Soundtrack - Liegen Lernen - Cover
Große Ansicht

Soundtrack Liegen Lernen


  • Label: Mute/EMI
  • Laufzeit: 60 Minuten
Artikel teilen:
7/10 Unsere Wertung Legende
5.3/10 Leserwertung Stimme ab!

Was macht die Altersklasse der heute Dreißigjährigen so besonders, dass sie zur Analyse ihrer eigenen Befindlichkeit eine Unzahl von Büchern benötigt, die von gleichaltrigen „Leidensgenossen“ verfasst wurden und der so genannten „Generation Golf“ den Spiegel vorhält? Liegt es am Erwachsenwerden in einer, im Nachhinein betrachtet, völlig geschmacksverirrten Epoche, in denen die Teenager neidisch auf die Generationen davor blickten, die mit Punk-Rock, Flower-Power und freier Liebe aufgewachsen waren? Oder sind es die Folgen der Helmut Kohlschen Wohlstandsgesellschaft, die eine „Null-Bock-Mentalität“ gerade zu heraufbeschwor? Schwer zu sagen, denn die Frage nach dem Warum beantworten Bücher wie „Generation Golf“ (Florian Illies), „Flaschendrehen“ (Jess Jochimsen), „Herr Lehmann" (Sven Regener) und „Liegen lernen" von Frank Goosen auch nicht.

Der Autor von „Liegen lernen" sagt, dass „die Achtziger keine gute Zeit waren, um erwachsen zu werden, jedenfalls keine Zeit, auf die man voller Sentimentalität zurückblicken kann“ und fängt dies in seinem Debüt-Roman so treffend und charmant ein, dass eine Verfilmung unumgänglich war. Und so kann man Helmut, den Helden aus Frank Gosens Bestseller, seit einiger Zeit auf der Leinwand bewundern. Umgesetzt wurde das Buch von Regisseur- und Drehbuchautor Hendrik Handloegten, der bereits mit dem TV-Film „Paul Is Dead“, einer herrlichen schrägen Beatles-Hommage, für Begeisterung sorgen konnte und sich nun an seinem ersten Kinofilm („Kritik hier") versuchen konnte. Das Ergebnis kann sich unbestritten sehen lassen und wuchert mit einer Top-Besetzung deutscher Nachwuchsschauspieler (Fabian Busch, Fritzi Haberlandt, Florian Lukas und die wunderbare Susanne Bormann).

Ein zentrales Organ des Films ist der liebevoll zusammengestellte Soundtrack, der die Leinwand-Situationen perfekt untermalt und für viele „Liegen lernen“-Begeisterte einen retrospektiven Blick in die 80er Jahre darstellt. Dabei hält sich die Soundtrack-CD exakt an die Reihenfolge wie die Songs im Film vorkommen und zaubert damit das perfekte Déjà-vu-Erlebnis ins heimische Wohnzimmer. Dazu kommentiert Hendrik Handloegten jeden einzelnen Song im Booklet für eine korrekte Rundumbedienung des Hörers. Als Opener spielen The Cascades auf, obwohl sie mit den 80er Jahren direkt nichts zu tun haben. Ihre Kult-Schnulze „Rhythm of the rain“ ist satte 40 Jahre alt und animiert im Film den Vater von Helmut zu wilden Tanzeinlagen im Keller. Das Lagerfeuerlied „Dust in the wind“ von Kansas mag ja gewisses Peinlichkeitspotenzial besitzen, doch ist das Stück ein unbestrittener Klassiker der späten 70er Jahre und, wie Regisseur Handloegten sagt, „einer der besten Teesäufersongs“. Ist nur blöde, dass man beim Refrain immer den Text aus der berühmten Meßmer-Tee-Werbung mitsummt.

Es folgen die unsäglichen Fisher Z mit ihrer Progessive-Pop-Hymne „Berlin“, ehe die englische Band Popgroup das verschrobene „Thief of fire“ aus dem Jahr 1980 anstimmt. Danach gibt es einen der definitiven Schmachtfetzen der Achtziger. F.R. David jodelt seinen Disco-Synthie-Knaller „Words“, dass Dieter Bohlen vor Neid erblassen dürfte. Die Berliner Klangtüftler Tarwater bieten das semi-elektronische Instrumental „Otomo“, bei dem durch simple Geräusche, wie das Rutschen über Gitarrensaiten, Gänsehautatmosphäre erzeugt wird. Die nur wenigen bekannte Band Steamhammer liefert mit „Lost you too“ einen entspannten Blues aus ihrem 1969er Debütalbum ab. Sehr rootslastig und atmosphärisch ist auch die Neuauflage des Kiffer-Klassikers „Albatross“ von 1971, bei der DJ und Produzent Chris Loco die ausgezeichnete Arbeit des Ex-Fleetwood-Mac-Gitarristen Peter Green würdigt.

Das wunderschöne Instrumental „Liebestraum“ ist der einzige Beitrag vom Original-Filmscore des Aachener Gitarristen/Keyboarders Dieter Schleip. Ebenfalls stark: Cheries psychedelische Folk-Ballade „Coffee baby“, die unglaublich an die verträumten Klanglandschaften des amerikanischen Duos Mazzy Star erinnert. Zu den wenigen Stars auf dem Sampler zählen die Pop-Götter von R.E.M., die mit „Pop song ´89“ einem ihrer ersten Hits präsentieren. Kurz vor Schluss geben noch die großartigen Morphine ihr Stelldichein. Sie wandeln bei „In spite of me“ vom Album „Cure for pain“ (1993) auf den Spuren des kanadischen Song-Poeten Leonard Cohen und geben einen introvertierten Folksong mit flüsterndem Sprechgesang zum Besten. Zu guter letzt dürfen die Sensations-Newcomer des Jahres Wir sind Helden mit dem „Die Reklamation“-Song „Denkmal“ den Abspann des Films untermalen und einen würdigen Abschluss des Albums abgeben.

Zu einer äußerst gelungenen Filmumsetzung des Kult-Romans „Liegen lernen“ wird ein ebenso brauchbarer Soundtrack angeboten, der exakt auf den Film abgestimmt ist und zu keiner Zeit den Eindruck eines lieblos zusammengeschusterten Ergänzungsprodukts erweckt. Die 17 Songs ergeben ein stimmiges Gesamtbild, das von wenigen Film-Einspielern mehr zusammengehalten, denn unterbrochen wird. Selten lohnt es sich wirklich einen Soundtrack in sein CD-Regal zu stellen. In diesem Fall ist es aber eine Überlegung wert!

Anspieltipps:

  • Tarwater – „Otomo“
  • Cherie – „Coffee baby”
  • Kansas – „Dust in the wind“
  • Dieter Schleip – „Liebesthema”
  • Chris Loco Feat. Peter Green – „Albatross”
Neue Kritiken im Genre „Pop“
Diskutiere über „Soundtrack“
comments powered by Disqus