Die Happy - The Weight Of Circumstances - Cover
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Die Happy The Weight Of Circumstances


  • Label: Firestarter/BMG
  • Laufzeit: 45 Minuten
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5/10 Unsere Wertung Legende
5.7/10 Leserwertung Stimme ab!

Wut und Enttäuschung sind sicher nicht die ideale Voraussetzung für eine CD-Rezension. Doch wenn eine der besten deutschen Live-Bands zum wiederholten Male nicht in der Lage ist, Energie und Spielwitz von der Bühne auf CD zu transportieren, sei dem Hörer ein gewisse Unzufriedenheit zugestanden.

Das Ulmer Quartett Die Happy zählt hierzulande zu den fleißigsten Bands. Seit dem Gewinn des „Baden Württemberg rockt“-Contests im Jahr 1998, sind die Vier fast pausenlos auf Tournee und können bis dato ein paar Hundert Gigs für sich verbuchen. Vor drei Jahren erschien ihr Debütalbum „Supersonic speed“, das sich zu einem Top-50-Hit mausern konnte. 2002 kam Album Nummer 2, „Beautiful morning“, auf den Markt, das der Gruppe einen „Echo“ als beste deutsche Alternative-Band bescherte und einige bemerkenswerte Singles abwarf. Die beiden Alben wurden von Fans und Presse wohlwollend aufgenommen, obwohl jeder, der Die Happy schon einmal live gesehen hat, konstatieren musste, dass der Sound aus der Konserve im Vergleich zu den Auftritten gezügelt und glatt gebügelt daherkam. Dazu nervten die Vergleiche mit den Göttinger Crossover-Kollegen Guano Apes, die ebenfalls auf eine Frau am Mikro setzen. Dabei könnte der Sound nicht unterschiedlicher sein. Thorsten Mewes (Gitarre), Ralph Rieker (Bass), Jürgen Stiehle (Drums) und Marta Jandová (Vocals) spielen Pop-orientierten Rock, während die Guano Apes zumindest in der Vergangenheit auf wesentlich kantigere Töne setzten, gewiss ohne eine Massenwirkung aus dem Auge zu lassen.

Während der Tour zum „Beautiful morning“-Album sammelten Die Happy mit Hilfe eines mobilen Mini-Studios Ideen zur Aufnahme ihres dritten Major-Albums. Danach ging es nach Schweden, um mit bekannten Musiker-Kollegen wie Peter Kvint, Anders Eliasson (Lambretta) und den K-Bros. erste Songstrukturen auszuarbeiten. Allein in Schweden entstanden so sieben Songs, sodass Die Happy zum Schluss ca. 30 verwertbare Songs im Gepäck hatten, mit denen es im Januar 2003 nach Los Angeles, in die House Of Blues Studios, ging, wo das erfolgsverwöhnte Produzenten-Team The Matrix (Avril Lavigne, Liz Phair) auf die Wahl-Ulmer wartete. Das Ziel der Unternehmung: In der kalifornischen Hitschmiede sollten die vermeintlichen Pop-Songs auf Hitparadentauglichkeit getuned werden, während Stammproduzent Ralph Quick in den dänischen Lundgaard Studios in Vejen für die rockigen Songs zuständig war. Ob man dies mit professioneller Aufgabenteilung oder eiskaltem Kalkül umschreibt, lassen wir mal dahingestellt. Auf jeden Fall hatte die Plattenfirma ihre Finger im Spiel, die bewusst auf eine heimische Produktion verzichtete und der Band den Trip in die USA ans Herz legte. Schließlich soll ein Major-Act in erster Linie Platten verkaufen. Und dazu zählt es, etwas internationaler zu werden, so die Theorie. Nur ist es leider nicht so, dass aus einer Dicke-Hose-Produktion automatisch mitreißende Songs hervorgehen.

Auch bei den 12 neuen Songs auf dem „The weight of circumstances“ getauften Drittwerk steht wieder die variantenreiche Stimme Marta Jandovás im Mittelpunkt, die sämtliche Facetten zwischen wütenden Rocksongs und schmeichlerischen Balladen beherrscht. Die Texte zu den Songs schreibt Marta prinzipiell erst am Schluss der jeweiligen Aufnahme, weil sie die Musik als Inspiration benötigt. „Inhaltlich geht es um Beziehungen, Sex und Zärtlichkeit, aber auch um die Begleichung offener Rechnungen. Ich rechne mit vielen Leuten ab“, sagt Marta kämpferisch, „zum Beispiel mit all denen, die aus mir etwas anderes machen wollen als ich bin.“

Den Auftakt macht der mit Lambretta-Gitarrist Anders Eliasson geschriebene Rockkracher „Take you on a ride (Superficial show)“, der mit abwechslungsreicher Dynamik aus fetten Gitarren-Riffs und einer schönen Ohrwurmmelodie aufwarten kann. Bei der ersten Singleauskopplung „Big boy“, die von Peter Kvint co-komponiert wurde, meint man zuerst die leidigen Heuler von Lambretta zu hören, so ähnlich sind sich die Songstrukturen. Schneidige Gitarren und ein zuckersüßer Refrain, der natürlich sofort ins Ohr geht, aber jeglichen Tiefgang vermissen lässt. Doch danach fragt bei einem potenziellen Radiohit eh keiner. Zudem reißt Martas Stimme grundsätzlich einiges raus, um auch ein Stück wie „Big boy“ als gelungen bezeichnen zu können. Die obligatorische Mega-Ballade, um mal den Plattenfirmenjargon zu zitieren, ist „Slow day“. Getragen von Martas Stimme schwebt dieses melancholische Zuckerwattewölkchen aus den Lautsprechern und lässt den Hörer an den Leiden der Sängerin teilhaben, die bekennt „It’s a slow day when you’re not around, it’s a slow day without you“. Wer da wohl gemeint ist?

Grundsolide - so kann man das neue Werk der Ulmer Spatzen beschreiben. Wenn, ja wenn, grundsolide nicht auch gleichbedeutend mit belanglos und arm an Überraschungen wäre. Denn neben drei, vier überdurchschnittlichen Songs wird das Bild von allenfalls netten Rocksongs wie „Good friend“, „Get up“ und „Mannequin“ bestimmt. Dazu gesellen sich ein paar gepflegte Langweiler wie „Your soul is a pilot“, „There you are“, „Everday’s a weekend“, mit einer wenigstens betörend dahin gehauchten Stimme Martas, oder hymnische Halbballaden wie „Wrong“ und „Standing strong“, die in Stadien zum Wunderkerzenschwenken funktionieren, aber auf CD merkwürdig blutleer klingen. Dabei hat das Label richtig in die Produktion investiert, um unterm Strich ein „Auf-Nummer-Sicher“-Album abgeliefert zu bekommen.

Alles klingt fetter, ausgeklügelter und innovativer, aber oftmals auch ohne Leidenschaft und ohne einen Funken Risikobereitschaft. Ob dieses Malheur an den verschiedenen Produzenten und Co-Songwritern, oder einfach nur an mangelhaftem Songwriting liegt? Vermutlich ist es eine Mischung aus allen drei Faktoren, die dazu beigetragen haben, dass Die Happy wieder ein Album abgeliefert haben, das man sich vier bis fünf Mal anhört und dann in den Untiefen seines CD-Regals verschwinden lässt. Doch was wäre, wenn Die Happy beim nächsten Mal versuchen würden, ihre explosive Live-Power auf Band festzuhalten? Ein Sprung in die Champions-League-Ränge der Kritiker wäre wohl unausweichlich.

Anspieltipps:

  • Big boy
  • Get up
  • Slow day
  • Worlds away
  • Take you on a ride (Superficial show)
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