den vier Musikern bestimmt, die mit ihren schwer konsumierbaren Werken offenbar „die Menge zur Raserei treiben wollten“ (Time).

Erste Tourneen auf dem europäischen Kontinent und durch die Vereinigten Staaten erhoben Killing Joke weltweit in den Kultstatus. Die grelle Alltagsmonotonie, kombiniert mit einer bedrohlichen Melodik, dominierte die nachfolgenden Alben der Band. Obwohl Killing Joke mehr und mehr der fortschreitenden Studiotechnik und dem erfolgversprechenden Gitarrentrend folgten, blieb ihr Sound eine Mischung aus Paranoia, Träumen und Besessenheit, unterlegt mit Alptraumrhythmen. Doch ebenso wüst wie der Sound der Band einzuordnen war, verlief die Karriere der Musiker ab. So verschwand Leadsänger Coleman plötzlich und folgte der Faszination des Okkultismus. Er ging nach Island und schloss sich einer lokalen Rockband an. Killing Joke brachen daraufhin auseinander, tauchten aber alle paar Jahre in verschiedenen Besetzungen auf der Bildfläche auf und veröffentlichten neue Alben. 1986 realisierten sie die LP „Brighter than a thousand suns“, auf der sie ihre Fans mit Dance Floor-Beats und Synthesizern verschreckten und versuchten mit Macht ihr Düster-Image abzulegen. Killing Joke verloren dabei langsam ihre Identität und damit ihren Einfluss, auf den sich Bands wie The Cult, Ministry, Skinny Puppy, Metallica oder Soundgarden berufen.

Coleman, Geordie, Raven und Atkins nahmen als Killing Joke im Herbst 1990 einen neuen Anlauf und schienen bei „Extremities, dirt and various repressed emotions“ zu alter Stärke zurückzufinden. Wieder in Originalbesetzung veröffentlichte die Band die Alben „Pandemonium“ (1994) und „Democracy“ (1996), mit denen sie zum granitharten Gitarrenrock zurückkehrten. Jetzt erscheint endlich Killing Jokes selbstbetiteltes neues Album, das erst seit acht Jahren. „Killing Joke“ wurde von Andy Gill (Gang Of Four, Red Hot Chilli Peppers) produziert und wartet mit einer kleinen Sensation auf. Kein geringerer als Dave Grohl (Ex-Nirvana, Foo Fighters) spielt auf dem Album Schlagzeug!

Killing Joke eröffnen ihr neues Werk mit dem knapp sieben Minuten langen Riffmonster „The death & resurrection show“, bei dem natürlich (!) das akzentuierte Drumming von Dave Grohl ins Ohr sticht. Doch das Stück hat mehr zu bieten. Dramatisch wie ein Song der Queens Of The Stone Age, gepaart mir Foo-Fighters-Gitarren, türmt sich vor dem Hörer ein zähes Rockbiest auf, durch das sich Sänger Jaz Colman wie ein Berserker pflügt. Mal klar und hoch singend, dann wieder bitterböse brüllend, verleiht er dem Song eine „Songs for the deaf“-Gänsehautatmosphäre wie es sich für einen amtlichen Opener gehört. „Total invasion“ geht in Richtung Schock-Rock, allerdings ohne in Marilyn-Manson-Regionen abzudriften. Die Gitarren sägen und grollen dumpf. Der Drum-Beat schleppt sich wie Lava und Jaz Coleman variiert zwischen horror-artigem Flüstern und bösem Gegrunze, wie wir es von Motörheads Chef-Warze Lemmy (Motörhead) kennen.

Ging es bisher eher gemächlich zu Werke, drücken Killing Joke bei „Asteroid“ erstmals auf die Speed-Tube. Im kürzesten Song der Platte gibt Grohl einen fetten Drum-Beat vor, dem Youth und Geordie hinterher preschen. So muss harte Rockmusik sein: Kurz und prägnant auf den Punkt gespielt. Damit scheint die Band ihr Tempo gefunden zu haben, denn „Implant“ überfährt den Hörer mit hyper-nervösen Stakkato-Riffs und dem typischen Grohl-Gedresche, das man unter Dutzenden Schlagzeugern heraushören würde. Dazu brüllt sich Coleman stellenweise die Seele aus dem Leib, das man es mit der Angst zu tun bekommt. Wenn Dave Grohls Heavy-Metal-Projekt Probot (ist für Ende des Jahres angekündigt) genauso klingt, dann gnade uns Gott!

Mit „Blood on your hands“ und „Loose cannon” folgen zwei weitere Riff-Attacken. Während erstgenannter Song das Tempo der vorherigen Stücke weiterführt und von Grohls wilden Drumming angetrieben wird, rumpelt „Loose cannon“ wie ein Traktor über einen Feldweg, verarbeitet hier und da ein paar an Fear Factory erinnernde Electronica-Spielereien und verrät dem Hörer nebenbei, dass Jaz Coleman sich selbst für ein „Urban animal“ hält. Aber Killing Joke können nicht nur tierisch rocken. Offensichtlich haben die Herren auch an eine Singleauskopplung gedacht, denn die Rock-Hymne „You’ll never get to me“ vereint alles, was es braucht, um a.) ins alternative Musikfernsehen zu kommen und b.) Open-Air-Festivals zu rocken: Eine eingängige Melodie, ein nicht zu harter Sound und einem mitgrölfähigen Refrain - fertig ist der Independent-Hit!

„Killing Joke“ ist ein sehr gradliniges Album ohne echte Schwächen. Die Band harmoniert prächtig miteinander, wobei vor allem das hervorragende Schlagzeugspiel von Dave Grohl und der abwechslungsreiche Gesang von Jaz Colemann herausstechen. Überhaupt lehnt sich das gesamte Werk stark an die Sounds von Bands wie den Foo Fighters (Gitarren) und Queens Of The Stone Age (Drums, Atmosphäre) an. Ob dies am Einfluss von Herrn Grohl liegt, oder ganz einfach den aktuellen Vorlieben der Musiker entspricht, sei dahingestellt. Wer hochwertigen (Alternative-)Rock im Stile der genannten Gruppen mag, wird mit „Killing Joke“ nicht enttäuscht. Das Album ist die ideale Zwischenmahlzeit bis zum nächsten QOTSA-Album und eine Wohltat für Nu-Rock gepeinigte Ohren.

Anspieltipps:

  • Loose cannon
  • Total invasion
  • Blood on your hands
  • You’ll never get to me
  • The death & resurrection show
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