The Coral - Magic And Medicine - Cover
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The Coral Magic And Medicine


  • Label: Epic/SONY
  • Laufzeit: 38 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Mein Gott! Ist es schon wieder so weit? Nur ein Jahr nach ihrem selbstbetitelten Debütalbum meldet sich die sechsköpfige Weirdo-Rasselbande aus dem Nest Hoylake, Merseyside an der Westküste Englands mit Werk Nummer 2 auf den Plattentellern zurück. Dabei hat man den Erstling der jungendlichen Dope-Nasen noch gar nicht verdaut.

Vor sechs Jahren formierte sich die Band aus einer Gruppe von Schulfreunden an der Hillbury High im beschaulichen Hoylake. In der Band-Bio heißt es dazu ebenso blumig wie die Musik der Engländer klingt: Die Brüder James und Ian Skelly luden ihren zukünftigen Gitarristen Lee Southall nach Hause auf eine Tasse Tee ein und machten ihrer Mutter weiß, es handele sich bei dem Gast um einen Kosovo-Flüchtling. Irgendwann gabelten sie dann Paul Duffy (Bass, Saxophon), Nick Power (Orgel) und Bill Ryder-Jones (Gitarre, Trompete) auf. Gemeinsam studierten sie eine Handvoll alter Lieblingssongs ein (hauptsächlich von Oasis) und schrieben einige neue, über Piraten, über Sheriffs und über Männer, die wie Pflanzen aussehen. Die Band verkroch sich in einem verlassenen Bunker am Meer, um dort bis an die Schmerzgrenze zu üben – und (ganz wichtig!!) zu rauchen. Über Teilzeit-Jobs deckten sie die Kosten ihres musikalischen Unternehmens und hauten zwischendurch ein Demo nach dem anderen raus. Es war schließlich Alan Wills (Shack), der sich The Coral annahm und quasi nur wegen ihnen das Label Deltasonic gründete, nachdem er Zeuge einer Bandprobe geworden war.

Danach ging es rasend schnell. Nach einigen EPs veröffentlichten The Coral ihr preisgekröntes Debütalbum, das es bis auf Platz 5 der UK-Charts schaffte und immerhin 100.000 Einheiten absetzen konnte. Darauf verbanden sie einen musikalischen Gemischtwarenladen aus Blues, Krautrock, BritPop und Folk zu energiereichem Retro-Rock, wobei Orgeleinsatz und Psychedelica darauf schließen lassen, dass die Burschen beim Kramen in der Plattensammlung ihrer Eltern besondere Freude an alten Doors-Platten gefunden hatten. Schnell wurden die Pseudo-Hippies mit dem unbegreiflichen Sixties-Sound zu den wichtigsten Bands Englands erklärt. Das Schlagwort vom Eklektizismus machte als Versuch einer Sound-Definition die Runde. Überhaupt Eklektizismus! Gibt es eigentlich ein widerlicheres Rezensenten-Angeberwort als Eklektizismus? Na ja, geschenkt! Die Musik von The Coral zu beschreiben ist jedenfalls kein leichtes Unterfangen. Und wer dieser Tage hip sein will, muss eben eine gewisse Leidensbereitschaft mitbringen.

Schon der Opener „In the forest“ ist dermaßen Doors-inspiriert, dass einem die Ohren übergehen. Die Sixties-Orgel wabert dunkel und James Skelly’s Gesang kommt mit viel Hall aus den Boxen, sodass man das „Crystal ship“ bzw. den „Spanish caravan“ deutlich vor sich sieht. Das spricht natürlich für das Melodieverständnis des Sextetts, das mit „Liezah“ noch einen draufsetzt und einen super-eingängigen Hippiesong auf der Akustischen runterschrubbt. Danach wird den frühen Rolling Stones die Ehre erwiesen und mit „Gypsy market blues“ ein ultra-cooler Beatsong dargeboten, dass Uns-Keith vor Schreck das Whiskeyglas aus der Hand fallen dürfte.

Bereits im März koppelte man die erste Single „Don’t think you’re the first“ aus, die der Band endlich den überfälligen Status eines Top-Ten-Acts im Singles-Bereich einbrachte. Der Song ist eine Art Country-&-Western-Polka, quasi wie Ennio Morricone auf Dope, bei der man leibhaftig den Wüstenstaub im Mund schmeckt, die Pferde riecht und die Bande jeden Moment in Dodge City einreitet, um sich mit dem Sherrifs zu duellieren. Heiliger Wahnsinn! Doch auch die neue Single „Pass it on“ hat das Zeug zum UK-Chart-Topper: Hier bieten die Jungs in 2:20 Minuten akustisch verschmitzten Zeltlager-Pop mit Herz, Verstand, Tiefe und kompetenter Hookline.

Ab und an treiben es The Coral aber auch etwas zu weit. So ist „Milkwood blues“ zu einer Art Stehblues für Insassen der geschlossenen Abteilung geraten. Die Gitarren gniedeln bis einem die Haare zu Berge stehen und eine einsame Geige wimmert zum Steine erweichen. Willkommen zum fröhlichen Ringelpietz in der Irrenanstalt. Nicht weniger psychedelisch ist das karg instrumentierte „Eskimo lament“ geraten. Anfänglich singt Skelly nur zur Akustikgitarre, bis plötzlich Trompete und ein abgedrehter Background-Chor einsetzen. Absolut cool oder total verrückt – das ist hier die Frage. Als Rausschmeißer gibt es das 6:20 Minuten lange „Confession of a DDD“, das noch mal alle Stärken der Band bündelt: Einfallsreiche Melodiebögen, ungewöhnliche Instrumentierung und ein authentisches Post-Sixties-Feeling, das einem bisweilen ein debiles Grinsen auf die Backen zaubert.

Das Fazit lautet, dass „Magic and medicine“ um einiges zugänglicher ausgefallen ist, als das verschrobene Debüt aus dem Vorjahr, obwohl die Band einmal mehr eine Vielzahl an kruden Stilelementen wie Flöten, Kosaken-Gestampfe, Hawaii-Gitarren und Echolot-Sounds vereint und zu einem spritzigen Cocktail angerührt hat. Genie und Wahnsinn geben sich auf dem Album wie zu erwarten die Klinke in die Hand und sorgen für vergnügliche 40 Minuten. Mal schauen, was diese jungen Burschen in der Zukunft noch so imstande sind zu leisten, ist doch keiner der Sechs älter als 21 Jahre.

Anspieltipps:

  • Liezah
  • Pass it on
  • Gypsy market blues
  • Confession of a DDD
  • Don’t think you’re the first
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