Neil Young - Are You Passionate? - Cover
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Neil Young Are You Passionate?


  • Label: Reprise/WEA
  • Laufzeit: 66 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
5.5/10 Leserwertung Stimme ab!

Nach zwei wenig inspiriert wirkenden Alben meldet sich der Kanadier jetzt unter tatkräftiger Mithilfe seiner alten Kumpel Booker T. Jones, Poncho Sampedro und Donald „Duck“ Dunn auf den Plattentellern der Welt zurück.

Neil Young schickte sich als erster ernstzunehmender Musiker an, einen künstlerischen Beitrag zur Verarbeitung der schlimmen Geschehnisse vom 11. September 2001 zu leisten. Im direkten Vergleich zu Bruce Springsteen, der sich auf seinem neuen Album ebenfalls mit diesem Thema beschäftigt, sieht der „Godfather Of Grunge“ allerdings verhältnismäßig alt aus. Angefangen bei einem ziemlich peinlichen Cover-Artwork (rote Rose auf Army Tarnjacke) bis hin zu einer höchst umstrittenen Aufarbeitung der Ereignisse an Bord des vierten gekaperten Flugzeuges, das beherzte Passagiere in Pittsburgh, Pennsylvania, zum Absturz brachten, bevor es das Ziel der Terroristen erreichen konnte.

Zu Neil Young muss eigentlich nicht mehr viel geschrieben werden. Der einzige Independent-Musiker des Mainstreams hat seit Beginn seiner Karriere in den 60er Jahren so viele Verdienste um die moderne Rockmusik, dass es müßig erscheint, diese aufzuzählen. Neben seinem Engagement bei Crosby, Stills, Nash & Young und Buffalo Springfield hat er als Solokünstler und mit seinen diversen Begleitgruppen (The Stray Gators, Crazy Horse, The Blue Notes, The International Harvesters, The Ducks, The Trans Band, etc.) wegweisende Alben veröffentlicht. Zu den herausragendsten Werken zählen „After the goldrush“ (1970), „Harvest“ (1971), „On the beach“ (1974), „Rust never sleeps“ (1979), „Freedom“ (1989), „Ragged glory“ (1990), „Sleeps with angels“ (1994) und „Mirrorball“ (1995), das zusammen mit der Band Pearl Jam aufgenommen wurde.

Die Fans des Meisters zählen gewiss zu den loyalsten weltweit. Es wird zwar nicht alles gutgeheißen, was Old Neil auf seinen Platten so ausheckt (man denke nur an die grausame „Geffen“-Phase in den 80er Jahren, als Werke wie „Re-ac-tor“ (1981), „Trans“ (1982), „Everybody‘s rockin‘“ (1983), „Old ways“ (1985) und „Landing on water“ (1986) entstanden, die so schlecht waren, dass Young von seiner Plattenfirma verklagt (!) wurde), aber man freut sich doch immer wieder auf ein neues Werk und fragt erwartungsfroh, was der alte Waldschrat jetzt wieder für musikalische Haken zu schlagen gedenkt.

Nach zwei wenig inspiriert wirkenden Alben meldet sich der Kanadier jetzt unter tatkräftiger Mithilfe seiner alten Kumpel Booker T. Jones, Poncho Sampedro und Donald „Duck“ Dunn mit „Are you passionate?“ auf den Plattentellern der Welt zurück. Elf Songs haben es auf die CD geschafft, die zusammen eine Spieldauer von 66 Minuten ergeben. Das bedeutet, dass bei den meisten Stücken die Fünf-Minuten-Marke deutlich überschritten wird und auch gelegentlich ausufernd gejammt werden darf. Wie bei Neil-Young-Alben üblich, bedarf es einiger Hördurchläufe, um sich ein endgültiges Urteil zu erlauben. Dabei fällt relativ schnell auf, dass man das aktuelle Werk in zwei Sparten einteilen muss. Auf der einen Seite steht die Musik, die im großen und ganzen zufriedenstellend ist, und auf der anderen Seite die Texte, mit denen sich Young ganz sicher keinen Gefallen getan hat. Abgesehen von dem eingangs erwähnten Beitrag zum 11. September („Let‘s roll“) bietet der gute Neil teilweise höchst pubertäre Texte dar, die einem Mann seines Alters (Young wird im November 57) irgendwie nicht mehr abgenommen werden. Ärgernisse wie die Endlosschleife von Parolen à la „Hey baby I’m your man“ und „Don’t say you love me. That’s what she said“ im Song „Quit“ hätte sich Young wirklich sparen können. Der überzogene Patriotismus in „Let’s roll“ ist ebenfalls sehr fragwürdig. Zeilen wie „No one has the answer, but one thing is true, you've got to turn on evil, when it's coming after you. You've gota face it down and when it tries to hide. You've gota go in after it and never be denied. Let's roll for freedom, Let's roll for love. We're going after satan on the wings of a dove. Let's roll for justice let's roll for truth. Let's not let our children grow up fearfull in there youth” geben Anlass zu denken, dass Young in George W. Bush einen guten Freund hat.

Was man dem Album gleichermaßen zugutehalten wie zur Last legen kann, ist, dass es wie aus einem Guss klingt. Es gibt keine Feedbackorgien oder reinrassige Akustikperformances, was an der Produktionsweise der Soul-Legende Booker T. Jones liegt dürfte, der den Stücken einen gewissen Swing verliehen hat. Nur einmal wird richtig gerockt („Goin’ home“), ansonsten dominieren die getragenen Rock- und Blues-Töne. „Mr. Disappointment“ weiß mit einer wunderbar „singenden“ Solo-Gitarre zu gefallen, während man „Differently“ als Neils kleine Polka bezeichnen kann. Zu „When I hold you in my arms“ lässt sich bestimmt ganz hervorragend ein „Klammer-Blues“ tanzen. Dagegen wähnt man beim über neun Minuten langen Schlussstück „She’s a healer“ die grenzenlose Spielfreude der Grateful Dead wiederzuerkennen. Das ist alles nicht schlecht, aber auch nicht besonders meisterlich.

Das 2002er Werk kann leider nicht zu den epochalen Großtaten eines Neil Young gezählt werden. Die routiniert eingespielten Stücke bieten dazu auf künstlerischer Ebene keine Überraschungen. Um wieder etwas Drive in seine Karriere zu bekommen, sollte Mr. Young mal einen Blick über den Tellerrand wagen und sich mit den letzten grandiosen Outputs von Bob Dylan und Johnny Cash beschäftigen. Das sind Alterswerke voller Würde und Glanz. „Are you passionate?“ ist auf dem hohen Level eines Neil Young nur nette Unterhaltung.

Anspieltipps:

  • Mr. Disappointment
  • Are you passionate?
  • Goin’ home
  • Two old friends
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