Kashmir - Zitilites - Cover
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Kashmir Zitilites


  • Label: Columbia/SONY
  • Laufzeit: 62 Minuten
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9/10 Unsere Wertung Legende
6.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Im Vergleich zu seinen Nachbarn Norwegen und Schweden ist Dänemark auf der musikalischen Landkarte kaum vertreten. Warum dies so ist, hat sich offenbar noch niemand gefragt. Ist das dänische Volk gar völlig unmusikalisch? Etwas eigen waren sie ja schon immer. Aber weshalb bisher kaum ein dänischer Künstler grenzübergreifende Bekanntheit erlangen konnte, ist nicht bekannt. Eine der wenigen Bands, die es auch außerhalb ihrer Heimat zu einer gewissen Publicity gebracht hat, ist die Kopenhagener Gruppe Kashmir um Mastermind Kasper Eistrup (Musik, Texte, Gesang, Gitarre). Zusammen mit Mads Tunebjerg (Bass), Asger Techau (Drums) und Henrik Lindstrand (Keyboards, Gitarre) gründetet er die Band 1991. Drei Jahre später veröffentlichte man das erste Album „Travelogue“, das direkt eine Goldene Schallplatte einheimsen konnte. Nach zwei weiteren Platten waren Kashmir zu nationalen Stars aufgestiegen und erhielten sechs dänische Grammy Awards für ihr drittes Album „The good life“ (1999).

Dänemark stand Kopf und auch Resteuropa begann sich langsam für die Band zu interessieren. Ziemlich heftig für vier Vollblutmusiker, die gerade erst dem Indie-Status entwachsen waren. Und es kam, was kommen musste: „Wir brauchten eine Pause“, sagt Sänger, Gitarrist und Songschreiber Kasper Eistrup. „Eine Pause voneinander, von der Musik.“ Vier Jahre liegen deshalb zwischen dem neuen Werk „Zitilites“ und dem letzten Album „The good life“. „Wir haben gemerkt, dass Erfolg allein nicht inspirierend ist“, erzählt Bassist Mads Tinebjerg. „Wir wollten und mussten uns neu definieren.“ Die Dänen unterzogen ihren Sound einer Komplettrenovierung und tüftelten ein ganzes Jahr unter Mithilfe der Engineers Henrik Vindeby und Freddy Albrechtsen im eigenen Studio herum, ehe man mit den Bändern Anfang des Jahres nach England flog, um das Werk einem letzten Feinschliff zu unterziehen. Die Endproduktion fand im Sawmills Studio im englischen Cornwall in Zusammenarbeit mit dem BritPop-Strategen John Cornfield (Oasis, Stone Roses, Supergrass, Muse, Ride, Verve, New Model Army) statt. Das Resultat ist laut Bassist Mads Tunebjerg eine urbane Platte, deren Lieder wie kleine Lichter („Zitilites“ = „City lights“) sind. Manche kaum sichtbar, andere sehr hell. Songs, die aufblitzen – mal gleißend hell, mal schnell, mal verhuscht am eigenen Bildrand. Wie die Lichter von Kashmirs Heimatstadt Kopenhagen, die als Inspiration für das Album herhielten.

Das Resultat ist ein eindringliches Gitarrenalbum in atmosphärisch dichtem Soundgewand. Sowohl musikalisch als auch textlich ist „Zitilites“ ein abgeklärtes Werk von erhabener Anmut. Song für Song, Strophe für Strophe durchwirkt von tief empfundener Intensität, die bislang lediglich britischen Top-Acts wie Radiohead, Coldplay, Feeder oder Travis vorbehalten zu sein schien und hier ganz eindeutig als Referenzen ausgemacht werden können. Denn auch Kashmir geben sich zerbrechlich, romantisch, aber auch ungeheuer packend und präsent und pflegen ihre leicht verschrobenen Klangwelten. Die Songs sind von rauer Schönheit und bersten vor schlichter Songwritereleganz, die auf geniale Weise den düster melancholischen Stimmungen der letzten Radiohead- bzw. Coldplay-Werke folgt.

So würde eine atmosphärische Großtat wie „Melpomene“ – das mit monotonem Geplucker beginnt und sich dann in einer wahren Gitarreneruption ergeht – genauso zu den Glanzstücken auf „Hail to the thief“ (Radiohead) gehören, wie die beängstigend eingängige Ballade „The aftermath“ auf „A rush of blood to the head“ (Coldplay) einen Ehrenplatz bekäme. Dabei brauchen Kashmir gar kein großes Brimborium, um ihren Songs ein Maximum an Intensität zu verleihen. Verhaltene Stücke wie das meditative „The push“ oder das akustische Kleinod „The new gold“ zaubern dem Hörer auch mit vergleichsweise einfachen Mitteln eine Gänsehaut auf den Rücken. Für die Vielseitigkeit der Band stehen aber nicht nur balladeske Stücke in allen Facetten, sondern auch amtliche Rocksongs wie „Ramparts“ oder traumhafte Klanglandschaften wie „Petite machine“. Weitere herausragende Tracks sind die verspielt optimistische Hymne „Rocket brothers“, das chillige „Big fresh“, die erste Singleauskopplung „Surfing the warm industry“, die ein beschwingter Groover vor dem Herrn ist, sowie das von verhaltenen Piano-Akkorden getragene „In the sand“.

Kashmirs viertes Album ist ein kleines Meisterwerk geworden, das am Jahresende definitiv in allen Polls Spitzenplätze belegen wird. Die 14 Stücke lassen einen langsam begreifen, warum das Quartett in seiner Heimat einen unumstrittenen Ikonen-Status innehat. Dort ist „Zitilites“ bereits im März erschienen. Doch mit einem bisschen Glück wird das Werk auch bei uns auf euphorische Gegenliebe stoßen. Ende des Sommers kommt mit „Rocket brothers“ eine Dokumentation über Kashmir in die dänischen Kinos. Filmemacher Kaspar Trosting hat die Band vier Jahre lang begleitet. „Recht nüchtern, nicht zu privat“ sei das Resultat, so Mads Tunebjerg. „Ein ehrliches Portrait von vier Männern und ihrer gemeinsamen Leidenschaft.“ Bis dahin gilt die Maxime: Kopfhörer auf, „Zitilites“ in den CD-Player legen und die Welt um sich herum vergessen. Denn eines ist klar: Wer auf Radiohead und Coldplay steht, kommt in diesem Sommer an Kashmir nicht vorbei!

Anspieltipps:

  • Ramparts
  • In the sand
  • Petite machine
  • Rocket brothers
  • Ruby over diamonds
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