Dave Pirner - Faces And Names - Cover
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Dave Pirner Faces And Names


  • Label: Ultimatum Music/ARTEMIS
  • Laufzeit: 43 Minuten
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7/10 Unsere Wertung Legende
5.3/10 Leserwertung Stimme ab!

In New Orleans, dem musikalischen Schmelztiegel Amerikas, entstand das erste Soloalbum von Soul Asylum Mastermind Dave Pirner.

Dave Pirner ist seit über 20 Jahren in der Musikszene aktiv. Er gründete 1981 in seiner Heimat Minneapolis die Band Soul Asylum und veröffentlichte mit ihr von 1984 bis Anfang der 90er Jahre sechs von der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtete Platten auf dem kleinen Indie-Label TwinTone. Im Zuge der Grunge-Welle zu Beginn der 90er-Jahre nahmen die großen Plattenfirmen alles unter Vertrag, was irgendwie eine Gitarre halten konnte. Davon profitierten auch Soul Asylum, die von Columbia/Sony verpflichtet wurden, obwohl sie mit Grunge soviel zutun haben, wie Slipknot mit anspruchsvoller Musik.

Trotzdem gelang mit Hilfe des Major-Labels der große Durchbruch. Das Album „Grave dancers union“ (1992) enthielt eine Handvoll radiotauglicher College-Rock-Songs, von denen „Runaway train“ zum absoluten Renner wurde und einen Grammy für den besten Rock-Song des Jahres erhielt. Das Resultat waren über vier Millionen verkaufte Tonträger, womit die vier Bandmitglieder ihre Schäfchen im Trockenen hatten. Diese Entspannung hörte man den Veröffentlichungen der Folgejahre deutlich an. Fans und Kritiker warfen den Herren vor, ihren Biss verloren zu haben. Dave Pirner machte nicht mehr durch seine Musik von sich Reden, sondern mit seinen Affären (u.a. mit Winona Ryder).

Mit seinem Solo-Debüt „Faces & Names“ begibt sich der Künstler nun zurück an die Anfänge seiner Karriere. Das Werk erscheint auf dem kleinen, in Los Angeles ansässigen Label Ultimatum Music im Vertrieb von Artemis Records. Die Songs entstanden zwischen 1999 und 2001 und wurden in Daniel Lanois’ Kingsway Studio in New Orleans unter Mithilfe von Mike Napolitano und Trina Shoemaker (Sheryl Crow) aufgenommen. Als Gastmusiker fungierten unter anderem der bekannte Sänger und Gitarrist Chris Whitley, Ex-Soul Asylum Drummer Ian Mussington und Keyboard-Legende Billy Preston (Beatles, Rolling Stones). Bei den Aufnahmen nahm sich Pirner alle Zeit der Welt und tüftelte solange herum, bis das Ergebnis zu seiner vollkommenen Zufriedenheit war. Nicht selten wurden die Stücke mehrmals in verschiedenen Versionen aufgenommen. Ziel war es, die Songs nicht nach Soul Asylum klingen zu lassen, sondern mehr im R&B Bereich anzusiedeln. Auch textlich wollte er die üblichen Pfade seiner in der Regel düsteren Texte verlassen, was sich als gar nicht so einfach erwies. Dazu Pirner: „It was a bit of a different direction for me, in a way. Writing happy songs is like a weird phenomenon to me; there's not a lot of places to go that aren't a dance and fuck and party' kind of thing. There's not enough content to it and you really have to be careful not to fall into that trap. In New Orleans, I was blown away by how the players actually look happy to be playing. They're always smiling and clearly love what they're doing, even though they're usually not getting paid crap. That really rubbed off on me“.

Nicht nach seiner Stammband zu klingen, bedeutete für Pirner auch im Bereich des Songwriting andere Wege zu gehen. Bei Soul Asylum muss der Sänger ständig gegen die lauten Gitarrenklänge von Danny Murphy ansingen. Da seine Stimme keinen besonders großen Umfang besitzt, muss dabei mit moderner Studiotechnik nachgeholfen werden (das sogenannte „Pitching“). Für „Faces & Names“ war dies nicht nötig, da Pirner die Tracks seiner Stimme angepasst hat, um eine eher entspannten Grundstimmung Genügezuleisten.

Der Umzug nach New Orleans wirkt sich wie eine Reinkarnation der Kreativität des 38-jährigen Songwriters aus. Die Songs atmen richtiggehend das Lebensgefühl der Stadt am Fuße des Mississippi und verbreiten ein ganz spezielles Flair. Die Soul Asylum Fans werden zwar erstaunt sein, was Dave Pirner auf den 11 Stücken der CD anstellt, doch die knappe Dreiviertelstunde Musik ist diese Erfahrung wert. So kommt „Teach me to breathe“ mit schleppenden Beats und einem Refrain daher, der stark an Tom Petty erinnert. Und dass der gute Tom Hooks für die Ewigkeit schreiben kann, dürfte landläufig bekannt sein. „Never recover“ ist ein atmosphärisches Liebeslied, das nicht die üblichen Extrem-Klischees zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt bedient, sondern von den Klängen einer Wurlitzer Orgel getragen auf sehr differenzierte Weise mit der Thematik umgeht. „Feel the need“ perlt mit einer unverschämt lockeren Coolness aus den Boxen, dass man richtig spüren kann, welche Freude Pirner gehabt haben muss, seine ungeahnten Qualitäten als Crooner unter Beweis zu stellen. Auf „Much too easy“ werden die Töne zum ersten Mal etwas härter, wenn zu groovigen Bass-Tönen eine schneidende E-Gitarre sägt. Der „Lärm“ hält sich allerdings in Grenzen und sorgt nicht dafür, dass der Song aus dem Rahmen fällt.

Den Schlusspunkt setzt der Meister mit „Start treating people right“, einem wiederum sehr langsamen und getragenen Song, mit Chris Whitley an der Dobro (einer speziellen Resonator-Gitarre) und zarten Streicherklängen als Soundteppich. So ähnlich hat ein Rod Stewart zu seinen besseren Zeiten in den frühen 70er Jahren geklungen. Nun soll Dave Pirner nicht dessen Nachfolge antreten. Aber dieser Abschluss, der nochmals alle Klang-Charaktere des Werkes zusammenfasst, ist schon ein sehr feines Stück Musik.

Man sollte dem Werk die Chance geben, sich etwas ausführlicher damit zu beschäftigen und das Schubladendenken loswerden. Ähnlich wie Jon Bon Jovi, der auf seinem Soloalbum „Destination anywhere“ einen anderen musikalischen Stil einschlug als von seiner Hauptband gewohnt, versucht Dave Pirner auf seinem ersten Soloritt neue Einflüsse zu verarbeiten und andersartig ausdrücken. Dabei entstand ein Album, für das es wohl nur in der englischen Sprache die passende Bezeichnung gibt: „Mellow and totally laid back“. In einer besseren Welt würden solche Platten sogar in die Charts gehen. Doch das bleibt wohl nur ein Traum, denn im Augenblick ist die CD gerade in Europa nur schwer erhältlich. Wer deshalb die Chance hat, an das Album heranzukommen, der sollte diese auch nutzen.

Anspieltipps:

  • Faces & names
  • Never recover
  • I’ll have my day
  • Teach me to breathe
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