ZZ Top - Mescalero - Cover
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ZZ Top Mescalero


  • Label: RCA/BMG
  • Laufzeit: 66 Minuten
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ZZ Top - Mescalero
10 1 7/10 Unsere Wertung Legende
5.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Die „lil ol’ band from Texas“ geht den auf den letzten Alben eingeschlagenen Weg konsequent weiter und liefert erneut ein derb abrockendes Blues-Album ab.

Wenn Bands ihren Namen als Warenzeichen registrieren lassen, ist das eigentlich ziemlich albern und überhaupt nicht Rock-’N’-Roll-like. Doch ab einer gewissen Größenordnung verbirgt sich hinter solchen Bands bzw. Markenzeichen eine gut geölte Gelddruckmaschine, die mit allen Mitteln am Laufen gehalten werden soll. Und da kann es nicht sein, dass irgendwelche Trittbrettfahrer mit dem Logo einer Band Geld verdienen. Die Rolling Stones sind die Genre-Vorreiter des Markenschutzes und die „lil ol’ band from Texas“ tut es ihnen seit einiger Zeit nach. Wobei es gerade bei diesen Combos Sinn macht, denn beide Gruppen haben nicht nur ein einprägsames Logo, sondern pflegen auch einen unverwechselbaren Sound, der einzigartig ist und ebenso als Markenzeichen angesehen werden muss.

Das texanische Trio Billy F. Gibbons (Gitarre, Vocals), Frank Beard (Drums) und Dusty Hill (Bass, Vocals) setzte sich im Jahr 1969 aus den Überbleibseln der Blues-Rock-Combos Moving Sidewalks und Amercian Blues zusammen und firmiert seitdem unter dem Namen ZZ Top. Die drei bärtigen Gesellen haben sich einer besonders rauen Abart des Blues verschrieben, die sich aus Country-, Rock- und Boogie-Fragmenten zusammensetzt. Mit diesem Cocktail feierten ZZ Top vor allem in den 80er-Jahren kommerzielle Erfolge, als sie begannen, ihren Sound zu modifizieren und ihrem urwüchsigen Blues einen guten Schuss Overdubs, Synthesizer- und Elektroklänge beimischten. Plötzlich war die kleine Bluesband aus Texas massentauglich und verkaufte von Alben wie „Eliminator“ (1983), „Afterburner“ (1985) und „Recycler“ (1990) fantastische Stückzahlen. Vor allem die Videoclips zu den diversen Singleauskopplungen prägten seiner Zeit das Image von ZZ Top. Heiße Autos, noch heißere Frauen in knappen Bikinis, dazu eine nette Story und ein paar coole Gitarren-Riffs, fertig war der Hitcocktail.

Mitte der 90er-Jahre begann eine Art Rückbesinnung auf alte Tugenden, indem die Band sich wieder mehr dem klassischen Blues widmete und die Synthesizer über Bord warf. Die Alben wurden rauer und führten den Sound Stück für Stück in selige Zeiten zurück, als Werke wie „Tres Hombres“ 81 Wochen in den Billboard-Charts verweilten und der Blues auch ohne High-Tech-Schnick-Schnack hoffähig war. Genau dort knüpft das neue ZZ Top-Werk „Mescalero“ an. Und doch schaffen es die drei Musiker ihren Sound nicht altbacken klingen zu lassen, sondern mit modernen Klängen so anzureichern, dass dem Hörer 16 homogene Songs präsentiert werden können, die den Produktionen derzeit angesagter Bands in nichts nachstehen. Eigentlich war die Veröffentlichung von „Mescalero“ schon für den April geplant. Doch die Plattenfirma erkannte, welch außergewöhnlich gutes Material ZZ Top abgeliefert hatten und erbat sich Zeit zum Entwickeln einer adäquaten Promotionkampagne aus. Dies verzögerte den Release bis Anfang September.

Doch nun ist es endlich so weit und die Texaner können ihr neues Songmaterial auf die Öffentlichkeit loslassen. Den Auftakt macht das Titelstück als Groove-Monster erster Güte, das sogleich verdeutlicht, wohin die Reise im 34. Jahr des Bandbestehens geht. Deutlich rockiger gehen die Herren Gibbons/Beard/Hill anno 2003 zu Werke. Der Bass rumpelt wie vom Donner gerührt, die Gitarren-Riffs sind dreckiger denn je und auch die Stimmen kommen entweder heiser wie ein vom Wüstenwind traktiertes Reibeisen oder tief und dunkel wie ein grummelnder Bär daher. Dazu haben die Burschen es nicht verlernt, wie man eine griffige Melodie schreibt und diese mit kernigen Gitarrensounds kombiniert.

So unterbreitet uns das Trio ungewöhnlich rhythmische Blues-Bastarde wie „Alley-Gator“, klassische Slow-Blues-Balladen mit eindringlichen Gitarrensoli („Goin’ so good“), durch und durch coole Fußstampfer („Buck nekkid“, „Crunchy“) und mit „Me so stupid“ einen typischen ZZ Top Boogie ’N’ Blues mit mörderischem Groove, raumgreifenden Gitarreneinlagen und herrlich scheppernden Drums, als hätte Frank Beard sein Drumkit wie Lars Ulrich auf Metallicas umstrittenem Neuwerk „St. Anger“ gestimmt. Oder besser nicht gestimmt. Ganz wie man’s nimmt. Also nicht aufregen! So ein bisschen Geschepper ist durchaus cool. Auffällig ist auch, dass ZZ Top den Hörer mit hart rockenden Gitarren und amtlich bollerndem Bass, wie bei den Songs „Piece“, „Stackin’ paper“ und „Punk ass boyfriend“, herausfordern wollen. Die Schmusewelle ist eindeutig beendet. Ab jetzt zählen wieder echte Männer.

Die „lil ol’ band from Texas“ geht den auf den letzten Alben eingeschlagenen Weg konsequent weiter und liefert erneut ein derb abrockendes Blues-Album ab, das mit härteren Passagen nicht spart. Auch auf ihrem 14. Studioalbum steht ehrliches, den Geruch von Bier und Schweiß („Beer drinkers and hell raisers“) verströmendes Handwerk, im Vordergrund. Okay, auch auf „Mescalero“ ist nicht alles Gold, was glänzt wie ein kühles Corona, aber die wenigen schwachen Stücke fallen angesichts vieler überdurchschnittlicher bis herausragender Tracks kaum ins Gewicht. Das neue ZZ Top-Album ist also auch heuer einen Kauf wert.

Anspieltipps:

  • Me so stupid
  • Buck nekkid
  • Alley-Gator
  • Mescalero
  • Piece
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