Heather Nova - Storm - Cover
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Heather Nova Storm


  • Label: Columbia/SONY
  • Laufzeit: 40 Minuten
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8/10 Unsere Wertung Legende
5.1/10 Leserwertung Stimme ab!

Auf „Storm“ präsentiert Heather Nova eine introvertierte Sammlung von elf ruhigen Folk-Popsongs, die nicht in Richtung Charts schielen.

Wenn es den ursprünglich aus der Woodstock-Generation stammenden Traum vom sogenannten Hippie-Leben heute noch geben sollte, dann zählt Heather Nova mit Sicherheit zu dieser besonderen Spezies, die sich ganz und gar mit den essenziellen Dingen des Lebens zufrieden gibt und nichts von der materialistischen Überflussgesellschaft der westlichen Welt hält. Menschen, für die Begriffe wie Stress, Karriere und Statussymbole Fremdwörter sind. Menschen, die ihrer eigenen Philosophie folgen und stetig auf der Suche nach einer Art von Spiritualität, nach Glück und Erfüllung sind, ohne dabei auf irgendwelche legale oder illegale Drogen zurückgreifen zu müssen.

Wie kaum eine Zweite verkörpert die 1968 auf den Bermudas geborene Heather Nova mit ihrer feinfühligen Musik und dem ungewöhnlichen familiären Background die paradiesische Ideologie der Flower-Power-Ära. Im Alter von sieben Jahren wird sie von ihren Eltern von der Schule genommen, um fortan mit ihrer Familie (Vater John, Mutter Jill und die Geschwister Mishka und Susannah) auf einer selbstgebauten Yacht durch die Karibik zu segeln. Auf dem Segelboot wird Heather durch das häufige Anhören von Musik-Kassetten ihrer Eltern beeinflusst. Auf einem Windgenerator angetriebenen Tape-Deck laufen die immer gleichen Songs von Neil Young, Van Morrison, Beatles, Rolling Stones, Bob Dylan, Cat Stevens bis hin zu Velvet Underground. In dieser Zeit baut Heather eine unterbewusste Verbundenheit mit dem Meer und der Natur auf, die sich in ihren späteren Werken durch immer widerkehrende Metaphern manifestiert.

Ihre ersten professionellen Gehversuche im Musikbusiness unternimmt Heather Ende der 80er-Jahre in London. Auf einem Acht-Spur-Tonbandgerät produziert sie Demos, die von Freund und Produzent Felix Tod an Plattenfirmen verteilt werden. 1990 veröffentlicht sie ihre erste EP auf dem kleinen Label Big Cat. Nebenher tritt sie in Londoner Clubs auf, wobei sie den Killing-Joke-Bassisten Martin Glover, besser bekannt als Youth, kennen lernt. Er erkennt ihr außergewöhnliches Talent und hilft Heather dabei, wichtige Kontakte zu Plattenfirmen zu knüpfen. 1993 wird das Album „Glowstars“ veröffentlicht, das eine Zusammenstellung von Demos, die für 250 englische Pfund aufgenommen wurden, enthält. Noch im selben Jahr erscheint das Live-Album „Blow“, das erste nennenswerte Verkaufszahlen erzielen kann. Internationale Bekanntheit erreicht Heather aber erst mit dem Studioalbum „Oyster“ (1994), wovon mehr als 700.000 Kopien verkauft werden können. Nach zwei weiteren EPs bringt sie 1998 ihr nächstes Studioalbum „Siren“ heraus, das sich ebenfalls sehr respektabel verkauft. Nach dem Live-Album „Wonderlust“ (1999) und einem Beitrag zum „Gloomy Sunday“-Soundtrack, erschien im September 2001 das vorerst letzte Werk „South“. Deutlich poppiger und offensichtlich auf Hitparadetauglichkeit getrimmt, verzettelte sich Heather ein wenig in Kooperationen mit befreundeten Musikern und Produzenten. Aufwendige Video-Clips werden gedreht. Doch bereits nach zwei Singleauskopplungen stellt das finanziell angeschlagene V2-Label die Promotiontätigkeit ein, während Heather traditionell durch ganz Europa tourt und begeisternde Konzerte gibt.

Zwei Jahre nach ihrem letzten Studioalbum meldet sich Heather Nova nun mit frischem Material und einem neuen Vertriebsdeal zurück. Nachdem sich V2 nur mühsam über Wasser halten konnte, wechselte die 35-Jährige zum Columbia Label (Sony Music), das für den Vertrieb in Deutschland, Österreich und der Schweiz zuständig ist. Beim ehemaligen Label V2 war man sogar so kulant, ein für den Sommer geplantes „Best Of“-Album vorerst auf Eis zu legen, damit die uneingeschränkte Aufmerksamkeit der neuen Platte gilt. Mit eben dieser CD verwirklicht Heather einen lang gehegten Wunsch, indem sie musikalisch zu ihren Wurzeln zurückkehrt und ein Album vorlegt, bei dem Songs, Klang und Produktion durch eine konsequente Einfachheit verknüpft werden. Denn nachdem die Vokals und die Bass-Gitarre in Heathers Heim auf den Bermudas aufgenommen wurden, befürchtete man, die Stücke würden im üblichen Produktionsprozess untergehen. Doch beim Hören ihrer persönlichen Lieblingsalben kam Heather auf die Idee, ihre Songs in Zusammenarbeit mit einem anderen Künstler sowohl als Co-Produzenten als auch Musiker weiter zu entwickeln, so wie sie schon ihre beiden letzten Alben mit einer bunten Mischung von Musikern und Produzenten einspielte.

Wunschkandidaten waren die Musiker von Mercury Rev, die Heather im vergangenen Sommer auf Tour getroffen hatte. Es war eine Idee wie aus einer fernen Vergangenheit, als das Musikgeschäft noch mit Künstlern, die Musik machen, zu tun hatte, und nicht so wie heute, wo Vertragsklauseln solche Initiativen bereits im Keim ersticken oder aber musikalische Zusammenarbeit zwischen Künstlern von ihren Labels in der Hoffnung hoher Umsätze initiiert werden. Und so kam es, dass der zweite Teil der Aufnahmen zusammen mit Mercury Rev in den Allaire Studios stattfand, in mehreren tausend Metern Höhe auf einem schneebedeckten Berg bei Woodstock, wo jeden Tag zwischen 15 und 60 Zentimeter Neuschnee fielen. Die Musik floss frei und schnell dahin, die „Divine Sparks“ schafften die erwünschte Atmosphäre, führten die Produktion mit sanfter Hand und spielten außer bei zwei Songs bei allen Stücken mit. Der erste Teil der Aufnahmen fand dagegen unter der drückenden Schwüle eines Spätsommers auf den Bermudas statt und die Abschlussproduktion in einem Manhattaner Frühling, der zwischen irrwitzigen Hitzewellen und Sturmböen mit heftigem Regen, Hagel und Schnee wechselte. Somit war irgendwie klar, das Wind und Wetter nicht nur den Titel von Heather Novas fünftem Studioalbum beeinflussen würden.

Auf „Storm“ präsentiert Heather Nova eine introvertierte Sammlung von elf ruhigen Folk-Popsongs, die nicht in Richtung Charts schielen, sondern mit aussagekräftigen Texten und einer beeindruckenden melodiösen Untermalung einen dauerhaften Eindruck beim Hörer hinterlassen wollen. Das Album besticht durch eine hohe atmosphärische Dichte die durch die auf das Elementarste beschränkte Mercury-Rev-Produktion gewährleistet wird. „Storm“ steht ganz in der Tradition klassischer Folk-Pop-Alben, auf denen kein Ton zuviel gespielt wird und keine zeitraubenden Spielereien im Studio stattfanden. Auf ihrem neuesten Werk erleben wir Heather Nova ungekünstelt und pur. Die intensiven Songs nehmen den Hörer von der ersten Sekunde an gefangen und lassen ihn an einer musikalischen Reise teilhaben, die Heather mit „Versuchung, Verlangen und Schuld“ beschreibt.

Den Auftakt zu dieser 40-minütigen Traumreise macht das schwelgerische „Let’s not talk about love“, das mit spartanischer Instrumentierung in Kombination mit Heathers Elfen-artiger Stimme für Gänsehaut sorgt. Ein fast noch schönerer Emo-Folk-Popper ist das mit einem leicht schrägen Engelschor verzierte „You left me a song“. Wie ein warmer Windhauch weht der Song aus den Lautsprechern und erzeugt eine romantische Atmosphäre, als säße man in einem Strandhaus auf einer einsamen Insel und lauscht dem Rauschen des Meeres. Man spürt es ganz deutlich: Heathers Naturverbundenheit und das Gefühl für die Liebe – das sind die Triebfedern für die Songs auf „Storm“. Und Heather Nova gelingt es vortrefflich, ihre Empfindungen für den Hörer in eine hypnotische Songkollektion umzuwandeln. Sei es beim sphärischen „Drink it in“, mit seinen zurückgenommen Pianoklängen, beim psychedelischen „Aquamarine“, das hymnische „One day in june“ mit seiner wunderschönen akustischen Gitarre und den lasziven Vocals, dem mit orgiastischer Stimmgewalt vorgetragenen „That’s all I need“, oder dem akustischen Solostück „Storm“. Hier passt einfach alles! Sogar den Herren vom Label wurde ein Gefallen getan, denn die erste Singleauskopplung „River of life“ zählt aus der Sicht eines Radio-Programmmachers zu den wohl eingängigsten Songs des Albums und kommt somit der Aufgabe für das Album zu werben am nächsten. Getragene Orgelklänge, sparsame aber doch prägnante Bass-Tupfer, ein Glockenspiel und natürlich Heathers himmlische Stimme machen den Titel zu einem Song, der den Meisterwerken auf „Oyster“ in Nichts nachsteht. Ein weiterer Single-Kandidat ist auch das wunderschöne „I wanna be your light“. Ein atmosphärischer Popsong von ergreifender Schönheit und schlichter Eleganz, der stellvertretend für dieses kleine Meisterwerk steht.

Nachdem sehr Pop-lastigen Album „South“ kehrt Heather Nova mit „Storm“ quasi zu ihren Wurzeln zurück und präsentiert ein äußerst homogenes Werk, das von der asketischen Produktion Mercury Revs unglaublich profitiert. Die „Divine Sparks“ lassen den Songs Luft zum atmen und erdrücken die feinen Melodien nicht mit der Gewalt moderner Studiotechnik. Dadurch konzentriert sich alles auf Heathers Stimme und die wiederentdeckte Akustikgitarre, die lediglich durch ein paar Orgel-, Bass- und Percussionklänge ergänzt werden. Man sollte nach einem halben Dutzend Hördurchgängen zwar nicht gleich vom „ganz großen Wurf“ sprechen, aber mit „Storm“ ist Heather Nova gewiss ein Karrierehighlight geglückt, das nicht nur ihre Fans begeistern dürfte.

Anspieltipps:

  • River of life
  • Fool for you
  • That’s all I need
  • You left me a song
  • I wanna be your light
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